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Beschneidung: Gerichtsurteil ist für Rabbiner schwerster Angriff auf Juden seit dem Holocaust

"Sollte das Urteil Bestand haben, sehe ich für die Juden keine Zukunft"

12.07.2012, 14:57 Uhr | dpa, AFP

Beschneidung: Gerichtsurteil ist für Rabbiner schwerster Angriff auf Juden seit dem Holocaust. Pinchas Goldschmidt (r) hat das Kölner Beschneidungsurteil scharf verurteilt (Quelle: dpa)

Pinchas Goldschmidt (r) hat das Kölner Beschneidungsurteil scharf verurteilt (Quelle: dpa)

Die Konferenz Europäischer Rabbiner hat das Kölner Beschneidungsurteil scharf verurteilt. Der Spruch sei der womöglich schwerste Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland seit dem Holocaust. "Sollte das Urteil Bestand haben, sehe ich für die Juden in Deutschland keine Zukunft", sagte der Präsident des Verbandes, der Moskauer Rabbiner Pinchas Goldschmidt.

"Ein Verbot der Beschneidung stellt die Existenz der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland infrage", sagte Goldschmidt. Das Schächtverbot der Nationalsozialisten sei ein Zeichen für viele Juden gewesen, "wir müssen weg aus Deutschland". Ein Beschneidungsverbot wäre angesichts der Bedeutung dieses Brauchs ein viel stärkeres Zeichen.

Die Beschneidung sei Grundlage für jüdisches Selbstverständnis, betonte Goldschmidt, die rechtliche Überlieferung des Judentums schreibe sie acht Tage nach der Geburt eines Jungen vor. In dieser Frage gebe es absolute Einigkeit zwischen orthodoxen und liberalen Juden.

Goldschmidt zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass die Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen gesetzlich in der Bundesrepublik verankert werde. Er könne sich nicht vorstellen, "dass ein deutsches Gericht 70 Jahre nach dem Holocaust Eltern oder den Mohel (Beschneider) für die Erfüllung eines jüdisch-religiösen Gebotes ins Gefängnis werfen würde".

"Neue Sprache des Antisemitismus"

Das Urteil sei Teil einer Folge von Angriffen auf religiöse Minderheiten in Europa, sagte Goldschmidt nach einer Sitzung von rund 40 europäischen Rabbinern. Dazu gehörten die Einschränkungen für den Minarettbau in der Schweiz, das Burka-Verbot in Frankreich sowie das Schächtverbot in den Niederlanden.

Goldschmidt sagte, die Rabbiner würden nicht auf eine höchstrichterliche Klärung des Beschneidungsverbots warten. "Keiner von uns kann warten, bis Karlsruhe entscheidet", sagte der Rabbiner Avichai Apel von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland. Auch nach dem Kölner Urteil würden die von den Synagogen bestellten Beschneider die Entfernung der Vorhaut von Knaben fortsetzen. Unter Eltern herrsche aber große Verunsicherung.

Goldschmidt bezeichnete es als erschreckend, dass nach Umfragen eine Mehrheit der Bevölkerung das Kölner Urteil begrüße. Das Kölner Urteil weise daraufhin, dass Muslime und Juden in Europa nicht mehr "salonfähig" seien. Im 19. Jahrhundert sei der Antisemitismus noch religiös definiert worden. "Die neue Sprache des Antisemitismus ist die Sprache der Menschenrechte", sagte Goldschmidt und zitierte damit den Londoner Großrabbiner Jonathan Sachs.

"Maximum an Ausgrenzung"

Das Urteil ist derweil auch in der Ärzteschaft weiter umstritten. Der Hartmannbund Niedersachsen will Beschneidungen aus religiösen Gründen weiterhin zulassen, berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Die Ärztekammer Niedersachsen solle bis zu einer höchstrichterlichen Klärung klarstellen, dass "nicht berufsunwürdig oder dem Berufsrecht widersprechend" handele, wer aus religiösen Gründen Beschneidungen vornehme.

Einen entsprechenden Antrag richtete der niedersächsische Hartmannbund der "HAZ" zufolge an die Kammerversammlung. Hartmannbund-Landeschef Bernd Lücke sagte der Zeitung, eine bisher allgemein akzeptierte religiöse Handlung von Minderheiten "unter Strafe zu stellen, stellt das Maximum an Ausgrenzung dar, das denkbar ist". Deshalb müsse die Ärztekammer den Gesetzgeber auffordern, hier schnellstmöglich Klarheit zu schaffen.

Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery hatte zuletzt Medizinern empfohlen, religiös begründete Beschneidungen von Jungen gegenwärtig nicht mehr vorzunehmen. "Wir raten allen Ärztinnen und Ärzten, wegen der unklaren Rechtslage den Eingriff nicht vorzunehmen", sagte Montgomery.

Montgomery kritisierte aber auch, das Kölner Urteil sei für "Ärzte unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar gefährlich". Denn nun bestehe die große Gefahr, dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen werde.

Gericht: Bescheidung ist Körperverletzung

Das Kölner Landgericht hatte in seiner Entscheidung die Auffassung vertreten, die Beschneidung von Jungen aus rein religiösen Gründen sei als Körperverletzung strafbar. Sie sei auch nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt, da sie nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Dessen Körper werde durch die im Islam und im Judentum verbreitete Beschneidung "dauerhaft und irreparabel verändert". Das rechtskräftige Landgerichts-Urteil ist für andere Gerichte nicht bindend.

Die Rechtsauffassung des Kölner Gerichts stößt bei muslimischen und jüdischen Verbänden seit Wochen auf scharfe Kritik. Angesichts des Urteils sprachen sich Politiker verschiedener Parteien dafür aus, dass Beschneidungen aus religiösen Gründen auch weiter möglich bleiben müssen.

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