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Experte Meyer: Türkei-Putsch kam Erdogan "außerordentlich gelegen"

Wie reagiert Erdogan?  

"Dieser Putsch kam ihm außerordentlich gelegen"

16.07.2016, 15:25 Uhr | ckr, t-online.de

Experte Meyer: Türkei-Putsch kam Erdogan "außerordentlich gelegen". Gestärkt durch den Putsch: Recep Tayyip Erdogan. (Quelle: Reuters)

Gestärkt durch den Putsch: Recep Tayyip Erdogan. (Quelle: Reuters)

Was kommt nach dem Putsch in der Türkei? Wird Präsident Recep Tayyip Erdogan seine harte Linie aufweichen oder schlägt er jetzt erst recht hart zu? Und wer waren die Putschisten überhaupt? t-online.de sprach darüber mit Günter Meyer, dem Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

Herr Professor Meyer, den Putsch von Freitagnacht könnte man als Warnschuss für Erdogan ansehen. Wird er jetzt zu einem besseren Demokraten?

Das ist überhaupt nicht zu erwarten - ganz im Gegenteil: Dieser Putsch kam ihm außerordentlich gelegen. Es ermöglicht ihm, seine Position massiv zu verstärken. Das heißt: Wir müssen damit rechnen, dass das Regime in der Türkei wesentlich autoritärer wird. Der Putsch ermöglicht es ihm, seine Gegner auszuschalten. Die Verlierer dieser Entwicklung werden Demokratie und Pressefreiheit in der Türkei sein.

Wer steckt nach Ihrer Erkenntnis überhaupt hinter dem Putsch?

Den Putsch kann man einordnen in ein letztes Aufbäumen des Militärs. Das war - vor allem in führenden Positionen - in erheblichem Maße von Vertretern der Gülen-Bewegung durchsetzt. Die ist seit 2013 als Erzfeind von Erdogan anzusehen. Es hat bereits eine Säuberungsaktion stattgefunden, bei der die Erdogan-Gegner im Militär erheblich geschwächt wurden - diese haben jetzt noch einmal versucht, quasi als letzte Chance gewaltsam gegen Erdogan vorzugehen.

Und jetzt?

Der gescheiterte Putsch ist ein Geschenk für Erdogan, das ihn legitimiert, eine beispiellose Säuberungsbewegung gegen das Militär durchzuführen - so gründlich, dass nur noch diejenigen, die auf seiner Seite stehen, das Sagen haben werden.

Was genau ist die Gülen-Bewegung und welche Rolle spielt sie in der Türkei?

Fethullah Gülen war ursprünglich durchaus auf der Seite von Erdogan. Er hat mit seinen Anhängern neben dem Militär vor allem Polizei, Justiz, Staatsanwaltschaft, Medien und auch Unternehmen unterwandert. Seine Ziele laufen darauf hinaus, dass insbesondere die Bildungschancen verbessert werden. Er setzt sich ein für soziale Gerechtigkeit und interreligiösen Dialog. Das allerdings durchaus auch mit der unterschwelligen Zielsetzung, die Macht im Land zu übernehmen.

Er selbst sitzt ja in den USA.

Ja, er lebt seit 1999 in Pennsylvania. Er verfügt über Privatschulen in über 160 Ländern, die genau seine religiös-ideologische Ausrichtung verbreiten.

Eine islamistische Ausrichtung?

Eine Ausrichtung, die zumindest nach außen als säkular erscheint, aber vielfach als sektenähnlich kritisiert wird. Besonders mit seinen Forderungen nach interreligiösem Dialog, sozialer Gerechtigkeit und Kampf gegen die Korruption in höchsten staatlichen Ämtern vertritt er eine Position, die sich gegen Erdogans AKP und seine Ausrichtung wendet.

Kann man sagen: Dieser Putsch wird das Ende der Gülen-Bewegung in der Türkei sein?

Die Gülen-Bewegung in der Türkei wird sicher massiv geschwächt werden. Aber in anderen Ländern wird sie keineswegs tangiert. Dazu gehört auch Deutschland. Hier ist die Rede von über 100 Nachhilfeschulen und 30 Privatschulen der Bewegung sowie Unternehmerverbänden und auch Medien, die auf der Seite von Gülen sind. Wenn man davon ausgeht, dass das für zehn bis 15 Prozent aller Türken gilt, dann haben wir es mit einer erheblichen Größenordnung an Gülen-Anhängern in Deutschland zu tun.

Was droht jetzt den Putschisten? Wird die Regierung das Moratorium für die Todesstrafe aufheben und Exekutionen ansetzen lassen?

Das ist für das Regime eigentlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass alle Gegner ausgeschaltet werden. Diese Möglichkeit hat Erdogan jetzt. Er hat auch schon betont, dass das eine sehr glückliche Fügung ist, um Säuberungen vorzunehmen und seine Gegner auszuschalten.

In der Türkei sind Hunderttausende auf die Straßen gegangen. Eine Mehrheit ist offenbar mit ihm einverstanden.

Er hat offensichtlich erhebliche Unterstützung in der Bevölkerung. Gerade auch seine islamistischen Aktivitäten zusammen mit der immer einseitiger werdenden Berichterstattung in den Medien haben dazu geführt, dass oppositionelle Medien immer mehr verfolgt werden und seine Anhängerschaft durch die einseitige Berichterstattung kräftig gewachsen ist. Das wird auch schon dadurch deutlich, dass Zehntausende auf die Straßen gegangen sind, sich vor die Panzer gestellt haben und damit entscheidend zum Scheitern des Putsches beigetragen haben.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

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