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Bürgerkrieg in Syrien: Russland will den Frieden diktieren

Militäreinsatz in Syrien  

Machtspiele: Russland will den Frieden diktieren

16.02.2016, 14:28 Uhr | Gaby Chwallek, AP

Bürgerkrieg in Syrien: Russland will den Frieden diktieren .  (Quelle: dpa)

(Quelle: dpa)

Der Konflikt in Syrien war kompliziert. Seit Russlands Eintritt in die Kämpfe ist die Lage noch undurchsichtiger geworden. Doch Moskau geht es nicht um die Bekämpfung des IS. Es geht um Macht, um wieder ein bedeutender Spieler auf der internationalen Bühne zu werden. 

Das ist dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gelungen - und jetzt hofft Moskau, dass es mit Hilfe seiner Luftstreitmacht die Bedingungen für eine Feuerpause und künftige Friedensgespräche diktieren kann.

Erhebliche Fortschritte für Assads Trupen

Mit Hilfe russischer Bomben sind den syrischen Regierungstruppen erhebliche Fortschritte auf dem Schlachtfeld gelungen, während die vom Westen unterstützte Opposition zersplittert und geschwächt ist. Das hat Syriens Präsidenten Baschar-al-Assad, Russlands einzigen Verbündeten in der Region, im Tauziehen um eine Waffenruhe in seine stärkste Position seit Jahren versetzt.

Russland selber sieht sich in der Rolle eines unabdingbaren globalen Mitspielers, der den Schlüssel zur Beilegung eines fast fünfjährigen Konflikts mit einer enormen Flüchtlingswelle als Folge in der Hand hat. Und die USA können sich keine Hoffnung darauf machen, dass sich ihre Vorstellungen von einer Lösung durchsetzen lassen, ohne Russland zu umwerben.

Konfrontation mit Türkei und Saudi-Arabien

Das heißt nicht, dass es keine Herausforderungen für Kremlchef Wladimir Putin gäbe. Die Türkei, Saudi-Arabien und andere regionale Spieler, die Assads Gegner unterstützen, denken über eine Entsendung von Bodentruppen nach. Das könnte breiter gefächerte Feindseligkeiten auslösen und würde die Gefahr einer Konfrontation zwischen ihren Kräften und dem russischen Militär bergen.

Dennoch scheint Putin nur allzu bereit zu sein, seinen Einsatz zu erhöhen - wohl in der Hoffnung, dass eine Rückeroberung der zur Hälfte von den Rebellen kontrollierten Großstadt Aleppo durch die Assad-Truppen Russlands Position weiter stärken wird.

Angriffe auf Krankenhäuser

Wie sehr sich die Kämpfe im Norden mittlerweile zugespitzt haben, zeigen die jüngsten Luftangriffe auf mehrere Krankenhäuser und Schulen. Zumindest ein Hospital ist nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die der Opposition nahesteht, von russischen Flugzeugen beschossen und zerstört worden.

Insgesamt setzen die Russen nicht mehr als ein paar Dutzend Jets in Syrien ein, die aber dafür umso häufiger ihre Angriffe fliegen. Gleich mehrere pro Tag für jede Maschine - das summiert sich. So hat es innerhalb von nur viereinhalb Monaten mehr als 6000 solcher Luftrangriffe gegeben.

Bisher nur wenige Verluste für Russland

Die Flugzeuge sind auf dem Stützpunkt Hmeimim in der Küstenprovinz Latakia stationiert, im gut geschützten Kernland der Alawiten-Sekte, der Assad angehört. Damit hat Moskau das Risiko von eigenen Verlusten verringert. Bisher kamen drei seiner Militärangehörigen in Syrien ums Leben. Ein Pilot wurde getötet, als seine Maschine von einem türkischen Jet im November abgeschossen wurde, ein Marineinfanterist starb bei einem Rettungseinsatz für das zweite Besatzungsmitglied des russischen Flugzeuges. Außerdem wurde ein Militärberater bei einem Granatenbeschuss getötet.

Es ist Russlands erste militärische Operation außerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion seit deren Zusammenbruch 1991. Moskau nutzt sie auch dazu, seine neuen militärischen Fähigkeiten zu demonstrieren und moderne Waffensysteme erstmals in Kampfsituationen zu erproben. So testete das Militär beispielsweise in einem Fall seine neuen weitreichenden Marschflugkörper, feuerte sie sowohl von strategischen Bombern, Kriegsschiffen im Kaspischen Meer als auch von einem U-Boot in der Nähe von Syrien ab.

Krieg kostet bis zu vier Millionen Euro pro Tag

Indem es seine Präsenz in Syrien begrenzt hat, kann Russland die Ausgaben für sein militärisches Engagement bei - schätzungsweise - umgerechnet knapp zwei bis vier Millionen Euro pro Tag halten. Das ist eine Summe, die Russland trotz seiner schwer angeschlagenen Wirtschaft aufbringen kann - und das über einen langen Zeitraum hinweg.

Die Verschiebungen auf dem Schlachtfeld seit Beginn der russischen Luftangriffe am 30. September sind offensichtlich. Gestützt durch den Moskauer Eingriff starteten die Assad-Truppen eine breitgefächerte Offensive, die sich jetzt auf Aleppo konzentriert. In den vergangenen Wochen hat die Regierungsstreitmacht auch mit der Hilfe von Hisbollah-Kämpfern und iranischen Kräften systematisch Versorgungslinien gekappt. Mehr als 50 000 Zivilisten wurden zur Flucht an die nahe liegende türkische Grenze gezwungen.

Russische Flugzeuge setzen mit bis zu 70 Angriffen am Tag die Anti-Regierungskräfte unter unaufhörlichen Druck, attackieren ihre Bollwerke, Waffendepots und Fahrzeugkonvois. Diese Strategie ist riskant, wie der Abschuss des russischen Jets durch die Türkei und die nachfolgenden Spannungen zwischen beiden Ländern zeigen. Und russische Flugzeuge führen im dicht beflogenen Luftraum oft riskante Manöver durch, kommen US-Flugzeugen gefährlich nahe, wie US-Offizielle schildern.

Russland will Gleichstellung

Moskau und Washington haben einen Informationsaustausch über ihre Operationen vereinbart, um Unfälle und Irrtümer zu verhindern. Russland hätte gern eine breiter angelegte Kooperation der Militärs beider Seiten in Syrien, unter anderem wohl, weil das Moskau als eine Washington gleichgestellte Macht erscheinen ließe.

Eine enge Koordination zwischen amerikanischen und russischen Militärexperten habe grundlegende Bedeutung für das Zustandekommen einer Feuerpause, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow in der vergangenen Woche. Aber Moskau betont zugleich, dass es seine Angriffe auf den Islamischen Staat (IS) und andere terroristische Gruppen fortsetzen werde - nach westlicher Überzeugung ein Deckmantel für Operationen gegen Anti-Assad-Kräfte und ein Zeichen dafür, dass Russland keine Eile hat, die Kämpfe in Syrien zu stoppen.

So sieht es denn ganz danach aus, dass Putin bereit ist, Risiken einzugehen - in der Erwartung, dass sich die Dinge weiter in seinem Sinne entwickeln.

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