Sie sind hier: Home > Politik > Deutschland > Gesellschaft >

Christian Wulff soll dem Chefredakteur der "Bild" gedroht haben

Wulff soll "Bild" mit Anzeige gedroht haben

02.01.2012, 19:35 Uhr | dpa, dapd, AFP

Christian Wulff soll dem Chefredakteur der "Bild" gedroht haben. Soll dem Chefredakteur der "Bild" gedroht haben: Bundespräsident Christian Wulff (Quelle: Reuters)

Soll dem Chefredakteur der "Bild" gedroht haben: Bundespräsident Christian Wulff (Quelle: Reuters)

Nach übereinstimmenden Berichten versuchte Bundespräsident Christian Wulff persönlich bei der "Bild"-Zeitung, die erste Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Dabei soll die Formulierung "Krieg führen" gefallen sein - angeblich schimpfte Wulff seine Nachricht auf einen Anrufbeantworter. Das Präsidialamt dementierte den Vorfall in einer Stellungnahme nicht. Unterdessen werden wieder Rücktrittsforderungen laut.

Zuerst hatte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über Wulffs Anruf berichtet. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) widmet sich dem Vorgang in ihrer Montag-Ausgabe noch ausführlicher: Demnach drohte Wulff am 12. Dezember dem "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann den "endgültigen Bruch" mit dem Springer-Verlag an. Dies war einen Tag bevor "Bild" den ersten Bericht zur umstrittenen Hauskauf-Finanzierung durch das befreundete Unternehmer-Ehepaar Geerkens veröffentlichte.

Vor der Berichterstattung sei Wulff gebeten worden, sich zu dem fragwürdigen Hauskredit zu äußern, berichtet "Bild" in eigener Sache. Zunächst habe der Präsident eine Stellungnahme abgegeben, sie kurz darauf aber zurückgezogen.

Wut-Anruf auf Diekmanns Anrufbeantworter

Daraufhin rief der Bundespräsident Diekmann aus Kuwait an, erreichte den Chefredakteur aber nicht, weil dieser in New York war. Wulff habe sich auf Dieckmanns Mailbox darüber beschwert, dass "Bild" eine "unglaubliche" Geschichte über ihn plane. Er soll mit einem Strafantrag gegen die recherchierenden Journalisten gedroht haben. Zudem sollen die Formulierungen "Krieg führen" und "Rubikon" gefallen sein. Der römische Feldherr und Politiker Gaius Julius Cäsar überquerte im Jahr 49 vor Christus mit seinen Soldaten den Fluss Rubikon, was rechtlich einer Kriegserklärung an den römischen Senat gleichkam.

"Bild" ließ sich von der Veröffentlichung der Recherchen nicht abbringen, wonach der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff 500.000 Euro bei den Geerkens' geliehen hatte. Nach Informationen von "Spiegel Online" telefonierte Wulff auch mit Matthias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG. Doch der Konzernchef, in dessen Haus die "Bild" erscheint, habe ihm mitgeteilt, dass er sich nicht in die Belange der Redaktion einmische.

Auch ein Telefonat mit Springer-Mehrheitaktionärin Friede Springer brachte nicht den erwünschten Erfolg: Die Witwe des Verlagsgründers soll Wulff nach Informationen von "Cicero-Online" entgegnet haben, dass sie keinen Einfluss auf ihre Chefredakteure zu nehmen pflege.

Zweites Telefonat mit Diekmann

Der Süddeutschen Zeitung zufolge nahm Wulff später erneut Kontakt zu dem "Bild"-Chefredakteur auf und bedauerte seinen früheren Anruf. Aus dem Umfeld Wulffs verlautete laut "SZ", der Anruf des Präsidenten sei "nicht besonders geschickt" gewesen.

Weitere Nachrichten und Links

Wulff wusste von Recherchen

Wie die "Süddeutsche" weiter schreibt, wusste Wulff, dass Medien seit Monaten Hinweisen auf die Finanzierung des Einfamilienhauses in Burgwedel bei Hannover nachgingen. Immerhin habe es einen Rechtsstreit durch alle Instanzen zur Einsicht für Journalisten ins entsprechende Blatt des Grundbuchamts gegeben.

Als niedersächsischer CDU-Ministerpräsident sei Wulff einen positiveren Umgang der Springer-Medien mit ihm gewohnt gewesen, daher habe ihn die "Bild"-Veröffentlichung geschockt. Laut SZ kühlte das Verhältnis schon im Präsidentenwahlkampf ab, als die Springer-Presse Sympathien für den rot-grünen Gegenkandidaten Joachim Gauck zeigte.

