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US-Wahl 2016 und Brexit: Darum liegen Umfragen immer öfter falsch

Demoskopie in der Krise  

Warum Wahlumfragen immer öfter falsch liegen

13.11.2016, 12:34 Uhr | Bernhard Vetter, t-online.de, mit Material von dpa

US-Wahl 2016 und Brexit: Darum liegen Umfragen immer öfter falsch. Am New Yorker Times Square wurden am Wahlabend die Ergebnisse auf großen Bildschirmen dargestellt. (Quelle: dpa)

Am New Yorker Times Square wurden am Wahlabend die Ergebnisse auf großen Bildschirmen dargestellt. (Quelle: dpa)

Sie haben einen undankbaren Job: Wenn Wahlforscher daneben liegen, kann jeder das bereits wenige Stunden nach der Abstimmung sehen. Zuletzt gab es bei der US-Wahl grobe Patzer.

Donald Trump gewinnt, obwohl Hillary Clinton angeblich die Favoritin war. Die Briten stimmten für den Brexit, obwohl Umfragen eine Stimmung für den Verbleib anzeigten. Die AfD schneidet bei Landtagswahlen meist besser ab als vorhergesagt. Hat die Branche der Umfrageunternehmen ein Problem mit dem Populismus?

Fakt ist, dass manche Menschen bei Umfragen nicht die Wahrheit sagen. Sie könnten natürlich die Teilnahme verweigern - niemand kann zur Mitwirkung gezwungen werden. Aber das wäre manchem vielleicht peinlich.

Stattdessen nimmt man dann doch teil, lässt sich aber nicht in die Karten schauen. Vor allem Ansichten, die vermeintlich von der Mehrheit abweichen, werden häufig unterdrückt. Man gibt die "sozial erwünschte" Antwort. "Würden Sie Flüchtlingen helfen?" - "Ja, natürlich" oder "Ich bin mir nicht sicher", wird auch mancher von der "Ausländer raus"-Fraktion sagen. Und welcher mexikanisch-stämmige US-Bürger würde wohl zugeben, dass er Trump wählt, obwohl dieser ihn in einen Sack mit Kriminellen und Vergewaltigern steckt?

Umfragen erreichen manche Gruppen nur schlecht

Hinzu kommt: Menschen, die dem rechten Spektrum zuneigen, nehmen weniger gerne an Umfragen teil, weil sie Meinungsforscher oft mit der politischen Elite assoziieren, wie Nico Siegel von Infratest Dimap sagt. Deshalb sei zu vermuten, dass die Bereitschaft ihrer Anhänger zur Teilnahme an einer Umfrage etwas niedriger ist als in der Gesamtbevölkerung - das Ergebnis würde zu gering ausfallen.

Die Demoskopen wissen das natürlich alles, denn auch sie vergleichen ihre Umfragedaten im Nachhinein mit den tatsächlichen Wahlergebnissen, um Abweichungen auf die Spur zu kommen und ihre Methoden zu verbessern. So werden etwa größere Stichproben genommen und die Gewichtung verändert. Umfragen funktionierten nur, wenn alle Schichten im gleichen Maß daran teilnähmen, sagt auch der Mainzer Politologe Thorsten Faas im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen erklärt in der "Heilbronner Stimme": "Wir haben das AfD-Problem bei den Landtagswahlen im März, etwa in Baden-Württemberg, noch unterschätzt, weil wir nicht mit solchen Dunkelziffern gerechnet haben. Das haben wir korrigiert und bei den letzten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin richtig eingeschätzt."

Umfragen entfalten auch eine Wirkung

Martin Kroh vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht noch einen weiteren Effekt. Er weist darauf hin, dass das Ergebnis immer auch davon abhängt, wie gut es einer Partei oder einem Kandidaten gelingt, Menschen auf den letzten Metern zu mobilisieren, überhaupt zur Wahl zu gehen. Als Motivation kann da vielleicht auch ein Umfrageergebnis dienen, das den bevorzugten Kandidaten hinten sieht.

