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Günther Jauch: Wie viel Blut klebt an "Billigkleidung aus Bangladesch"?

Wie viel Blut klebt an unserer Kleidung?

27.05.2013, 15:30 Uhr | von Julian Moering, t-online.de

Günther Jauch: Wie viel Blut klebt an "Billigkleidung aus Bangladesch"?. Günther Jauch und Bangladesch: "Sind wir schuld am Tod der Näherinnen?" (Quelle: dpa)

Günther Jauch auf der Suche nach dem Familienmodell der Gegenwart. (Quelle: dpa)

Der Tod von mehr als 1100 fast ausschließlich weiblichen Menschen beim Einsturz einer illegal erbauten Textilfabrik in Bangladesch vor gut vier Wochen hat die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in einem der ärmsten Länder der Welt wieder in den Fokus der westlichen Öffentlichkeit gerückt. Unter dem Motto "Billigkleidung aus Bangladesch - Sind wir schuld am Tod der Näherinnen" versuchte sich eine Expertenrunde beim ARD-Talk von Günther Jauch der Frage anzunähern: Wie viel Blut klebt an unserer Kleidung?

Die gute Nachricht vorneweg: Wir, also die Shopper, Bummler und Schnäppchenjäger hierzulande, können wohl gar nichts dafür, dass am anderen Ende der Welt Frauen sieben Tage die Woche und 14 Stunden am Tag für 35 Euro Monatslohn ausgebeutet werden, damit wir uns theoretisch für den selben Betrag von oben bis unten einkleiden können.

So jedenfalls der Konsens der Runde um Gastgeber Jauch. Und somit ging der Nutzen für die Zuschauer, die sich sinnvolle Alternativ-Vorschläge für das eigene Konsumverhalten erhofft hatten, gegen Null.

Produziert in Bangladesch, aber "Made in EU"

"Der Konsument kann gar nicht sehen, woher das Produkt kommt", beklagte Unternehmerin Sina Trinkwalder, die mit ihrer Textilfirma mit 120 Mitarbeiterinnen ausschließlich in Deutschland produziert, und schob den Grund für ihre Aussage umgehend nach: "Wenn ich Ware in Bangladesch produzieren lasse und es dann nach Kroatien zum Waschen gebe, steht da drauf 'Made in EU'."

Und auch Gisela Burkhardt, Vorsitzende der Frauenrechtsvereinigung Femnet e. V., strich den Endverbraucher von der Liste der potenziell Schuldigen. "Die Verbraucher würde ich da nicht in die Pflicht nehmen, sondern andere zur Verantwortung ziehen", so die 62-jährige Pädagogin.

Wer sind "die Anderen"?

Die Anderen, das sind die großen Textilunternehmen, die in Bangladesch produzieren lassen. Darunter auch in Deutschland beliebte Marken wie H&M oder Zara. Dass diese Konzerne die größte Verantwortung an der dortigen Ausbeutung von rund 3,5 Millionen Näherinnen tragen, blieb unwidersprochen und lässt sich auch kaum von der Hand weisen.

Da wollte und konnte selbst Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) - von Hause aus eher arbeitgeberfreundlich eingestellt - nicht dagegen halten.

Textilkonzerne entziehen sich Jauch-Diskussion

Bezeichnend für einen eher unspektakulären Abend, an dem man sich ganz untypisch für Talksendungen öfter einig als uneinig war. Was wohl auch daran lag, dass es der Redaktion nicht gelungen war, einen Vertreter der angesprochenen Textilkonzerne ins Gasometer nach Berlin zu locken. Man habe es versucht, so Jauch, doch alle Angefragten hätten ausnahmslos abgesagt. Und so konnte hemmungslos in die eine Richtung diskutiert werden: Wie können wir die ausbeutenden Unternehmen an die Kandare nehmen?

Niebel setzte dabei auf freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen. Tatsächlich haben knapp 40 gewichtige Konzerne aus der Textilbranche erst kürzlich auf freiwilliger Basis ein Abkommen unterzeichnet, in dem sie sich verpflichten, Brandschutz und Gebäudesicherheit in den Fabriken zu erhöhen. Dazu müsse, so Niebel weiter, die Regierung von Bangladesch in ihrem Vorhaben gestützt werden, die Probleme vor Ort etwa durch das Zulassen und Fördern von Gewerkschaften selbst in den Griff zu bekommen. Die Bundesregierung habe da auch schon "wichtige Dinge" angestoßen. Zahlen und Ergebnisse blieb Niebel jedoch schuldig.

"Nicht, weil der Bangladeschi so kreativ ist"

Ein Ansatz, der für Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar zu kurz greift. "Hierzulande lässt man doch nicht in Bangladesch produzieren, weil der Bangladeschi so unglaublich kreativ oder talentiert ist, sondern nur wegen der billigen Kosten. Und die Kosten sind nur so gering, weil das Sozialsystem oder das Bausystem dort nicht funktionieren", merkte der diplomierte Physiker in nüchtern-sachlicher Art an.

Doch würde Bangladesch die Bedingungen für die Näherinnen im eigenen Land eklatant verbessern, würden auch die Produktionskosten steigen. Dann, so befürchtete Yogeshwar, würde "die Karawane einfach weiterziehen".

Ausschlag unter Niebels Anzug

Begleitet von fleißigem Kopfnicken - Herrn Niebel ausgenommen - unterbreitete Yogeshwar dann im Gegenzug einen Vorschlag zur "globaleren" Lösung des Problems. "Der Konsument wird es am Ende alleine nicht schaffen. Die Politik in Europa muss dafür sorgen, dass bei uns nur noch solche Waren verkauft werden dürfen, die mit unseren moralischen Vorstellungen vereinbar sind."

Wer also auf dem europäischen Markt vertreten sein will, muss im Gegenzug unter fairen Bedingungen produzieren lassen. Ein Ansatz, der beim Liberalen Niebel für Ausschlag unter dem Anzug gesorgt haben dürfte. Dennoch der beste Vorschlag des Abends.

Jauch verpasst die große Chance

Jauch, der sich in seiner Rolle als Moderator angenehm zurückhielt, hatte seinen Auftritt beim Zwiegespräch mit der ehemaligen Näherin Nazma Akter aus Bangladesch. Frau Akter begann mit elf Jahren in einer Textilfabrik zu arbeiten und ist mittlerweile eine der führenden Persönlichkeiten der Protestbewegung im Kampf um bessere Bedingungen und mehr Rechte für die Frauen in den Fabriken. Eine Frau, die wirklich etwas zu erzählen hat.

Leider blieb das Gespräch auch dank der wenig einfallsreichen Fragen von Jauch an der Oberfläche. Unverständlich auch, dass Frau Akters Meinung und ihre Informationen aus erster Hand im weiteren Verlauf der Diskussion nicht mehr gefragt waren. Eine verpasste Chance.

Ernsthafte Alternativen oder Gewissensberuhigung?

Verpasst wurde es leider auch, der in diesem Zusammenhang auf der Hand liegenden Frage nachzugehen, ob etwa fair gehandelte Textilwaren nicht doch eine ernsthafte Konsum-Alternative und somit Einflussmöglichkeit für jeden Einzelnen darstellen, oder nur zur Gewissensberuhigung dienen.

Dann hätte der Zuschauer etwas mit in die Nacht nehmen können.

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