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Türkei: Verzweifelte Kurden sind wütend auf Deutschland

"Schämst du dich nicht?"  

Verzweifelte Kurden sind wütend auf Deutschland

22.03.2016, 10:52 Uhr | Can Merey, dpa

Türkei: Verzweifelte Kurden sind wütend auf Deutschland. Türkische Kurden beim Neujahrs- und Frühlingsfest in Diyarbakir. (Quelle: AP/dpa)

Türkische Kurden beim Neujahrs- und Frühlingsfest in Diyarbakir. (Quelle: AP/dpa)

Die Hoffnung auf Frieden ist angesichts eskalierender Gewalt längst der Verzweiflung gewichen: Beim diesjährigen Neujahrsfest der Kurden im Südosten der Türkei ist die Wut allgegenwärtig - auf Präsident Erdogan und auf Deutschland. "Schämst du dich nicht?", bekommt ein deutscher Journalist zu hören.

Drei Sicherheitsringe hat die türkische Polizei um die Newroz-Veranstaltung in der Kurdenmetropole Diyarbakir gezogen. Offiziell sind die Kräfte zum Schutz der Feierlichkeiten der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP eingesetzt. Es herrscht Angst vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die erst am Samstag wieder in Istanbul zuschlug. "Hüte Dich vor Bomben", sagt ein Polizist dem Reporter aus Deutschland.

Öcalan-Botschaft vor einem Jahr: Legt die Waffen nieder!

Aus Sicht der einheimischen Besucher des kurdischen Neujahrsfestes sind die Sicherheitskräfte allerdings keine Beschützer, sondern eine Bedrohung. Die Veranstaltung am Montag zeigt die tiefe Spaltung der Gesellschaft - in der Kurden und Türken sich immer weiter entfremden, je mehr die Gewalt eskaliert. "Die Polizisten sind unsere Feinde", sagt der 19-jährige Bauarbeiter Deniz. "Sie foltern uns." Und eine 65-Jährige namens Hayriye zischt: "Sie sind Hunde."

An einem der Checkpoints wird ein harmloser Schal in den kurdischen Nationalfarben grün, gelb und rot beschlagnahmt. Die Mühe hätte der Polizist sich sparen können: Obwohl Symbole der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nicht gestattet sind, erstrecken sich pünktlich zu Beginn der Feier Hunderte illegale Flagge in den blauen Himmel über Diyarbakir. Sie müssen irgendwo an der Bühne versteckt gewesen sein.

Hinter den Rednern laufen auf riesigen Bildschirmen Endlosschleifen mit Szenen aus dem Leben von PKK-Chef Abdullah Öcalan - aus der Zeit vor 1999, als er von der Türkei gefangen genommen wurde. Im vergangenen Jahr verlas die HDP - damals vor bis zu einer Million Besuchern - noch eine Botschaft Öcalans, in der er die PKK dazu aufrief, die Waffen niederzulegen. Bald danach brachen der Friedensprozess mit der PKK und die Waffenruhe zusammen.

Inzwischen herrschen in Teilen der Südosttürkei wieder bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Regierung hat Öcalan seit April auf der Gefängnisinsel Imrali isoliert. Eine neue Botschaft von "Apo" - wie seine Anhänger Öcalan nennen - gab es für die nur noch rund 100.000 Besucher bei den diesjährigen Newroz-Feiern nicht.

"Deutschland schweigt wegen der Flüchtlingskrise"

Viele Kurden hielt am Montag die nackte Angst davor ab, zu der Veranstaltung zu kommen. IS-Selbstmordattentäter griffen im Juni und im Oktober HDP-Anhänger an, mehr als 100 Menschen wurden getötet. Anderen war nicht nach feiern zumute angesichts der Gewalt, für deren Eskalation sich Regierung und PKK gegenseitig verantwortlich machen.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan beschuldigt die HDP, Handlanger der PKK zu sein. HDP-Chef Selahattin Demirtas wirft wiederum Erdogan "Kriegspolitik" vor. Kurden beim Newroz-Fest verdächtigen Erdogan, ihr Volk "massakrieren" zu wollen. Und sie haben einen neuen Mitverantwortlichen ausgemacht: Deutschland.

"Schämst Du Dich nicht, als Deutscher hierhin zu kommen", schreit ein Kurde den Reporter an. Nachdem der 65-Jährige seine Wut in den Griff bekommen hat, stellt er sich als Ömer vor. Ömer und die Umstehenden sind überzeugt davon, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die türkische Kurdenpolitik hinnimmt, um den Flüchtlingspakt der EU mit Ankara nicht zu gefährden. Eine 43-Jährige namens Yüksel sagt: "Ich weiß, dass Deutschland wegen der Flüchtlingskrise schweigt. Und der Staat tötet uns, weil Europa schweigt."

Kurden bringen türkische Bevölkerung gegen sich auf

Von der im vergangenen Jahr noch verbreiteten Hoffnung auf Frieden ist in Diyarbakir nichts mehr übrig. Während in einer Art Machtdemonstration ein türkischer Kampfjet am Newroz-Festgelände vorbeidonnert, werden am Boden die PKK, ihr syrischer Ableger YPG und Öcalan in Liedern gepriesen. Eine offene Provokation nicht nur für Erdogan, der die PKK mit der "Eisenfaust" vernichten will. Auch viele Türken werden Flaggen und Lobgesänge als Ohrfeige empfunden haben.

Eine PKK-Splittergruppe - die TAK - hat sich zu den letzten beiden Selbstmordanschlägen in Ankara mit insgesamt 68 Toten bekannt. Der erste der beiden Anschläge galt im vergangenen Monat Angehörigen der Armee. Der zweite aber traf vor wenigen Tagen Zivilisten - was die Newroz-Feiernden in Rechtfertigungsschwierigkeiten bringt.

Zwar macht die Gruppe um den Merkel-Kritiker Ömer keinen Hehl aus ihrer Unterstützung für die PKK, die auch in der EU und in den USA auf der Liste der Terrororganisationen steht. "Wir sind alle PKK, ganz Kurdistan ist PKK", ruft etwa der 65-jährige Kemal erregt. Die TAK halten die Männer aber für eine von der PKK unabhängige Organisation, was eine zumindest umstrittene These ist.

"Wenn militärische Ziele angegriffen werden, ist das in Ordnung", sagt Ömer. "Aber ich will nicht, dass Zivilisten zum Ziel werden." Der 42-jährige Diyar sieht das ähnlich. Er macht aber einen Stimmungsumschwung unter Kurden aus. "Immer mehr Menschen denken, wenn die Türkei Kurden massakriert, warum soll die PKK dann nicht Türken massakrieren", sagt er. "Das ist sehr gefährlich."

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