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Manöver in Polen startet: Im Würgegriff der "Anakonda"

Militärmanöver in Polen  

Im Würgegriff der "Anakonda"

07.06.2016, 18:21 Uhr | Matthias Gebauer, Spiegel Online

Manöver in Polen startet: Im Würgegriff der "Anakonda". Rund 30.000 Soldaten sind an dem Großmanöver in Polen beteiligt. (Quelle: dpa)

Rund 30.000 Soldaten sind an dem Großmanöver in Polen beteiligt. (Quelle: dpa)

Beim Großmanöver "Anakonda" spielen 31.000 Soldaten einen Angriff Russlands auf Polen durch. Warschau fordert damit die Solidarität der Nato ein - doch in deren Hauptquartier ist man genervt. 

Ab Dienstag proben rund 31.000 Soldaten den Ernstfall: Von der Ostsee aus wird Polen von einer "roten Gruppe" attackiert, aus Ländern mit Fantasienamen wie Bothnia oder Torrike. Gleichzeitig sickern bei der Übung nicht markierte Soldaten von Norden und Süden ein.

Man muss kein Experte sein, um das Szenario zu verstehen. Kurz vor dem Nato-Gipfel spielt Polens Militär den Angriff Russlands auf den Ostrand der Allianz durch. Polen kann sich wehren, soll das heißen - wohlgemerkt gemeinsam mit den auf Manöverkarten blau markierten Nato-Truppen.

"Das Ziel der Übung ist klar", hat Polens Präsident Andrzej Duda vor einigen Tagen in seinem Amtssitz erklärt, "wir bereiten uns auf einen Überfall vor". Immer wieder schaute er da zu Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Der nickte gezwungenermaßen.

Grundsätzlich passt die Großübung "Anakonda" zur Nato-Linie. Seit der Krim-Annexion setzt das Bündnis wieder auf Abschreckung gegen Russland. Militärmanöver gehören zum Programm. Sogar eine Eingreiftruppe für Notfälle wurde hastig aufgestellt. Sie soll im Bündnisfall, bei einem Angriff auf einen der Nato-Partner, in nur zwei Tagen an der östlichen Frontlinie sein.

Mit der Übung "Anakonda" ist die Nato trotzdem nicht glücklich. Das Manöver, heißt es im Hauptquartier, sei "viel zu plump auf Russland gemünzt". Zudem sei das Durchspielen des Bündnisfalls so kurz vor dem Nato-Gipfel in Polen "zu dick aufgetragen". Klar sei das Verhältnis zu Russland schwierig, hier aber werde "ohne Not der Ernstfall durchexerziert".

Russland hat die Übung bereits scharf kritisiert. Sie trage nicht dazu bei, eine Atmosphäre von Vertrauen und Sicherheit zu schaffen, erklärte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow am Dienstag.

Ein forscher Gastgeber

Formal ist "Anakonda" zwar eine nationale Übung. Nach Drängen aus Warschau aber spielen fast alle Nato-Nationen mit, besonders die USA zeigen Flagge. Folglich wirkt das Manöver wie eine Nato-Übung. Für die Allianz kommt das ungelegen: Während man in Brüssel derzeit betont, man wolle irgendwie den Dialog mit Moskau reanimieren, wird in Polen Krieg gespielt.

Hinter den Kulissen hatte die Nato versucht, die Polen zu beschwichtigen. Nicht nur Außenminister Frank-Walter Steinmeier redete viel, bat um Mäßigung. So wie er mussten aber auch die anderen Partner lernen, dass die neue polnische Regierung an ihrem strikten Anti-Russland-Kurs festhält.

Nicht wenige fürchten deswegen, dass die Polen als Gastgeber den Gipfel im Juli politisch vergiften könnten. Das Treffen war als Symbol der Solidarität extra nach Polen gelegt worden - der Zwist kommt ungelegen. In Warschau soll auch die Entsendung von jeweils einem Nato-Bataillon in die vier östlichen Bündnisnationen als symbolischer Schutz vor Russland verkündet werden.

Lust an der Provokation

Wie gerne die aktuelle polnische Regierung irritiert, hat Berlin bereits erlebt. Ende April polterte der Warschauer Verteidigungsminister überraschend, Deutschland blockiere die Verlegung von US-Truppen nach Polen. Der Vorwurf war haltlos. Trotzdem druckten ihn die polnischen Zeitungen. Die Bundesregierung war nicht begeistert. Wohl nicht ganz zufällig ist die Bundeswehr nur mit 400 Pionieren bei der "Anakonda"-Übung aktiv.

Aus Berliner Sicht setzt Warschau absichtlich auf Provokation. So lud man zur Übung "Anakonda" auch Georgien und die Ukraine als Teilnehmer ein. Beide würden gern Teil der Nato werden. Dort wird dies seit Jahren abgelehnt, auch um Russland nicht zu reizen. Für die Polen aber zählt das nicht. Die Nato-Russland-Grundakte, den Grundlagenvertrag mit Moskau, hat Warschau für obsolet erklärt.

Der Dissens wurde auch beim Besuch des Nato-Chefs bei Polens Präsident sichtbar. Während Jens Stoltenberg betonte, man könne nur rotierende Einheiten nach Polen schicken, forderten die Gastgeber permanente Nato-Basen. Stoltenberg verkündete stolz, es würden "mehr Nato-Truppen nach Polen kommen als je zuvor". Die Polen entgegneten, über Zahlen werde man noch reden müssen.

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