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Türkei-Putsch: Anne Will meldete sich mit Sondersendung zurück

Türkei-Talk bei Will  

"Auf den Militärputsch folgt ein ziviler Putsch"

18.07.2016, 16:13 Uhr | Marc L. Merten, t-online.de

Türkei-Putsch: Anne Will meldete sich mit Sondersendung zurück. Özdemir und Zingal bei Anne Will. (Quelle: ARD)

Özdemir und Zingal bei Anne Will. (Quelle: ARD)

Eine Sondersendung hat Anne Will aus ihrem Sommerurlaub zurückgeholt. Eigentlich hätten es sogar zwei Sondersendungen werden können. Zunächst hatte die ARD einen Talk zu den Geschehnissen in Nizza angekündigt. Nach dem missglückten Militärputsch in der Türkei änderte die Redaktion dann aber das Thema. "Was macht Erdogan jetzt?", fragte Anne Will. Doch wie diskutiert man über etwas, von dem man noch gar nicht weiß, was es wirklich war?

Ein Sprichwort besagt, dass alles, was vor einem "Aber" gesagt wird, nichts wert ist. Am Sonntagabend was das Wort "aber" das wohl meistgebrauchte. Ob Norbert Röttgen (CDU) oder Cem Özdemir (Grüne), ob der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat oder die Rechtsanwältin Seyran Ates – sie versuchten über etwas zu sprechen und zu urteilen, dessen Ausmaß und Hintergründe sie naturgemäß noch nicht kennen konnten. Sie verurteilten den Militärputsch. Sie zeigten Bewunderung für die vielen tausend Menschen, die gegen das Militär auf die Straße gegangen waren. Doch dann folgte stets das große "Aber". Das Ziel ihrer Kritik: Recep Tayyip Erdogan.

Konnte der Putsch überhaupt erfolgreich sein?

Es würde nicht wundern, wenn der türkische Präsident auf Basis dieser Diskussion einmal mehr die deutsche Arroganz verurteilen würde, mit der aus der Ferne über die Türkei diskutiert - und geurteilt - wurde. Jede westliche Regierung habe diesen Putsch verurteilt, sagte Özdemir. Der Putsch stelle ein Verbrechen dar, das geahndet werden müsse, ergänzte Kujat. Man müsse anerkennen, dass es eine Schocksituation sei, sagte Röttgen und ergänzte, es gebe keinen Hinweis darauf, dass der Putsch durch Erdogan selbst inszeniert worden sei. So lauteten die verständnisvollen Sätze, die gesprochen wurden am Sonntagabend. Und dann folgte das "aber".

"Es gibt mehrere Ungereimtheiten", sagte Kujat. "Die einen sagen, der Putsch sei dilettantisch durchgeführt worden. Die nächsten sagen, er sei inszeniert worden. Die dritten sagen, er sei der Regierung zumindest vorher bekannt gewesen." Der Militärexperte erklärte, die Armee hätte gleich mehrere strategische Fehler begangen, die darauf hindeuteten, dass der Putsch nicht ausreichend geplant worden und deswegen von vorne herein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Kujats eindeutiges Urteil: Im Vergleich zu den erfolgreichen Umstürzen in den Jahren 1960, 1971 und 1980 hätte der in der Nacht von Freitag auf Samstag verübte Putsch nie erfolgreich sein können.

Was zusammen passt - und was nicht

Er lieferte den Nährboden für jene Vermutungen, die schon in der Putsch-Nacht aufgekommen waren und die sich am Folgetag umgehend verbreitet hatten, nachdem Erdogan - sicher zurück an der Macht - umgehend erste Maßnahmen erließ. Die Absetzung von über 2700 Richtern im ganzen Land "spricht dafür, dass es vorher schon Listen gab", sagte Özdemir. "Der Putsch war eine willkommene Gelegenheit für Erdogan, Bereiche zu säubern, die er vorher noch nicht zu 100 Prozent kontrolliert hatte. Was jetzt auf den Militärputsch folgt, ist ein ziviler Putsch", gerichtet gegen das Militär, das sich schon seit jeher für die Trennung zwischen Staat und Religion einsetzt und das schon mehrfach totalitär anmutende Regierungen aus dem Amt entfernt hatte. 

Auch Röttgen kritisierte, dass Erdogan den Putsch nun nutze, um auf rechtsstaatswidrige Weise die eigenen Ziele zu verfolgen. "Erdogan hat geistesgegenwärtig die Situation ausgenutzt", sagte Röttgen, der sich irritiert zeigte, dass der türkische Präsident derart schnell den islamischen Prediger Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich machte. "Es passt nicht zusammen, dass er davon überrascht war und gleichzeitig wusste, wer es war." Der CDU-Politiker kritisierte zudem scharf, dass Erdogan den Putsch "ein Geschenk Gottes" genannt hatte, "wenn dabei Menschen zu Tode gekommen sind".

Kampf gegen "Parallelstrukturen"

Ein Mann sah das naturgemäß anders. Fatih Zingal war geladen, um als Erdogan-Unterstützer die Fahne eines demokratisch gewählten Präsidenten hochzuhalten, der in Deutschland seit Monaten als Feindbild Europas und der Demokratie gezeichnet wird. Zingal ist der stellvertretende Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, einer Erdogan-nahen Vereinigung, die wie auch das türkische Staatsoberhaupt die "Parallelstrukturen" im eigenen Land kritisiert. Jene Strukturen, die Erdogan zerschlagen will und als Grund für seine autokratische Politik anführt. Jene Behauptung, dass neben der tatsächlichen Politik noch eine zweite Ebene in der Türkei Einfluss nimmt, die nun auch für den Putsch verantwortlich sein soll und weshalb nun eine Säuberungswelle über das Land hinweg schwappen dürfte.

"Säuberung": Dieses Wort hatte Erdogan selbst verwendet. Ein Begriff, der undemokratischen Gesellschaftsformen zugeschrieben wird, autoritären und diktatorischen Regimen, die sich ihrer Gegner entledigen. Dass der türkische Staatspräsident diesen Ausdruck selbst nutzte, sehen seine Kritiker als indirektes Eingeständnis an, dass es mit einer echten Demokratie in der Türkei nicht mehr weit her ist. Auch, wenn Zingal immer wieder betonte, dass die Demonstrationen auf den Straßen der Türkei gegen den Putsch "eine Sternstunde der Demokratie" gewesen seien. Er erklärte allerdings auch selbst, dass der Putsch deshalb ein "Geschenk Gottes" gewesen sei, weil "man die Demaskierung der Parallelstrukturen gesehen hat". Wie diese genau aussehen, wie sie Einfluss nehmen und warum dafür innerhalb weniger Stunden über 2700 Richter ihres Amtes enthoben werden mussten, konnte er nicht erklären.

"Vielleicht wissen wir es in zehn Jahren"

So war es Seyran Ates vorbehalten, den Satz des Abends zu sprechen. Die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin türkisch-kurdischer Herkunft wurde von Anne Will in den ersten fast 20 Minuten der Sendung gänzlich ignoriert und schaltete sich dann selbst ein. Sie hatte mit einem Putsch gerechnet. "Seit über einem Jahr hat das Land darauf gewartet, dass etwas passiert. Es schwelt schon lange. Das Volk ist polarisiert, die Stimmung ist angespannt, Menschen sind sich spinnefeind." Sie wisse nicht, ob der Putsch inszeniert sei, sie wolle es auch nicht glauben, "weil wir noch gar nichts genaues wissen. Vielleicht werden wir es in zehn Jahren wissen."

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