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USA: Marode Infrastruktur lähmt das Land

"Wie China in den 80ern": Marode Infrastruktur lähmt die USA

21.06.2012, 15:44 Uhr | dpa

USA: Marode Infrastruktur lähmt das Land. Die Katastrophe: In den USA gelten 160.000 Brücken als einsturzgefährdet (Quelle: Reuters)

Die Katastrophe: In den USA gelten 160.000 Brücken als einsturzgefährdet (Quelle: Reuters)

Drei Stunden sitzt Weltbank-Chefökonom Justin Lin im Zug, selbst wenn er die schnellste Verbindung für die Strecke von Washington nach New York wählt. Im Schwellenland China, dem Geburtsland Lins, braucht ein Hochgeschwindigkeitszug nur die Hälfte der Zeit für die 360 Kilometer lange Strecke, rechnet er vor. Es ist ein gutes Beispiel für den schlechten Zustand der US-Infrastruktur. Besserung ist kaum in Sicht. Sinkende Steuereinnahmen und politischer Stillstand gefährden sogar noch den ohnehin maroden Status Quo.

Lin lebt in der Nähe von Washington. Rund um die US-Hauptstadt sind Stromausfälle an der Tagesordnung. Grund dafür ist eine fatale Kombination aus anfälligen oberirdischen Stromleitungen und Bäumen entlang der Trassen. "Jedes Mal wenn starker Wind weht, haben wir einen Stromausfall", erzählt der leidgeprüfte Lin. "Es erinnert mich an China in den 1980ern." In einem Bericht zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit des "World Economic" Forum belegt die US-Infrastruktur nur Platz 24 von 142, hinter Malaysia. Deutschland kommt auf Platz 10.

Die Ausgaben für die Infrastruktur sinken jedoch seit Jahrzehnten - auf etwa 2,4 Prozent des US-Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2007, wie die Budgetbehörde des US-Kongresses mitteilt. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Europäische Regierungen investieren im Schnitt etwa 5 Prozent. Das führt zu diesen verheerenden Auswirkungen:

- Ein Drittel aller Hauptstraßen sind in schlechtem Zustand. 36 Prozent aller städtischen Autobahnen gelten als ständig überlastet. Hauptprobleme sind Schlaglöcher und Risse im Asphalt.

- Der Schienenverkehr gilt als unzuverlässig. Zugreisende kommen in Europa bei bis zu 90 Prozent der Fahrten pünktlich an, in den USA bei 77 Prozent. Es gibt kein Hochgeschwindigkeits-Schienennetz. Der Schnellzug "Acela Express" zwischen Washington und Boston fährt wegen der schlechten Schienen im Schnitt 115 Kilometer pro Stunde.

- Viele der oft überalterten Flughäfen sind überlastet, Verspätungen sind an der Tagesordnung. Das aus den 1950er-Jahren stammende Flugleitsystem sollte nach Expertenansicht durch effizientere Modelle ersetzt werden.

- Mehr als ein Viertel der rund 600.000 Brücken entsprechen nicht mehr dem optimalen Sicherheitsstandard, über 160.000 gelten sogar als einsturzgefährdet. 2007 starben beim Einsturz einer überalterten Autobahnbrücke in Minneapolis 13 Menschen.

- Das Durchschnittsalter der mehr als 85.000 Dämme in den USA liegt bei 51 Jahren. Über 4000 davon weisen gravierende Sicherheitsmängel auf. Der Bundesstaat Texas zum Beispiel setzt lediglich sieben Ingenieure für die Überwachung seiner mehr als 7400 Dämme ein.

- Die oberirdischen Kabel sind extrem anfällig. Beschädigt etwa ein herabfallender Ast die Stromleitung, gehen gleich im ganzen Viertel die Lichter aus. Weil dies bei fast jedem Sturm passiert, raten Elektrizitätswerke den Bürgern zum Kauf von Generatoren. Als 2003 der Orkan "Isabel" die Ostküste der USA heimsuchte, saßen zeitweise 45 Millionen Amerikaner im Dunkeln.

Aber weder für Präsident Barack Obama noch für seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney ist die Infrastrukturkrise ein Wahlthema. Das Weiße Haus hatte zwar in seinem Budgetentwurf für 2012 Infrastrukturfragen als "entscheidend" für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit des Landes bezeichnet, doch auf der Obama-Wahlkampfseite findet sich nichts zum Thema. Es fehlt schlichtweg das Geld. Mitt Romney hingegen wirbt auch noch für die Privatisierung der Bahngesellschaft Amtrak, die mit jährlichen Subventionen von 1,6 Milliarden Dollar (1,25 Milliarden Euro) am Laufen gehalten wird.

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Nicht einmal fünf Cent Steuern pro Liter

Die Staatsschulden und Wirtschaftskrise überschatten die Infrastrukturdebatte. Die Schulden betragen mehr als 100 Prozent des BIP, seit 2007 sind die jährlichen Defizite höher als eine Billion Dollar. Verbesserungen der Infrastruktur werden zum Teil über eine Treibstoffsteuer finanziert - zur Zeit liegt diese bei 4,86 Cent pro Liter Benzin und bei 6,45 Cent für Diesel. Das bringt etwa 32 Milliarden Dollar pro Jahr, aber seit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise sinken die Einnahmen. Eine Erhöhung gilt als politisch kaum durchsetzbar.

Bereits 2008 schätzte eine eigens eingesetzte Kongresskommission, dass etwa 255 Milliarden Dollar im Jahr notwendig seien, um allein die Transportinfrastruktur in den nächsten 50 Jahren instand zu halten und zu verbessern - die Ausgaben betrugen in jenem Jahr nicht einmal die Hälfte davon, Tendenz sinkend.

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