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Das sind die wahren Opfer des Putin-Erdogan-Deals

Ziemlich beste Komplizen  

Das sind die wahren Opfer des Putin-Erdogan-Deals

10.10.2016, 13:56 Uhr | ckr, t-online.de

Das sind die wahren Opfer des Putin-Erdogan-Deals. Freund, Feind und wieder "Freund": Wladimir Putin and Recep Tayyip Erdogan am Montag in Istanbul (Quelle: Reuters)

Freund, Feind und wieder "Freund": Wladimir Putin and Recep Tayyip Erdogan am Montag in Istanbul (Quelle: Reuters)

"Erdogan soll aufpassen, dass er sich nicht verzockt" – so lautete der Tenor alarmierter Nato-Politiker beim ersten Versöhnungstreffen zwischen dem türkischen Präsidenten und seinem russischen Widerpart, Wladimir Putin. Heute, zwei Monate später, treffen die zwei sich wieder, doch mittlerweile ist klar: Das wahre Opfer des neuen Bündnisses ist nicht der Westen. 

Karl A. Lamers, CDU-Verteidigungspolitiker und führendes Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der Nato, hatte noch im August bei einem Interview mit t-online.de Warnungen nach Ankara geschickt: Wenn Recep Tayyip Erdogan glaube, er könne die Nato am Nasenring durch die Manege führen, sei er schief gewickelt. Da hatte der sich im Streit mit dem Westen gerade Moskau zugewandt. 

Wie ein Phönix aus der Asche war die Beziehung der beiden im Sommer neu entstanden, nachdem sich Erdogan für den Abschuss eines russischen Kampfjets entschuldigt hatte. Heute ist allen Analysten klar: Dem Bündnis zwischen Erdogan und Putin sind enge Grenzen gesetzt.

"Es wird kein Militärbündnis geben" 

Er fühle sich von Putin auch in Sachen Militärputsch wesentlich besser verstanden als von seinen westlichen Militär- und Wirtschaftspartnern, war von Erdogan zu hören. "Wie weit wird er in seiner Wut auf den Westen gehen?", fragten sich viele.

Diese Sorgen sind mittlerweile vom Tisch: "Ich glaube, dass die Türkei sehr genau weiß, … dass der Platz der Türkei in der Nato ist", so Lamers am Wochenende zum "Handelsblatt".

"Es wird kein Militärbündnis geben", sagt auch Yasar Aydin, Türkei-Experte von der HafenCity Universität Hamburg. Weder die Türkei noch Russland seien daran interessiert. Käme es nämlich zum Extremfall und die Türkei würde ernsthaft einen Nato-Austritt erwägen, so verlöre sie genau den Hebel, der sie für Russland interessant macht.

Denn nur eine Türkei, auf die der Westen grundsätzlich noch zählt, kann ihm gegenüber auch Wirkung entfalten. Sei das Tischtuch zerschnitten, könne Ankara nur noch wenig ausrichten. 

"Ohne Nato würde die Türkei völlig unkontrollierbar" 

Auch von russischer Seite würde das so gesehen, bestätigt der Russland-Experte Anton Shekhovtsov. Eigentlich sei Putin nur daran interessiert, jeden Widerstand gegen seinen Verbündeten, Syriens Diktator Baschar al-Assad, beiseite zu räumen.

"Würde die Türkei die Nato verlassen, würde sie völlig unkontrollierbar", glaubt Aydin. "Dann könnte sie irgendwann auch eine Gefahr für russische Interessen darstellen." Selbst Putin sei deshalb die "disziplinierende Wirkung" der Nato auf die Türkei ganz recht.

Lohn des Schweigens 

Soviel zum Westen. Die Tragödie spielt sich aber an einer anderen Stelle ab: im syrischen Aleppo.

Sieht man von den milliardenschweren Wirtschaftsprojekten ab, die Moskau und Ankara miteinander planen - die noch zu bauende Gasleitung "Turkish Stream" sowie das Atomkraftwerk Akkuyu, das Russland in der Türkei errichtet - so lautet das eigentliche Thema Syrien.

Hier macht sich Assad mit seinem Verbündeten Russland gerade daran, den von Rebellen besetzten Ostteil der Stadt und seine 300.000 Einwohner in Grund und Boden zu bomben. Ankara war den beiden immer wieder indirekt in den Arm gefallen: Mit Munition, panzerbrechenden Waffen und Rückzugsgebieten half es bislang den Rebellen in Aleppo zu überleben.

Als das syrische Regime im Juli den letzten Ausgang aus der Stadt abriegelte, sollen es vor allem türkische Waffen gewesen sein, die den Rebellen ermöglichten, einen neuen Zugang im Süden der Stadt freizukämpfen.

Allerdings nur für vier Wochen. Dann nämlich marschierte Ankara in Nordsyrien ein – ohne dass Assad und Putin sich daran gestört hätten. Erdogans Ziel: Den Siegeszug des kurdischen Ablegers der Ankara-feindlichen PKK zu stoppen.

Dass Assad und Putin ihm das erlauben, vergilt Erdogan jetzt mit Schweigen angesichts des grauenhaften Massakers, dass die Verbündeten in Aleppo anrichten. Gleichzeitig sind offenbar viele Untergruppen der "Freien Syrischen Armee" aus Aleppo abgezogen, um sich den Kämpfen der Türkei im Norden anzuschließen.

Stadt der Verlassenen 

Die Folge: Aleppos Rebellen konnten den neuen Korridor nicht halten. Jetzt ist der Ostteil der Stadt mit seinen 300.000 Einwohnern wieder eingeschlossen und liegt unter Dauerbeschuss. Nur einige Scharfschützen verhindern offenbar noch den Durchbruch.  

Hilfe kommt auch nicht von den USA: Präsident Barack Obama setzt in seinen letzten Amtsmonaten auf den Fall Mosuls – der irakischen Hauptstadt des "Islamischen Staates" (IS) - und verweigert jedes echte Eingreifen in Syrien.

Erdogan selbst – seit dem Beginn des Bürgerkrieges 2011 der Beschützer der sunnitischen Rebellen – schweigt seit seinem Einmarsch in Nordsyrien, als gebe es das Blutbad von Aleppo gar nicht. Analysten gehen davon aus, dass der Ostteil der Stadt bald fällt. 

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