Verbindung zur Porsche-Rettung?

Wulff kam wegen der Finanzierung seines Eigenheims auch über die Feiertage nicht aus den Schlagzeilen heraus. Neben den Unklarheiten über die Abläufe der Kreditvergabe tauchten zuletzt Spekulationen über die Verbindung Wulffs zur BW-Bank auf, die den Geerkens-Kredit ablöste.

Wulff und die Bank wiesen einen "Spiegel"-Bericht zurück, wonach es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen dem Privatkredit und dem Einstieg von VW bei Porsche gegeben habe. Das Magazin schlussfolgerte, Wulff habe die guten Konditionen von der BW-Bank als "Dankeschön" dafür erhalten, dass er 2009 als niedersächsischer Ministerpräsident gemeinsam mit VW die Nobelmarke Porsche gerettet - und damit auch der Bank geholfen habe. Banksprecher Manfred Rube bezeichnete dies als "absoluten Blödsinn".

Wulff soll Schloss Bellevue räumen

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Erwin Lotter hält Bundespräsident Christian Wulff angesichts neuer Vorwürfe endgültig für untragbar. "Der Präsident muss Schloss Bellevue räumen und als Privatmann ohne lebenslange Staatsapanage in sein Einfamilienhaus zurückkehren", sagte Lotter. "Ich schäme mich, ihm meine Stimme gegeben zu haben." Mit seinem "kruden Verfassungsverständnis von Pressefreiheit" habe sich Wulff endgültig für das Amt diskreditiert.

"Das lässt Abgründe erahnen"

Der Grünen-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel, sieht viele offene Fragen: "Die Informationen über Wulffs Verbindung zur BW-Bank lassen Abgründe erahnen, die eine weitergehende Aufklärung erfordern", sagte er der Berliner "Tageszeitung" (taz). Eine Verbindung von Wulffs dienstlicher Hilfe für die Bank und seinem Kredit zu Sonderkonditionen könne auch rechtliche Konsequenzen haben. "Wenn hier private Gegenleistungen für politische Entscheidungen vorliegen, ist juristisch auch eine Vorteilsnahme nach dem Strafgesetzbuch zu prüfen."

Weiterhin im Blickfeld steht der Ablauf der Kreditumwandlung Wulffs mit der BW-Bank. Nach Angaben des Finanzinstituts wandelte Wulff seinen Kredit erst kurz vor Weihnachten vertraglich in ein langfristiges Darlehen zur marktüblichen Konditionen um. Zu diesem Zeitpunkt sorgten seine angeblich besonders günstigen Kreditkonditionen bei der Bank bereits für Wirbel.

Die BW-Bank gehört zur Landesbank Baden-Württemberg, die wiederum in Staatsbesitz ist. Nach "Spiegel"-Recherchen hatte die Bank Wulff einen Kredit gewährt, bei dem die Zinsen zunächst lediglich bei 0,9 bis 2,1 Prozent lagen. Damit wären die Zinsen um die Hälfte niedriger als bei der Immobilienfinanzierung anderer Kunden.

"Schadet der ganzen politischen Klasse"

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz kritisiert die Aufklärungsbemühungen von Bundespräsident Christian Wulff in der Affäre um die Finanzierung seines Hauses. "Dass Herr Wulff nicht sofort reinen Tisch gemacht hat, schadet der ganzen politischen Klasse", sagte Özoguz dem "Hamburger Abendblatt". "Ich wünsche mir noch weitere Aufklärung." Es sei misslich, dass alle Details nur stückchenweise aufgeklärt würden.

"Ich möchte, dass er als glaubwürdiger Bundespräsident im Amt bleiben kann", sagte Özoguz. "Ich finde es traurig, dass es durch Wulff wieder zu Pauschalurteilen über die Politiker gekommen ist."

Stellungnahme aus dem Präsidialamt

Wulff reagierte auf die Kritik, indem er den Wert der Pressefreiheit unterstrich. In einer Mitteilung des Präsidialamts heißt es: "Die Presse- und Rundfunkfreiheit ist für den Bundespräsidenten ein hohes Gut. Er hat deshalb zu den Krediten für sein Eigenheim und zu Urlaubsaufenthalten Transparenz hergestellt, Erklärungen abgegeben und mehrere Hundert Medienanfragen beantwortet. Über Vieraugengespräche und Telefonate gibt der Bundespräsident aber grundsätzlich keine Auskunft."

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal