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18.000 Menschen haben kein Dach über den Kopf

Obdachlosigkeit in Deutschland  

18.000 Menschen haben kein Dach über den Kopf

12.01.2009, 08:15 Uhr | Von Matthias Armborst, AP

18.000 Menschen werden Weihnachten auf der Straße verbringen müssen (Foto: dpa)18.000 Menschen werden Weihnachten auf der Straße verbringen müssen (Foto: dpa) Sie sind der äußerste Rand der Gesellschaft: 18.000 Menschen, die selbst an Weihnachten ohne jede Unterkunft auf der Straße leben. Zuletzt war die Zahl zwar leicht gesunken, doch schärfere Hartz-IV-Regeln und steigende Mietpreise könnten die Wohnungslosenzahl schnell wieder hochtreiben, warnen Experten. "Da baut sich gerade eine Welle auf", sagt Rolf Keichel, Vorstandsmitglied des Fachverbands Evangelische Obdachlosenhilfe.

Über das Vorurteil, Obdachlose lebten ja freiwillig auf der Straße, kann er nur den Kopf schütteln. "Anfangs sehen manche auf der Straße die Lösung ihrer Probleme. Aber nach kurzer Zeit wollen alle zurück. Wir können uns ja gar nicht vorstellen, was es heißt, bei Minustemperaturen draußen zu leben." Eine Nacht in klirrender Kälte bedeute immer Lebensgefahr.

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"Mindestens zehn bis 15 Tote pro Jahr"

Erst vor wenigen Tagen erfror ein Obdachloser in Wismar, im November ein Mann in Soest, im September ein Dresdner in seinem Nachtlager im Park. "Winter für Winter trifft es mindestens zehn bis 15 Menschen. Und das sind nur die Fälle, die es bis in die Zeitungen schaffen", sagt Werena Rosenke, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Eine Gartenlaube, ein Abbruchhaus oder eine leerstehende Fabrik entpuppe sich häufig als tödlicher Unterschlupf.

Hilfe in Großstädten

Zumindest in vielen Großstädten gibt es Hilfe: In Hamburg mit seinen etwa 1000 Obdachlosen beispielsweise verteilt der "Mitternachtsbus" jeden Abend Brot, heiße Getränke, Decken und Isomatten. Helfer warnen die Menschen, wenn es richtig kalt wird, und bringen sie auf Wunsch in Notunterkünfte. "Allgemein kann man sagen: Je größer die Stadt, desto besser die Situation", sagt Rosenke.

Angst vor Misshandlung und Raub

Trotzdem suchten sich viele Obdachlose lieber eine U-Bahn-Station oder einen Platz an einem wärmenden Lüftungsschacht, als in eine Notunterkunft zu gehen: "Sie halten es in der Enge und in dem Schmutz nicht aus, haben Angst vor Misshandlungen oder davor, ihr letztes Hab und Gut zu verlieren."

Es gibt keine offizielle Statistik

Die eingemummten Gestalten in den Innenstädten sind vielerorts allgegenwärtig, doch eine viel größere Gruppe wird leicht übersehen: Diejenigen, die zwar ein Dach über dem Kopf, aber keine eigene Bleibe haben und nächteweise bei Bekannten schlafen, in Frauenhäusern Schutz suchen oder in Aussiedlerheimen leben. Die AG Wohnungslosenhilfe schätzt ihre Zahl auf 235.000 Menschen - so viele, wie Krefeld oder Halle Einwohner haben. Eine offizielle Statistik gibt es nicht.

Kommunen stärken die Prävention

Die gute Nachricht: Seit dem Jahr 2000, als eine große Zahl von Zuwanderern aus Osteuropa zu Buche schlug, hat sich die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland mehr als halbiert. "Kommunen und freie Träger haben die Prävention verbessert, es sind mehr Streetworker unterwegs", lobt Rosenke.

Billig-Wohnraum wird knapp

Doch die schlechte Nachricht lautet: Derzeit sind nach Ansicht der Experten wieder deutlich mehr Menschen akut von Wohnungslosigkeit bedroht. Knapper werdender Billig-Wohnraum in Ballungszentren wie München, Rhein-Main und Köln-Düsseldorf macht es Armen schwerer. "Und die Hartz-Gesetze tun ihr Übriges", sagt Diakonie-Sprecher Keichel.

"Bis zu 235.000 Menschen akut bedroht"

Laut der AG Wohnungslosenhilfe sind derzeit 60.000 bis 120.000 Haushalte mit bis zu 235.000 Menschen vom Verlust der Wohnung bedroht, darunter besonders viele junge Arbeitslose, rund 40 Prozent von ihnen weiblich. Einer der Gründe für den großen Anteil von Jungen: "Hartz-IV-Empfänger unter 25 bekommen keine eigene Wohnung bezahlt, solange das Amt den Auszug von Zuhause nicht ausdrücklich erlaubt", erklärt Rosenke. Junge Frauen kämen hier schnell in eine gefährliche Lage: "Wir kennen viele Fälle, in denen von ihnen sexuelle Gegenleistungen für einen Schlafplatz verlangt wurden."

Hohe Mietschulden können der Anfang sein

"Die gesunkenen Fallzahlen täuschen leicht darüber hinweg, dass die Hartz-Gesetze die Lage verschärft haben", sagte auch Rolf Keichel von der Diakonie. Viele Hartz-IV-Empfänger sähen sich etwa gezwungen, einen Teil ihres Mietgeldes für Essen, Kleidung oder zu hohe Stromrechnungen auszugeben. So entstünden Mietschulden, die zum Verlust der Wohnung führen könnten.

"Es staut sich einiges auf"

Auf die Wohnungslosenzahl werde sich dies erst mittelfristig auswirken, weil bis zu einer Zwangsräumung anderthalb Jahre vergehen könnten. "Wir haben aber Hinweise darauf, dass sich hier gerade einiges aufstaut". Die AG Wohnungslosenhilfe beklagt zudem, dass eine Mietschuldenübernahme von der Kommune de facto fast nur noch in Form eines Darlehen zu bekommen sei.

Sozialen Wohnungsbau nicht aufgeben

"Hier werden wirtschaftlich prekäre Haushalte immer noch weiter mit Schulden belastet", klagt Werena Rosenke. Sie appelliert an die Kommunen, lieber in billigen Wohnraum zu investieren, statt ein Abrutschen von Miet-Schuldnern in die Obdachlosigkeit zu riskieren.


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