Besuch in der Krisenstadt Kenosha

Biden gibt den Anti-Trump

04.09.2020, 17:17 Uhr

Trug eine Maske: US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden unterschied sich bei seinem Auftritt in Kenosha deutlich von US-Präsident Trump, der zwei Tage vorher zu Gast war. (Quelle: Reuters)

Erst Donald Trump, jetzt Joe Biden: Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten besucht die von Unruhen geplagte Stadt Kenosha – und macht alles anders als der Präsident.

Zwei Monate vor der US-Präsidentschaftswahl hat Herausforderer Joe Biden gezeigt, wie grundlegend anders als Amtsinhaber Donald Trump er mit Amerikas Krisen umgehen will.

Der Demokrat nutzte seinen Besuch in der von gewaltvollen Zusammenstößen geplagten Stadt Kenosha, wo ein Polizist einem Schwarzen sieben Mal in den Rücken geschossen hatte, um den Kontrast herzustellen. Der Einsatz löste Proteste und Ausschreitungen in Kenosha sowie breite Empörung im Land aus.

Joe Biden – eine Karriere in Bildern

Im dritten Anlauf soll es nun endlich klappen – Joe Biden ist der Hoffnungsträger der Demokraten im US-Wahlkampf. Nach Schicksalsschlägen und Widerständen will er nun auch Donald Trump trotzen. (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Nach seinem Jurastudium in Yale gründete Biden 1968 eine Anwaltsfirma mit dem Namen "Biden & Wash". (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Von 1972 bis 2009 war Biden Senator des Bundesstaates Delaware und damit Mitglied des US-Senats. Als Senator schränkte er den Besitz von Waffen ein, weitete die Todesstrafe aus und definierte neue Verbrechen in den Bereichen Immigration, Drogen, bandenmäßige Organisation und Sexualverbrechen. (Quelle: UPI Photo/imago images)

Biden gab sich selbst den Spitznamen „Middle Class Joe“ mit der Betonung darauf, dass er einer der weniger wohlhabenden Mitglieder des Senats sei. Dort würden fast nur Millionäre sitzen. Er hielt so die Verbindung zu seiner Wählerbasis. (Quelle: UPI Photo/imago images)

Biden hatte in seinem Leben mehrere Schicksalsschläge zu verkraften. Schon 1972 verlor er seine Ehefrau Neilia und Tochter Naomi bei einem Autounfall. Die Söhne Beau und Hunter überlebten. 2015 starb Beau Biden im Alter von 46 Jahren an einem Gehirntumor. (Quelle: ZUMA Wire/imago images)

1988 bewarb sich Biden das erste Mal als demokratischer Präsident. „Ich habe etwas sehr Dummes gemacht“ gab er zu, als herauskam, dass er seine Rede vom britischen Labour-Führer Neil Kinnock kopiert hatte. (Quelle: ZUMA Wire/imago images)

Noch heute muss sich Biden den Spitznamen "Ein Prozent" von Präsident Trump gefallen lassen. Warum? 2008 zog Biden seine erneute Kandidatur für die US-Präsidentschaft gegen Barack Obama und Hillary Clinton zurück, nachdem er in Iowa weniger als ein Prozent der Stimmen erhielt. (Quelle: UPI Photo/imago images)

Nachdem Barack Obama ihn nominiert hatte, trat Biden am 20. Januar 2009 das Amt des 47. Vizepräsidenten der USA an und begleitete ihn durch seine zwei Amtsperioden. (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Biden verpasste durch den Tod seines Sohnes Beau seine Chance, 2016 erneut für den Posten des US-Präsidenten zu kandidieren. Er sagte: "Ich bedauere, nicht für das Präsidentenamt kandidiert zu haben – denn ich hätte gewinnen können.". (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Am 25. April 2019 gab Joe Biden bekannt, 2020 für die Kandidatur des US-Präsidenten anzutreten. (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Sollte Biden die US-Wahl gewinnen, wäre er mit 78 Jahren am Tag der Amtseinsetzung (20. Januar 2021) der älteste Präsident in der Geschichte Amerikas. (Quelle: ZUMA Wire/imago images)

Anders als Trump traf Biden mit der Familie des Opfers Jacob Blake zusammen. Anderthalb Stunden sprachen sie, abseits der Kameras. Der schwer verletzte 29-Jährige war laut dem Familienanwalt dabei per Telefon aus dem Krankenhaus zugeschaltet.

Biden: Trump legitimiert "Hass und Rassismus"

Im Anschluss sprach Biden in einer Kirche mit Anwohnern der Stadt und gelobte, er werde für die vollständige Gleichberechtigung der Schwarzen kämpfen. Trump hingegen, so Biden, würde durch Äußerungen "Hass und Rassismus legitimieren".

Bidens Besuch war mit großer Spannung erwartet worden, nachdem Trump am vergangenen Dienstag den Ort besucht hatte. Es war die erste Reise des Demokraten in den umkämpften Bundesstaat Wisconsin, den Trump 2016 knapp gewonnen hatte und der eine entscheidende Rolle bei der Wahl im November spielen könnte. Das Thema der Proteste und gewaltsamen Auseinandersetzungen prägt neben der Corona- und Wirtschaftskrise den Wahlkampf.

Während Trump nun "Recht und Ordnung" betont und sich auf die Seite der Polizei stellt, unterstrich Biden am Donnerstag immer wieder sein Ziel, die Nation einen zu wollen. Neben den unterschiedlichen Botschaften dazu setzte der Herausforderer auch einen optischen Kontrast zu Trump. Anders als der Präsident trug er, wie es die örtlichen Corona-Richtlinien vorsehen, eine Maske.

Trump hatte bei seinem Besuch in Kenosha mit Polizeivertretern und mit Menschen gesprochen, die tatsächlich – oder nur vermeintlich – von den gewaltsamen Ausschreitungen betroffen waren. Er stapfte mit ihnen durch die Verwüstungen. Trump erwähnte während seines dreistündigen Besuchs nicht einmal den Namen Jacob Blakes.

Interessieren Sie sich für die US-Wahl? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt über seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Stattdessen nutzte der Präsident seinen Auftritt, um Partei für die Polizei zu ergreifen und sich gegen den Protest, der sich gegen Polizeigewalt und Rassismus richtet, auszusprechen. Trump will die Ausschreitungen der vergangenen Wochen in mehreren amerikanischen Städten gebrauchen, um vor den Folgen eines möglichen Biden-Sieges zu warnen. 

Andere Sicht auf das Thema Rassismus

Sein Argument: So wie es infolge der Polizeigewalt gegen Schwarze neben vielen friedlichen Protesten auch zu Gewalt in den Städten kommt, die von Demokraten regiert werden, würde es bei einem Sieg Bidens bald im gesamten Land aussehen.

Trump hatte bei seinem Auftritt dementiert, dass es systematischen Rassismus im Land gebe. Biden wiederum versprach bei seinem Auftritt in der Grace Lutheran Church, er werde "institutionellen Rassismus" und damit eine "Ursünde" Amerikas bekämpfen.

In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage gaben drei Viertel der Amerikaner an, dass Rassismus in den USA ein großes Problem sei. Doch Biden wusste auch, dass er ausdrücklich die Gewalt durch Demonstranten verurteilen musste. "Für Plünderungen und Brandstiftung gibt es keine Rechtfertigung", sagte er deshalb in der Kirche.

Trump liegt in den Umfragen weiter hinter Biden. Verschiedene Erhebungen legen nahe, dass das Rennen in wichtigen Bundesstaaten wie Pennsylvania und Wisconsin allerdings wieder enger wird. Kenosha selbst liegt in einem umkämpften Wahlbezirk, den Trump 2016 mit gerade einmal 255 Stimmen gewonnen hatte.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Beobachtungen
  • Umfrage der Quinnipiac University
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