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"M" steht für Widerstand - Mossuls Schattenkrieger machen Jagd auf den IS

Terror gegen Terror  

Mossuls Schattenkrieger machen Jagd auf den IS

28.10.2016, 12:33 Uhr | ckr, t-online.de

"M" steht für Widerstand - Mossuls Schattenkrieger machen Jagd auf den IS. Friedhof nahe der Mossul-Front: Die IS-Kämpfer sind nirgends mehr sicher. (Quelle: AP/dpa)

Friedhof nahe der Mossul-Front: Die IS-Kämpfer sind nirgends mehr sicher. (Quelle: AP/dpa)

Mehrere Heere kämpfen sich gerade an Mossul  heran: von Süden und Westen die irakische Armee, schiitische Milizen und US-Spezialkommandos. Von Norden und Osten kurdische Peschmerga, sunnitische Milizen und Türken. Doch auch innerhalb der Hauptstadt des Islamischen Staates (IS) sind dessen Leute schon lange nicht mehr sicher: Widerstandskämpfer einer Gruppe, die sich "Kataib al-Mossul" (Mossul-Brigade) nennt, machen in den Straßen der Stadt Jagd auf die Extremisten.  

Das  Erkennungszeichen der Kataib auf Graffiti, Flyern und Mails ist das arabische "M". Es steht für "Muqawama", zu Deutsch Widerstand. Doch nur ein kleiner Teil ihres Kampfes besteht aus Anti-IS-Propaganda.

Im Namen der vertriebenen Propheten

Der andere Teil ist blutig: Morde, Anschläge, Entführungen, Brandstiftung – die sunnitischen Revolutionäre beherrschen die gesamte Klaviatur des Terrors. Nur dass er sich diesmal gegen die Terroristen selbst richtet.

Seit die Kataib im Frühjahr 2015 auf den Plan getreten sind, haben sie hunderte IS-Kämpfer und Administratoren ermordet. Daneben versorgen sie die Anti-IS-Allianz ständig mit Informationen über lohnende Angriffsziele.

Rund 500 ihrer Mitglieder sollen in der Zwei-Millionen-Stadt aktiv sein, weitere 1500 warten auf ein Zeichen zum Losschlagen, melden Medien mit Kontakten in der Stadt, wie der renommierte "Iraq Oil  Report". 

Ihre Untergruppen bestehen zumeist aus alteingesessenen Bürgern der Stadt und Studenten. Sie benennen sich nach den alttestamentarischen Propheten Jonah (arabisch "Yunus") oder Seth (Sheeth). Denen waren in Mossul berühmte und Jahrhunderte alte Heiligtümer  gewidmet. Die IS-Schergen sprengten nach und nach fast alle davon. Laut der Lehre des IS dürfen Orte der Anbetung nie mit einem Menschen zu tun haben – und sei er noch so heilig.


Widerstand gegen den IS: Mitglieder der Kataib al-Mossul im vergangenen Sommer

Saddam-Leute gegen Saddam-Leute

Bald nach der Einnahme begann Mossul sich zu wehren: Bereits im April vergangenen Jahres – zehn Monate nach der Eroberung der Stadt durch den IS – gingen die Kataib mit einem Video an die Öffentlichkeit, das sie dem Sender "Sky News" schickten. Zu sehen ist die Entführung und Ermordung eines IS-Beamten. In anderen Sequenzen wird eine Wache des IS aus dem Hinterhalt erschossen oder ein Haus in Brand gesteckt.

Mit den gleichen Methoden hatte der IS 2014 solche Angst verbreitet, dass er die Stadt am Ende praktisch ohne Gegenwehr einnehmen konnte. Dass die Kataib jetzt den IS mit genau den gleichen Methoden bekämpfen, hat einen interessanten Grund:

Die bedeutsamste Untergruppe der Kataib ist nämlich die "Bewegung der freien Offiziere". Sie setzt sich aus ehemaligen Saddam-Leuten zusammen. Ihr Handwerk als Stadt-Guerilleros haben sie ausgerechnet im Kampf gegen die US-Besatzer gelernt.  

Im Kampf gegen den IS wiederum dürften sie auf der Gegenseite gelegentlich alte Kameraden treffen. Denn auch der IS besteht zu einem guten Teil aus ehemaligen Offizieren und Geheimdienstleuten des Saddam-Regimes. Denen ist die Religion zwar meist egal. Dafür kämpfen sie aber um die Rückkehr zur Macht – und wissen, wie man ganze Städte in panische Angst versetzt.

Den Unterschied zwischen den beiden Gruppen beschrieb ein Anführer der Kataib im vergangenen Jahr gegenüber dem "Iraqi Oil Report" so: Wer aus Mossul kommt, und die anti-religiöse Lehre von Saddams Baath-Partei ernst nimmt, ist jetzt bei den Kataib. Wem es vor allem um Macht geht – die Wendehälse des Baath-Regimes sozusagen – unterstützt den IS oder gehört sogar zu dessen Führungsfiguren.

Hunderte Hinrichtungen 

Ziele der Kataib Mossul sollen vor allem ausländische Kämpfer sein. Zwischen ihnen und den irakischen Kämpfern gibt es offenbar seit längerer Zeit interne Auseinandersetzungen. So heißt es, viele der Ausländer würden vor dem kommenden Inferno gerne aus der Stadt verschwinden – eine Absetzbewegung, die die Kataib taktisch klug "unterstützen".

Die Reaktionen des IS sind drastisch: Dutzende ertappte Kataib-Kämpfer sollen schon öffentlich hingerichtet worden sein. Im vergangenen Jahr, kurz nachdem die Widerständler erstmals auftraten, veröffentlichte der IS ein spektakulär grausames Hinrichtungsvideo: Vier der 16 Angeklagten wurden in ein Auto gesetzt, das dann mit Panzerfaustraketen in die Luft gejagt wurde. Fünf wurden in einen Käfig gesperrt und in einem Swimming-Pool ertränkt. Sieben weitere köpften die Henker mit Sprengsätzen, die sie um ihre Hälse legten.

Das grausame Exempel scheint jedoch keine Wirkung gehabt zu haben. Im Gegenteil: Täglich wird jetzt von Angriffen und Sprengstoffanschlägen auf IS-Kader innerhalb der Stadt berichtet. Dabei verschärft sich das Terrorregime in der Stadt offenbar von Tag zu Tag: Allein am Mittwoch wurden nach UN-Angaben über 230 Menschen hingerichtet, weil sie sich geweigert hätten, "Anordnungen zu befolgen".

Den IS demoralisieren

Noch sind die künftigen Eroberer dabei, den Ring um die Stadt zu schließen. Bald jedoch dürfte der Straßenkampf beginnen. Zana Gulmohamad, Irak-Experte der britischen Sheffield-University, sieht ihre militärische Wirkung als begrenzt an. In einem Artikel für das renommierte Anti-Terror-Magazin der US-Offiziersschmiede Westpoint, schrieb Gulmohamad im Oktober: Im Vergleich zu den Kampfgruppen um Mossul seien die Kataib nur eine kleine Truppe.

Dennoch kommt ihnen möglicherweise  eine entscheidend Rolle zu, schreibt Gulmohamad: Auch bei früheren Eroberungen - wie zum Beispiel in Falludscha - seien Gruppen wie die Kataib äußerst wertvoll gewesen: Sie gäben gezielte Informationen an die Angreifer weiter und sabotierten den IS im Innern und demoralisierten die Extremisten. Die Schlacht verkürzen könnten die Kataib damit auf jeden Fall.

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