Sie sind hier: Home > Politik > Ausland > Krisen & Konflikte >

Syrien-Einsatz: Wladimir Putin geht großes Wagnis ein

Russlands Einsatz in Syrien  

Putin geht ein großes Wagnis ein

10.12.2016, 06:54 Uhr | Christina Hebel, Spiegel Online

Syrien-Einsatz: Wladimir Putin geht großes Wagnis ein. Ein Kampfjet startet von Russlands in die Jahre gekommenem Flugzeugträger "Admiral Kusnezow". (Quelle: dpa)

Ein Kampfjet startet von Russlands in die Jahre gekommenem Flugzeugträger "Admiral Kusnezow". (Quelle: dpa)

Mit dem Syrien-Einsatz hat Wladimir Putin versucht, Russland wieder als Machtblock zu inszenieren, den man nicht unterschätzen darf. Doch der Kraftakt zur Unterstützung Assads offenbart auch die Schwächen des russischen Militärs.

Das Lob kam vom Chef der Propaganda-Agentur Rossija Segodnja höchstpersönlich. Dmitrij Kisseljow sprach in seiner Nachrichtensendung "Westi Nedeli" ("Nachrichten der Woche"), die von Millionen Russen jeden Sonntag gesehen wird, vom "beachtlichen militärischen Erfolg" in Aleppo, er hob auch die syrische Armee hervor. Um das Ganze zu unterstreichen, blendete die Regie den Schriftzug "Aleppo. Ein großer Erfolg" ein.

Die vollständige Eroberung der Metropole sei nur noch eine Frage von Tagen, so die Botschaft. Fast täglich senden Kreml-Medien Bilder von russischen Soldaten, die syrische Bürger mit Essen und Trinken versorgen. Wo und wann genau die Aufnahmen entstanden sind, bleibt unklar. Auch ob die von Außenminister Sergej Lawrow in Hamburg verkündete Feuerpause wirklich von der syrischen Armee eingehalten wird. Aktivisten berichten am Freitag weiterhin von Gefechten.

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad braucht den Sieg in Aleppo dringend - nicht nur aus propagandistischen Gründen. Putin, Assads wichtigster Partner, fordert Erfolge ein, auch weil der künftige US-Präsident Donald Trump Russland nicht ewig gewähren lassen wird. Putin kann die internationale Anerkennung seines Landes nur dann erzwingen, wenn er auch Resultate vorweisen kann.

Assads Truppe geschwächt

Doch in Syrien geht es nur langsam voran. Als das russische Militär am 30. September 2015 in den Krieg eingriff, offiziell um gegen den Terrorismus vorzugehen, rechneten die Generäle mit einem Einsatz, der einige Monate dauern werde, aber nicht mehr als ein Jahr.

Schnell mussten die russischen Militärberater erkennen, dass die syrische Armee nicht so schlagkräftig ist, wie Assad weismachen will. "Dafür, dass die russische Armee Syrien seit mehr als ein Jahr bombardiert, sind die Erfolge sehr kläglich", sagt der unabhängige russische Militärexperte Alexander Golz. Die Luftwaffe absolvierte laut Verteidigungsministerium allein bis Oktober 2016 rund 13.000 Kampfeinsätze. Nach den jahrelangen Einsätzen sei Assads Truppe geschwächt, sagt Golz. Die Kooperation mit iranischen und palästinischen Kämpfern, insbesondere der Hisbollah, erfordere große Koordination.

Zudem sei der effiziente Kampf gegen den Terrorismus eine Aufgabe, die nicht nur in Syrien kaum zu erfüllen sei, sagt Golz. Wenige Monate nach der Rückeroberung Palmyras stehen wieder Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" vor der Stadt.

Russlands Luftwaffe hat Nachholbedarf

Es ist nicht einzige schlechte Nachricht für Russland in dieser Woche: Am Montag wurde öffentlich, dass ein zweiter russischer Kampfjet beim Landeversuch auf den Flugzeugträger "Admiral Kusnezow" vor der syrischen Küste abstürzte. In den staatlichen Medien wurde über den Unfall allenfalls kurz berichtet, passt dieser nicht zu den sorgsam inszenierten Aufnahmen vom Flugzeugträger im Top-Gun-Stil. Das kremlnahe Boulevardportal Life.ru fand schnell die Ursache für den Unfall: ein Fehler in der Technik, die aus der Ukraine stamme.

Solche Ablenkungsmanöver können kaum über die Schwachpunkte des ersten russischen Militäreinsatzes außerhalb des postsowjetischen Raumes hinwegtäuschen. Zwar sind die Verluste nicht so hoch wie 2008 im Fünftagekrieg gegen Georgien. Damals verlor Russland sieben Maschinen, vier weitere wurden schwer beschädigt. Doch Moskaus Luftstreitkräfte haben noch einiges an Erfahrung aufzuholen.

Russlands Luftwaffe erreicht nach Einschätzung des Direktors Ruslan Pukhow vom Moskauer Zentrums CAST mit den Einsätzen in Syrien nun den technischen Stand der US-Air Force und westlichen Alliierten während des Luftkriegs in Ex-Jugoslawien 1999. Für das Militär, das derzeit mit Milliarden Euro modernisiert wird, sei Syrien deshalb zu "einem Testgelände für neue Waffen und Taktik" geworden, schreibt das CAST in einer aktuellen Studie.

Nicht geeignet für Syrien-Einsatz

Andere Analysten weisen dagegen auf die veraltete Technik auch der Marine hin. So sei die 306,5 Meter lange "Admiral Kusnezow" mit seinen vier störanfälligen Dampfturbinen kaum für den Kampfeinsatz vor Syrien geeignet. Das Schiff war eigentlich für den Arktis-Einsatz konzipiert worden, um Atom-U-Boote zu schützen. Die Jets können nicht über Katapulte von Deck aus starten, sondern über eine Bugrampe. Das hat zur Folge, dass die Maschinen nur wenig Treibstoff und Bomben laden können. Für die Piloten ist das Starten und Landen eine Herausforderung. "Das können nur wenige, das ist eine Meisterleistung", sagt Golz. Abstürze könnten deshalb immer wieder passieren. In russischen Medien tauchten bereits Berichte auf, dass die Jets vom Typ Su-33 und MiG-29 möglicherweise auf die Basis in Hmeimim auf dem syrischen Festland verlegt werden.

Hinzukommen immer wieder Meldungen, dass nur ein Teil der eingesetzten Bomben präzise ihre Ziele findet und häufig zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schulen in Syrien getroffen werden. Russland weist die Kritik zurück und wirft den USA vor, ebenfalls zivile Einrichtungen etwa im Irak zu zerstören.

Russen stehen hinter dem Kampfeinsatz

Trotz dieser Probleme bewertet die Mehrheit der Russen den Kampfeinsatz in Syrien einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums noch als positiv. Golz erklärt das so: "Der Nationalbürger fühlt sich gut, wenn er von der Couch zusehen kann, wie die Jets starten, und er stolz auf sein Land sein kann, das gegen den Terrorismus vorgeht."

Russland hat sich mittlerweile auf eine dauerhafte Operation in Syrien eingerichtet. Das ist nicht ohne Risiken: Noch liegt die Zahl der russischen Opfer offiziell bei nur rund 21 Toten. Doch allein in dieser Woche starben zwei russische Krankenschwestern und ein Militärberater. 

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Mäntel-Highlights und schöne Jacken shoppen
bei MADELEINE
myToysbonprix.deOTTOhappy-size.detchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal