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Christian Wulff Interview: "Gut geschlagen" oder "zum Fremdschämen"?

Wulffs TV-Interview: "Gut geschlagen" oder "zum Fremdschämen"?

05.01.2012, 11:24 Uhr | t-online.de, dapd, dpa

Christian Wulff Interview: "Gut geschlagen" oder "zum Fremdschämen"?. Gelungen oder gescheitert - wie kam Wulffs TV-Auftritt an? (Quelle: dpa)

Gelungen oder gescheitert - wie kam Wulffs TV-Auftritt an? (Quelle: dpa)

Lange war von Christian Wulff zur Kredit- und Medienaffäre wenig bis gar nichts zu hören. Im Interview mit ARD und ZDF versuchte der Bundespräsident nun, die Vorwürfe aus der Welt zu räumen: Der Anruf bei der "Bild" sei ein schwerer Fehler gewesen, ein Rücktritt sei aber kein Thema. Die Bewertung des Auftritts fällt unterschiedlich aus. Von einem "Präsidenten, der sich selbst begnadige", ist die Rede, von einem desaströsen Interview. Es gibt aber auch andere Meinungen. Wulff sei sehr glaubwürdig rübergekommen, sagte der Kommunikationsberater Hasso Mansfeld im Gespräch mit t-online.de.

Man habe gemerkt, dass Wulff sehr nervös war. Im Laufe des Gesprächs habe er sich aber gefangen, sagte Mansfeld, "was auch für seine Aufrichtigkeit spricht." Vom großen Befreiungsschlag möchte der Kommunikationsexperte nicht sprechen. Das Interview sei für den Bundespräsidenten aber ein ganz wichtiger Schritt gewesen - allerdings einer, der schon viel früher hätte kommen müssen.

"Das Maximale rausgeholt"

Die bisherige Kommunikationsstrategie des Bundespräsidenten bezeichnete Mansfeld als Katastrophe. Wulffs einzige Chance sei es jetzt gewesen, sich als Mensch darzustellen. Vor diesem Hintergrund sei der Auftritt gelungen. "Das war das Maximale, was ein Mensch aus so einer Situation herausholen kann"

Insbesondere bei allen Punkten in Zusammenhang mit der Kreditaffäre habe sich Wulff gut geschlagen, so Mansfeld. Der Bundespräsident wirkte mit der Zeit sicherer, wäre er von seinem Gesagten nicht überzeugt gewesen, hätte sich diese Nervosität fortgesetzt.

Mangelnder Glaube an sich selbst?

Ganz anders bewertet der Körpersprache-Experte Stefan Verra den Auftritt. Wulffs Körperhaltung und Mimik habe deutlich von Anspannung, Unwohlsein und mangelndem Glauben an sich selbst gezeugt, sagte der Dozent an der Berliner Steinbeis-Hochschule.

"Sein Kopf wackelte ganz stark nach links und rechts", so Verra. Zudem habe Wulff bei einem Lächeln nur den linken Mundwinkel hoch gezogen und deutlich öfter die linke Augenbraue nach oben gehoben als die rechte. "Wenn die Mimik einseitig ist, dann hat sich das Hirn noch nicht entschieden." Deutlich geworden sei das, als Wulff die Freude betonte, die ihm sein Amt mache. "Mir scheint es eher so, als ob er die Freude bemühen muss im Moment, und eigentlich ist es gar kein Spaß."

"Desaströs"

Der PR-Berater Klaus Kocks bezeichnete den Auftritt des Bundespräsidenten gar als "desaströs". "Wenn er sagt, er nimmt das Amt gerne wahr, hat er etwas grundsätzlich falsch verstanden", sagte Kocks. Entscheidend sei nicht, ob Wulff Lust habe, Bundespräsident zu sein, sondern ob er dazu in der Lage sei. Dies sei seiner Ansicht nach nicht der Fall, so Kocks: "Wulff ist seinem Amt weder geistig noch moralisch gewachsen."

Wulff habe sympathisch und nett gewirkt. "Aber er hat versucht, den Grundsatz der Pressefreiheit zu verletzen und damit die Verfassung. Das kann er nicht ungeschehen machen, indem er es jetzt auch noch zugibt", sagte Kocks in Anspielung auf Wulffs Anrufe bei der Leitung von "Bild"-Zeitung und Axel-Springer-Verlag.

Nach Ansicht des Publizisten und Wulff-Kenners Hugo Müller-Vogg, der den Präsidenten von der gemeinsamen Arbeit an dem Interview-Buch "Besser die Wahrheit" kennt, konnte Wulff mit dem Interview mehr Punkte machen als bei seiner vorherigen Erklärung. "Er hat eingestanden, Fehler gemacht zu haben. Allerdings hat er diese Demutsgeste durch juristische Spitzfindigkeiten zu den einzelnen Vorwürfen wieder relativiert", sagte Müller-Vogg.

Scharfe Kritik bei Kommentatoren

Bei den meisten Zeitungskommentatoren stößt das Interview derweil auf vernichtende Kritik. Die Begründungen zur Kreditaffäre sowie zur versuchten Einflussnahme auf Journalisten reichten nicht aus, heißt es in den Tageszeitungen. Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" in Essen bezeichnete Wulffs Verhalten als "zum Fremdschämen".

Von einem Präsidenten, der sich in seiner Schwäche an seinem Amt festhalte, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Weil ihm das Amt den Halt gebe, den er ansonsten nicht habe. Wulff sei der erste Bundespräsident, der sich selbst begnadige.

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