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Ex-Jugoslawen in Deutschland: "Die meisten fallen als Ausländer gar nicht mehr auf"

Ex-Jugoslawen in Deutschland  

"Die meisten fallen als Ausländer gar nicht mehr auf"

12.08.2009, 14:59 Uhr | dpa

Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien: In Deutschland leben sie sich meist schneller ein, als viele andere Einwanderer (Foto: dpa)Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien: In Deutschland leben sie sich meist schneller ein, als viele andere Einwanderer (Foto: dpa) Über 900.000 Menschen mit einem Pass aus einem der Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien leben in Deutschland. Vermutlich noch einmal so viele sind bereits eingebürgert. Das Auffällige daran: Die Flüchtlinge und Nachfahren der Gastarbeiter fallen in der deutschen Gesellschaft kaum auf. Der Berliner Balkan-Experte Rüdiger Rossig - Autor des Buches "Ex-Yugos - junge MigrantInnen aus Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten in Deutschland" - kennt die Geschichte der hiesigen Südslawen wie nur wenige. t-online.de sprach mit Rossig über ein faszinierendes Millieu mitten in Deutschland.

 

Herr Rossig, in Deutschland leben vermutlich an die zwei Millionen Menschen mit ex-jugoslawischem Familienhintergrund. Wie geht es denen bei uns?

Da gibt es von reichen und berühmten bis sehr armen ganz unterschiedliche Lebensverhältnisse. Insofern kann man das nur schwer beantworten. Man könnte generell sagen, dass die Ex-Jugoslawen zu einem großen Teil in Deutschland sehr gut integriert sind. Diejenigen, die nicht integriert sind, sind vor allem noch verbliebene Flüchtlinge aus dem Kosovo und Bosnien, die hier nach wie vor mit Duldungsstatus leben. Aber das ist eine kleine Gruppe. Die meisten anderen fallen dagegen als Ausländer gar nicht mehr auf.

Wenn von Ausländerintegration die Rede ist, denken wir meist an Menschen, deren Vorfahren aus der Türkei kamen. Warum hören wir so gut wie nichts über diese Hunderttausende von Ex-Jugoslawen?

Sie sind einerseits mit dem Krieg als Gemeinschaft zerfallen. Das heißt es gibt jetzt nur noch Kroaten, Slowenen, Bosnier und so weiter. Der andere Grund ist, dass diese Gastarbeitergruppe sich tatsächlich so gut integriert hat, dass sie zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Weise aufgefallen ist.

Das heißt sie sind deutlich besser integriert als andere Gruppen, von denen wir mehr hören?

Wenn man dabei herausrechnet, dass man auf Türken – beispielsweise aufgrund ihrer muslimischen Religion – ja auch immer mehr achtet, dann ja. Die Ex-Jugoslawen sind zu keinem Zeitpunkt politisch aufgefallen. Ich glaube auch nicht, dass es während ausländerfeindlicher Kampagnen in Deutschland jemals jemanden gab, der beispielsweise alle Kroaten rausschmeißen wollte. Man muss davon ausgehen, dass sie sehr gut integriert sind und zum großen Teil auch jugoslawische Pässe haben. Aber das ex-jugoslawische kulturelle Spektrum ist wesentlich größer, als die Zahl dieser Ex-Jugoslawen in Deutschland. Die meisten haben ab der zweiten Generation deutsche Pässe.

Gibt es unter den Kroaten, Serben, Sloweniern, Montenegrinern, Mazedoniern, Albanern und Menschen aus Bosnien-Herzegowina eine Gruppe, von der man sagen würde: Die sind besonders gut integriert?

Das glaube ich nicht. Da sind sich alle sehr ähnlich und das erklärt sich einerseits aus derselben Migrationsgeschichte. Und wenn man neben den Gastarbeitern ganz speziell die Flüchtlinge betrachtet, sieht man: die hatten ja alle denselben Grund, nicht mehr in ihrer Heimat sein zu wollen.

Wie kommen die einzelnen Gruppen untereinander aus? Gibt es da viele Feindseligkeiten oder überwiegen die Gemeinsamkeiten?

Sie sind eher aufgespaltet und wenn man offiziell mit den Menschen redet, hat man oft das Gefühl, dass sie gar nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Wenn man in die Familien hineinschaut, stellt es sich etwas anders dar: Da stellt man dann fest, dass die Leute, die angeblich nichts miteinander zu tun haben wollen, in der Kneipe oder bei einem Konzert plötzlich wieder alle zusammen sind.

Sie haben ja vor allem die ex-jugoslawische Rockszene in Berlin untersucht. Wie ist die drauf?