Aber auch der Umkehrschluss ist richtig: Liegt eine Partei oder ein Kandidat in Umfragen deutlich vorne, denken manche Anhänger, auf ihre Stimme komme es nicht so sehr an - und am Ende fehlt sie dann.

Die Ehrlichkeit war vor allem bei den Umfragen zum Brexit-Votum ein Problem, aber auch bei der US-Wahl. Doch was lief bei den Vorhersagen in den Vereinigten Staaten sonst noch falsch?

Manche Umfragen lagen richtig

Die Forscher unterschätzten die Zahl der Wähler, die 2012 nicht zur Urne gegangen waren, es aber mit Trump wieder lohnend fanden. Außerdem wurde der Enthusiasmus bei den Republikanern, der zu einer hohen Wahlbeteiligung in ihrem Lager führte, falsch eingeschätzt, wie Raghavan Mayur vom Institut IBD/TIPP feststellt, das als eines der wenigen den Trump-Sieg vorhergesehen hatte.

Und in der Tat gab es auch in den USA Umfragen, die den Republikaner fast durchgehend in Führung sahen - etwa jene von der University of Southern California in Zusammenarbeit mit der "Los Angeles Times". Sie wird anonym im Internet durchgeführt: 3000 potenzielle Wähler werden im Vorfeld der Abstimmung immer wieder nach Stimmungen und Wahrscheinlichkeiten befragt. Deshalb geht man davon aus, dass hier ehrlichere Antworten gegeben wurden - auch weil sich die Befragten nicht eindeutig auf Clinton oder Trump festlegen mussten, ja noch nicht einmal, ob sie überhaupt zur Wahl gehen würden.

Damit hatte diese Umfrage einen Vorteil gegenüber vielen anderen, die sich nur auf registrierte beziehungsweise entschlossene Wähler stützen.

Abweichler unter Druck

Und dennoch trauten die Forscher hinter der Umfrage ihren eigenen Zahlen nicht: Selbst wenige Tage vor der Wahl hatte einer der Wissenschaftler, Arie Kapteyn, noch in einem Interview gesagt, er glaube, dass Clinton knapp gewinnen würde. In der "Los Angeles Times" resümiert er nun: "Du musst den Zahlen trauen. Lass Dich nicht von Wahrscheinlichkeiten ablenken. Was Du persönlich denkst, zählt nicht." Wegen ihrer vermeintlich abweichenden Ergebnisse waren die kalifornischen Forscher vor allem von Demokraten im Vorfeld immer wieder scharf kritisiert worden.

Doch warum wurden die angeblichen Abweichler unter den Demoskopen nicht ernst genommen? Das ist eines der großen Rätsel der US-Wahl 2016. Die Umfrage von IBD/TIPP etwa hat sich nun bei vier Wahlen in Folge als treffsicher herausgestellt. Sie wurde ignoriert.

Als CNN nach Trumps Wahlsieg fragte: "Was haben alle nur falsch gemacht?" konterte IBD/TIPP in einem Blogeintrag: "Entschuldigung, aber nicht alle haben es falsch gemacht." Man sei vielleicht nicht so gut in der Selbstvermarktung, dafür aber im Erstellen von Meinungsumfragen, hieß es als Seitenhieb auf die vielen, die daneben lagen.

Der Branchenverband der US-Umfrageunternehmen AAPOR will sich die Gründe für die peinliche Schmach rund um den 8. November nun ansehen und bis Mai einen Bericht vorlegen.

Suche nach Alternativen

Den menschlichen Faktor können die Befragungen schon von der Grundstruktur her nicht völlig ausschließen. Aber Forscher untersuchen alternative Modelle - etwa der deutschstämmige Professor Helmut Norpoth aus New York. Er hat die These aufgestellt: Wenn ein Kandidat im Vorwahlkampf lange kämpfen muss, ist er im Nachteil. Zudem schafft es eine Partei nur selten, ihren Kandidaten durchzubringen, wenn ein Amtsinhaber derselben Partei acht Jahre im Amt war.

Daraus hatte Norpoth eine 67- bis 88-prozentige Chance für einen Sieg Donald Trumps errechnet. Auch Professor Allan Lichtman lag mit einem ähnlichen Modell richtig.

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