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Daniel Halembas Haus: Ein Keller zum Kämpfen und Abhitlern


Ein Keller zum Kämpfen und Abhitlern


Aktualisiert am 30.11.2023Lesedauer: 7 Min.
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Verherrlichung der NS-Zeit: Dieses Video zeigt den verbotenen Hitlergruß vor der Teutonia Burschenschaft in Würzburg. (Quelle: t-online)

Das Teutonenhaus in Würzburg – hier finden sich Gästebucheinträge mit einem "Sieg Heil" und Himmler-Befehl überm Bett des Jung-Abgeordneten Daniel Halemba. Wie lebt es sich in der extrem rechten Burschenschaft?

Eigentlich ist kein Reinkommen für Fremde, auf Klingeln reagiert niemand. Die Namensschilder sind überklebt, und dennoch kann man "Halemba" noch ganz oben erkennen: Die Lortzingstraße 29, gesichert durch Tor und Nato-Stacheldraht, ist ein kleines Reich für sich – mit Bewohnern, die offenbar auch vom Reich träumen.

Doch seit die Vorwürfe gegen Daniel Halemba und seine Mitbewohner laut geworden sind, gibt es Menschen, die an die Öffentlichkeit gehen. Aus den Schilderungen von Gästen lässt sich konstruieren, wie es im Haus der Prager Burschenschaft Teutonia Würzburg zugeht. t-online nimmt die Leser für diesen Text mit auf einen Rundgang durch das braune Haus hinter dem hellen Anstrich. Nicht alle Angaben lassen sich überprüfen, wurden t-online aber von mehreren Quellen bestätigt.

Von einem Holzbalken an der Hausecke, ein paar Meter neben einem herabhängenden Boxsack, ist eine Überwachungskamera auf den Weg aus Waschbetonplatten gerichtet. Sie hat aufgezeichnet, wie einer der Bewohner zum Abschied den Arm überdeutlich zum Hitlergruß reckt, seine Begleitung dabei ungerührt weitergeht. Halemba lebte zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht in dem Haus. (Die Szene sehen Sie im Video).

Es sind Aufnahmen, die t-online zugespielt wurden und die etwas über den Geist der Teutonia aussagen: Ein Hitlergruß stört nicht, der Gebrauch von Anglizismen führt zu einer "Beireitung". Diese benennt in der ganz eigenen Sprache der Burschenschafter eine Geldstrafe, verhängt vom "Convent", dem Entscheidungsgremium der Bewohner. Bei Burschenschaftern sagt auch niemand "in dem Haus", in dieser Welt heißt es "auf dem Haus".

Halemba darf die anderen nicht sehen

14 Stufen führen zur Deutschlandflagge über dem Haupteingang. Öffnet sich die massive Haustür, steht man im Flur des Erdgeschosses mit Garderobe. Es rieche oft etwas muffig, wie in einem Vereinsheim, heißt es. Und manchmal auch stark nach verschüttetem Bier.

Links ist eine kleine Küche, geradezu führt ein kleiner Flur in Richtung Garten, zwei Zimmer gehen von dem Gang ab. In eines ist vor Jahren bereits ein Mann eingezogen, der wie Daniel Halemba in der AfD ist und als Drahtzieher hinter dessen Kandidatur gilt. Halemba ist Teuton und darf das Teutonenhaus derzeit nicht betreten: Er bekam eine Kontaktsperre als Auflage dafür, dass er nach seiner Verhaftung wieder auf freiem Fuß und der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt wurde. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn auch mit Verdunklungsgefahr begründet; sie hatte Anhaltspunkte, dass er einen anderen Bewohner als Zeugen unter Druck setzen wollte.

Im hinteren Teil führt eine Wendeltreppe nach unten und nach oben. Folgt man ihr nach unten, sieht man einen Raum mit kleinem Fenster, in dem Hochbetten stehen. Die Teutonia bekommt manchmal Besuch anderer Burschenschaften, dann können die hier schlafen. Es sind seltene Besuche, heißt es.

Hier unten gibt es eine Tapetentür, nicht unbedingt eine Geheimtür, aber unauffällig. Sie führt in einen vergleichsweise kleinen Raum. Freundlich könnte man ihn Traditionsraum nennen, weniger freundlich Nazi-Partykeller. Staubig war es hier, Hakenkreuz-Wimpel hingen dort, sagt einer, der dort war, auch ein rassistisches Plakat in der Optik des Dritten Reichs.

Ein Tisch steht im Raum, eine eher schäbige Bar und eine Musikanlage, aus deren Boxen schon manches unsägliche Lied dröhnte. "Da kann gepflegt 'rumgehitlert' werden", berichtet der frühere Besucher t-online. "Es dringt wenig nach oben und nach draußen." Von hier könnten Polizisten aber einige der NS-Devotionalien und antisemitischen Schriften weggetragen haben, als sie am 14. September das Haus durchsuchten.

Ungestörtes "Abhitlern" im Partykeller

NS-Symbole auf Fotos aus dem Haus waren der Anlass für die Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. "Abhitlern" hat auch schon mehrfach zu Ärger mit den Nachbarn geführt, laut mitgegrölter Rechtsrock ebenso. Das Telefon klingelt dann in Nürnberg beim Vorsitzenden des Vereins Teutonenhaus, dem Träger. AfD-Mitglied ist der, heißt es, aber sei unglücklich über manches, was im Haus laufe. Geld für den Unterhalt des Gebäudes kommt von den sogenannten Alten Herren, die Mittel für das Leben der "Aktivitas" auch, also für die Studenten: Fahrten sollen davon bestritten werden, Veranstaltungen und die Biervorräte.

Einen Kühlraum dafür gibt es im Untergeschoss, ein kleines Bad auch. Den größten Teil nimmt hier aber der "Mensurkeller" ein, ein Raum, der an eine Garage erinnert mit einer Art Werkstattgrube. Eine Kellertür führt hier nach draußen, man steht dann neben dem Boxsack. Wenn es in dem Raum klirrt, dann nicht von einem zu Boden gefallenen Wagenschlüssel, sondern von den Klingen. Weil beim Fechten die normale Deckenhöhe ein Problem wäre, gibt es dafür die Grube mit einer Reling oben für Zuschauer.

Die Teutonia ist eine pflichtschlagende Verbindung, wer dabei sein will, muss auch fechten. Die Mensur soll der charakterlichen Erziehung dienen. In der Burschenschaft gibt es einen Fechtwart, dessen Aufgabe es auch ist, mit anderen Verbindungen Kämpfe zu arrangieren. In Würzburg ist das schwer für ihn – die Teutonia ist ausgegrenzt. Eigentlich.

Zu ihrem Schutz tragen die Kämpfer ein Kettenhemd, ein solches hängt bei der Teutonia neben den Fechthauben an der Wand, an die 1.000 Euro kostet so etwas. Die Fechthauben oder Paukhelme werden zum Trainieren getragen, bei der "scharfen Mensur" dann eine Halskrause und eine Paukbrille, um zumindest die Augen zu schützen. Gekämpft wird eigentlich nach strengem Reglement mit genauen Sicherheitsvorschriften. Unter verschärften Bedingungen und mit vermindertem Schutz werden jedoch auch "Pro-Patria-Suiten" ausgetragen, bei denen es durchaus zu schweren Verletzungen kommen kann.

Zur Kneipe kommen die Alten Herren

Wir verlassen den Paukkeller, gehen die Wendeltreppe zwei Stockwerke nach oben: Hier im ersten Stock ist der Kneipsaal mit der großen Fahne an der Decke im Schwarz-Rot-Gold des Kartells, also des Zusammenschlusses mit den Burschenschaften Albia Wien und Arminia Graz. Gegenstände der beiden Verbindungen hängen an der Wand. Es ist der Gastraum und das Zentrum des Lebens der Burschenschaft. Es war mal das Wohnzimmer, als das Haus noch Arztvilla war. Jetzt stehen hier langgezogene Tische und ein runder Tisch. Am runden sitzen die Bewohner oft, wenn sie unter sich sind.

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Wenn aber "Kneipe" ist, gilt eine formale Sitzordnung. Die Neulinge, die sogenannten Fuchsen, haben einen separaten Tisch: Zur Semesterantritts- und zur Abschlusskneipe kommen die "Alten Herren", die ehemaligen Studenten, es geht erst förmlich zu mit lateinischen Ansagen – und dann später hemmungslos. Man erzählt sich von honorigen Besuchern, die hier irgendwann am nächsten Tag zwischen Scherben, Bierpfützen und Erbrochenem zu sich gekommen sind. In diesem Raum finden auch die Burschenprüfungen statt, Befragungen zur Geschichte Deutschlands, Würzburgs und der Burschenschaft, garniert mit einem Kasten Bier, den die "Fuchsen" bei der Befragung leeren müssen, wenn sie Burschen werden und dazu dem Bund "unverbrüchliche Treue" schwören wollen.

An den Kneipsaal schließt sich eine offene Küche an mit einem großen Kühlschrank mit holzvertäfelter Tür. Darauf sind jetzt nur noch die Reste abgekratzter Aufkleber aus den vergangenen Jahren zu sehen. Zig Besucher des Hauses haben zu Gesicht bekommen, was hier bis vor Kurzem hing.

Einer hat davon Fotos gemacht und dem Bayerischen Rundfunk zur Verfügung gestellt. "Das ganze Deutschland soll es sein", steht auf einem Sticker, auf dem Grenzen zu sehen sind, die Elsass-Lothringen, Österreich, Pommern und Ostpreußen bis an die Memel einschließen. "Terrorstaat Israel" von der Neonazi-Partei "III. Weg" klebte hier und "Kampf der Gesinnungsjustiz" von "Die Rechte". Unter einem schwarz-weiß-rotem "Deutschland, Deutschland über alles" fiel ein "Bunt statt Burka" der Jungen Alternative kaum auf.

In diesem Stockwerk ist auch der "Chargenraum", so etwas wie das Büro der selbst gewählten Führung der Burschen, des "Chargenkabinetts": Das sind Sprecher, Schriftwart, Fechtwart und der Mann für die Ausbildung und auch Demütigung der Neulinge, "Fuchsenmajor" oder "Fuchsenerzieher" genannt. Das Anerkennen von Autorität wird hier sehr rau vermittelt, genauso wie Unterordnung und Zurückstellen der eigenen Individualität.

