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"Erdogan will Andersdenkende ausschalten"

Gülen-Bewegung in Deutschland  

"Erdogan will Andersdenkende ausschalten"

05.08.2016, 18:25 Uhr | von Özkan Canel Altintop, t-online.de

"Erdogan will Andersdenkende ausschalten". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beschuldigt Anhänger von Fethullah Gülen, hinter dem Putschversuch zu stecken.  (Quelle: dpa)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beschuldigt Anhänger von Fethullah Gülen, hinter dem Putschversuch zu stecken. (Quelle: dpa)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan macht die Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den versuchten Militärputsch verantwortlich. Für Ercan Karakoyun ist der Vorwurf "absurd". Er ist Vorsitzender der Gülen-nahen-Stiftung "Bildung und Dialog" und gilt als deutsches Gesicht der Bewegung. t-online.de hat mit ihm gesprochen.

t-online.de: Guten Tag Herr Karakoyun, Sie sind Vorsitzender der Gülen-nahen Stiftung "Bildung und Dialog". Wieso heißt Ihre Organisation eigentlich nicht Gülen-Stiftung?

Ercan Karakoyun: Weil es in erster Linie um Bildung und Dialog geht. Das steht im Vordergrund.

Irritierend ist es aber schon. Wenn Eltern ihre Kinder zur Schule schicken, wollen sie ja schon wissen, welche Organisationen dahinter stecken.

In den Schulen geht es nur um Bildung. Alles andere spielt in der Schule keine Rolle.

Wie viele Gülen-Anhänger leben in Deutschland?

Ich schätze die Zahl auf rund 100.000 Menschen.

Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Zum einen aus der Zahl der Abonnenten der Zeitung 'Zaman',  die in Deutschland nicht unter Kontrolle des türkischen Staates steht, und der Zahl der Mitglieder und Aktiven in den Vereinen.

Nun macht der türkische Staatspräsident für den Putschversuch die Gülen-Bewegung verantwortlich. Hat er Recht?

Das ist absurd. Unsere Bewegung – 'Hizmet' (Dienen) – steht für Bildung und Dialog und ist absolut gegen Gewalt. Wir lehnen jede Form von Gewalt ab. Die schlechteste Demokratie ist besser als jeder Putsch.

Auch wenn es keinen 'Befehl von ganz oben' gab, kann man denn wirklich ausschließen, dass Gülen-Anhänger beteiligt waren?

Wenn Sie die Frage so stellen, dann waren auch Erdogan-Anhänger beteiligt, ebenso Kurden, Aleviten und Kemalisten. Das türkische Militär besteht ja nicht nur aus Gülen-Sympathisanten. Alle Gruppen sind dort vertreten.

Gülen und Erdogan zogen aber mal am gleichen Strang. Wieso kam es überhaupt zum Bruch?

Gülen hatte Erdogan unterstützt, solange er auf Demokratisierungskurs war. Als Erdogan autoritärer wurde, ging auch die Unterstützung zurück. Dadurch wurde Erdogan zum Feind.

Demokratisierungskurs? War es nicht die Gülen-Bewegung, die im Jahr 2007 Erdogan dabei unterstütze, hochrangige Militärs und Kritiker in den sogenannten Ergenekon-  und Balyoz-Fällen zum Schweigen zu bringen?*

Dass die Prozesse damals richtig waren, bestätigen auch Politiker in Europa. Das Problem war nur, dass Erdogan aus einem rechtmäßigen Prozess eine Hexenjagd auf Kritiker machte. Der Prozess ist entgleist. Die politische Verantwortung liegt ja ganz klar beim türkischen Staatspräsidenten und der Regierung.

Es gibt keinen Machtkampf zwischen Gülen und Erdogan?

Nein. Wer Macht hat, ist klar. Erdogan will Andersdenkende ausschalten und mundtot machen. Also der Kampf ist zwischen Erdogan und Andersdenkenden. Im Zentrum jedoch steht Gülen.

Glauben Sie denn, dass es innerhalb der türkischen Regierungspartei (AKP) noch Gülen-Anhänger gibt? Kennen Sie welche?

Nein, aber der Schwiegersohn von Erdogan, Berat Albayrak, war auf einer der Schulen von Gülen. Ebenso die Kinder zahlreicher anderer AKP-Abgeordneter. Große Unterstützer waren der Ex-Vize-Ministerpräsident Bülent Arinc oder der gegenwärtige Bürgermeister von Ankara, Melih Gökcek. Kann also sein, dass es noch Unterstützer gibt. Aber man ist eher mit dem Stärkeren als mit der Wahrheit.

Gibt es gar keine gemeinsamen Ziele mehr mit der türkischen Regierungspartei AKP oder Erdogan?

Die hat es nie gegeben. Unser Ziel war immer die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie und eine Türkei, die sich an europäischen Demokratien orientiert.

In der Türkei gibt es Gülen-nahe Schulen, Universitäten, Krankenhäuser. Diese sind geschlossen. Bangen Sie um die Existenz der Bewegung?

Sie existieren nicht mehr. Man muss auch unterscheiden: Das sind keine Einrichtungen von Gülen, sondern von Unternehmern und Privatleuten.

Einige Einrichtungen  gibt es ja auch in Deutschland. Wie sieht die Situation hier aus?

Ich habe mit einigen Schulen gesprochen. Eine ernstzunehmende Reaktion gibt es bisher nicht. Natürlich werden insbesondere Erdogan-Anhänger ihre Kinder von den Schulen nehmen. Wir werden mit Spenden und Schulgeldern finanziert. Wir müssen abwarten.

Wie sehen die Reaktionen Ihnen gegenüber aus? Werden Sie bedroht?

Ja, ich bekomme Morddrohungen und Drohungen aller Art. Ich gebe diese Drohungen aber sofort an die Polizei weiter. Viele Menschen haben schon Klagen am Hals. Die Rechtstaatlichkeit funktioniert in Deutschland, Gott sei dank.

Dürfen Sie in die Türkei reisen?

Nein, ich habe ein Einreiseverbot.

Die Türkei fordert von den USA die Auslieferung Gülens. Dort befindet er sich seit dem Jahr 1999. Welche Reaktion dürfen wir erwarten, wenn dem Gesuch stattgegeben wird?

Dafür müsste die Türkei aber erst Beweise und Belege vorlegen. Das kann sie nicht, weil es auch keine Beweise dafür gibt. Deswegen wird es nicht zur Auslieferung kommen.

 

Die Fragen stellte Özkan Canel Altintop.

* Anm. d. Red.: Bei den Prozessen Ergenekon (nationalistische Legende) und Balyoz (Vorschlaghammer) standen Hunderte Angeklagte wie Militärs, Politiker, Journalisten und Akademiker vor Gericht mit dem Vorwurf Mitglieder eines Geheimbundes zu sein, die die islamische-konservative Regierung AKP stürzen wolle. Viele Beweise waren gefälscht. Ein Gericht kassierte die zum Teil drastischen Urteile im Jahr 2015. 

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