Innerhalb der Rockszene gilt, dass sie dezidiert antinationalistisch ist. Das, was hier an Rock- und Popmusik läuft, ist das „jugoslawischste“ Spektrum, das es gibt. Ich glaube, dass Leute, die auf Rockmusik stehen, tendenziell mit nationalistischen Abspaltungen nicht viel anfangen können. Das ist ja eine Musik, die aus den USA und England kommt, also eine „fremde Musik“ ist und eine gewisse Offenheit gegenüber dem Fremden voraussetzt.

Was macht die besondere Kultur dieser Ex-Jugoslawen in Deutschland aus?

Es gibt natürlich ein paar einfache Punkte, wie Sliwowitz und Cevapcici, bestimmte Feiertage wie zum Beispiel den internationalen Tag der Frau am 8. März. Da ist es in allen jugoslawischen Kreisen, sogar den religiösen, durchaus üblich, als Mann doch mal den Abwasch zu übernehmen oder Blumen zu schenken. Viele feiern dann sowohl den Muttertag, als auch den Tag der Frau.

In Ihrem Buch „Ex-Yugos“ schreiben Sie: „Die post-jugoslawische Kultur ist kein Menschen mordender Zombie.“ Während der Unabhängigkeitskriege der vergangenen 15 Jahre haben wir schreckliche Grausamkeiten gesehen. Wie passen die in dieses Bild?

Einerseits sind bei uns ja sehr viele Menschen, die genau davor weggelaufen sind. Die exjugoslawischen Flüchtlingsgemeinschaften stellen ja einen großen Teil dieser Community dar. Die haben einen mindestens ebenso großen Schrecken bekommen, wie Europa und der Rest der Welt. Bei heutigen Balkanabenden schreit auch niemand auf, wenn ein Musiker aus einer anderen Ethnie auftritt. Im Gegenteil: Die Menschen gehen da hin, weil dort das gesamte Spektrum aufgezeigt wird - meist noch mit Griechen, Bulgaren und Albanern.

Welche Rolle spielt die Religion beim Thema Integration?

Beim Auseinanerbrechen der jugoslawischen Gemeinschaft haben sie meist eine eher negative Rolle gespielt. Da wurden die Gastarbeiterverbände der Jugoslawen, die bis 1991 bestanden, auseinander genommen entlang der Linie orthodox, katholisch, muslimisch – also serbisch, kroatisch, bosnisch. Nun sind die Jugoslawen aber keine religiöse Bevölkerung. Selbst bei den Kroaten, die ganz häufig in die Kirche gehen, ist es oft so, dass sie eher eine Art Volkskatholizismus pflegen, als dass sie religiös wären. Religion spielt im früheren Jugoslawien immer dann eine Rolle, wenn es um die Bestimmung der Volkszugehörigkeit geht. Wenn man aber mit den Leuten was trinken geht, interessieren sie sich vor allem für Fußball, und alles andere, was die Menschen hier auch interessiert.

Gilt das genauso für die Muslime?

Auf jeden Fall. Die Mehrheit geht nicht in die Moschee. Das ist genau wie bei den türkischen Muslimen: Nur fünf bis zehn Prozent gehen in irgendwelche Gottesdienste. Ich würde sogar sagen, bei Veranstaltungen, wie dem Ramadan, nehmen bei den Jugoslawen eher noch weniger teil.

Gibt es eine Schicht von typischen sozialen Gewinnern?

Es gibt eine Menge Integrationsgewinnern: Die Massen von Ex-Jugoslawen, die gar nicht mehr auffallen. Alle die Leute die kein „´c“ mehr hinten auf dem Namen tragen oder ihre Namen sogar umschreiben, aber trotzdem noch ans Meer fahren und ihre Verwandten besuchen gehen. Leute, bei denen man es kaum noch merkt, wenn man nicht gerade nach dem Nachnamen fragt und auch die werden schon eingedeutscht - wie das früher bei Polen aus dem Ruhrpott üblich war.

Es gibt eine spezielle Schicht von Aufsteigern?

Ich würde sagen, es gibt sehr viele Aufsteiger. Die Menschen, die in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen sind, hatten selten eine Schulbildung über acht Jahre. Deren Kinder hatten zum großen Teil schon Mittlere Reife und deren Kinder wiederum zum großen Teil bereits Abitur. Ich denke die gesamte Integrationsgeschichte der Gastarbeiter ist sehr erfolgreich. Und bei den Flüchtlingen andererseits kamen die Leute schon mit relativ hoher Bildung hier an.

Das heißt, die Ex-Jugoslawen werden auch weiterhin nicht auffallen und das ist auch gut so?

Letztendlich ist es gut für sie. Das ganze Gebiet fällt ja, wenn nicht gerade Krieg ist, auch nicht weiter auf. Es gibt schöne Badestrände und ein relativ unordentliches Hinterland. Ansonsten geben sie keine Geschichte her. Es sind keine Terroristen dabei, niemand trägt per Zwang Kopftuch, niemand hungert sich zu Tode und prompt interessiert sich kein Mensch dafür.  

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

 

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