Himmler-Befehl über dem Bett

Aus diesem Raum mit Blick zur Straße haben die Ermittler bei der Durchsuchung am 14. September Rechner und Festplatte mitgenommen, außerdem verließen sie das Haus mit USB-Sticks, die in einem Versteck gefunden wurden, sowie Handys der Bewohner. Die Auswertung läuft, "Zufallsfunde", die vielleicht Hinweise auf andere Straftaten nahelegen, dürfen verwendet werden.

Die Urinale sind in dem großen Bad auf dieser Etage wichtiger als eine luxuriöse Wanne, die nur selten mal genutzt wird. Dafür fehlt ein "Pabst", wie die eigens zum Übergeben gedachten Becken nach der Herstellerfirma heißen. In fast jedem Burschenschaftshaus gibt es sie, in der ehemaligen Arztvilla war das nicht vorgesehen.

Zu den weiteren Zimmern der Bewohner gehen wir die Marmorwendeltreppe hoch ins zweite Obergeschoss. Hier gibt es ein großzügiges Zimmer von der gesamten Länge des Hauses mit einem Balkon und einem Ausblick, der sich sehen lassen kann. Zwei weitere Zimmer befinden sich hier, sie sind etwas kleiner. Sie können möbliert übernommen werden, die Bewohner können aber auch ihre eigenen Möbel aufstellen. Daniel Halemba hat nach Darstellung der Staatsanwaltschaft zudem seine eigene Dekoration mitgebracht: Über seinem Bett hing ein Befehl von Reichsführer SS Heinrich Himmler mit Doppelsigrune, erklärt die Staatsanwaltschaft.

Für rund 200 Euro konnte man hier wohnen, spottbillig und nur zwei Kilometer von den wichtigsten Gebäuden der Uni weg. Damit würden auch neue Mitglieder gewonnen: "So günstig zu wohnen ist unschlagbar, und zuerst ist auch keine Rede davon, dass man der Burschenschaft beitreten soll", sagt ein Teutone. "Nach drei Wochen steht man dann vor der Wahl, ob man das will oder wieder ausziehen will." Nicht jeder in dem Haus sei aus rechtsextremer Gesinnung zum Bewohner geworden.

Videotranskript lesenSymbolbild zum Ein- und Ausklappen

Ein Hitlergruß zum Abschied – aufgezeichnet von einer Überwachungskamera am Haus der Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg.

Im Fokus der Öffentlichkeit steht die Burschenschaft vor allem seinetwegen: Daniel Halemba, frisch gewählter Abgeordneter der AfD im bayerischen Landtag.

Gegen ihn wird derzeit wegen Volksverhetzung und dem Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen ermittelt.

Halemba ist seit 2021 Mitglied der Teutonia in Würzburg. Im September hatte es dort eine Razzia gegeben, bei der Gegenstände mit Bezug zum Nationalsozialismus sichergestellt wurden.

Nun ist zudem dieses Video aufgetaucht. Es soll einen Verbindungsstudenten zeigen, der das Haus der Burschenschaft mit seiner Begleiterin in Richtung Straße verlässt. Deutlich ist zu sehen, wie der Mann zwei Mal den rechten Arm zum verbotenen Hitlergruß hebt. Das Video soll schon einige Jahre alt sein, Daniel Halemba war zu diesem Zeitpunkt noch kein Mitglied der Burschenschaft.

Dennoch verstärkt es den Eindruck, dass rechtsextremes Gedankengut und eine Verherrlichung der NS-Zeit bei der Teutonia in Würzburg gang und gäbe waren und offensichtlich immer noch sind.

An dem Haus der Burschenschaft mitten in Würzburg klebten an den Türen Sticker mit rechten Parolen, außen hängt eine Deutschland-Fahne. Hinter einem Tor und Nato-Stacheldraht hat sich die Teutonia ein Reich geschaffen, fernab von neugierigen Blicken. Was im Inneren vor sich geht, lesen Sie im Text des Kollegen Lars Wienand bei t-online.

In einer Grube im Keller wurde in jedem Fall gefochten, die Burschenschaft Teutonia ist eine schlagende Verbindung.

Der Haftbefehl gegen Daniel Halemba wurde Tage nach seiner Festsetzung aufgehoben, ermittelt wird weiter. Halemba selbst bestreitet die Vorwürfe, die NS-Devotionalien seien ihm nicht anzurechnen.

Personen mit Einblick in die Burschenschaftsszene gaben allerdings an, dass es bei der Teutonia durchaus häufiger zu Szenen wie dieser gekommen sein soll.

Aber wer keine hat, der halte es nicht lange aus.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • br.de: Fall Halemba: Neonazi-Aufkleber bei "Teutonia Prag"
  • justiz.bayern.de: Ermittlungsverfahren gegen 22-jährigen Landtagsabgeordneten: Ermittlungsrichter setzt Untersuchungshaftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug
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