Sie sind hier: Home > Politik > Deutschland > Gesellschaft >

Migration: Einwanderer sind gebildeter als Deutsche

Studie zur Integration  

Einwanderer sind gebildeter als Deutsche

03.06.2014, 18:01 Uhr | are, t-online.de, dpa, AFP

Migration: Einwanderer sind gebildeter als Deutsche . Studie: Einwanderer sind gebildeter als Deutsche (Quelle: dpa)

Immer mehr Einwanderer und Migranten in Deutschland gehören zur Bildungselite und sind Akademiker. (Quelle: dpa)

Die Integration von Zuwanderern macht Fortschritte und ihr Bildungsniveau steigt. Mittlerweile ist der Akademikeranteil unter Einwanderern höher als unter Deutschen. Das geht aus der Studie "Zur Lage der Integration in Deutschland" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor. Dennoch weisen Migranten aus Südeuropa und der Türkei der Studie zufolge Integrationsdefizite auf. Und es bestätigt sich: Integration und Bildung hängen unmittelbar zusammen.

Die Folgen verpasster Integrationsangebote in den vergangenen 40 Jahren seien "weiterhin klar zu erkennen", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung. Die Bildungsdefizite der Gastarbeiter-Generation würden oft an die Nachfolge-Generationen weitervererbt. Für ihre Studie hatten die Berliner Forscher Zahlen aus dem Mikrozensus von 2010 ausgewertet.

In der Bildung müssten sich Lehrkräfte noch stärker auf eine vielfältige Schülerschaft einstellen. Auch müsse die Öffnung des Arbeitsmarktes für Menschen mit ausländischen Abschlüssen vorangetrieben werden, fordern die Wissenschaftler. Und Maßnahmen zur frühkindlichen Bildung müssten gestärkt werden.

Migrationselite aus EU-Staaten inklusive Bulgarien und Rumänien

Wegen der Wirtschaftskrise sind laut Studie in den vergangenen Jahren vor allem hochqualifizierte EU-Ausländer nach Deutschland gekommen, deren Bildungsniveau im Schnitt höher ist als das der einheimischen Bevölkerung. Der Anteil der Akademiker unter den neuen Einwanderern lag in den Jahren 2005 bis 2010 bei etwas 35 Prozent, bei den Einheimischen hingegen nur bei knapp 20 Prozent.

Unter den Südeuropäern (Spanier, Italiener, Griechen und Portugiesen) liegt der Anteil der Personen, die einen Hochschulabschluss haben und sich als IT-Fachkräfte oder Ingenieure bewerben oder zum Studieren und Promovieren nach Deutschland kommen, bei 68 Prozent. Auch aus den neuen EU-Ländern Bulgarien und Rumänien kämen größtenteils gut bis hochqualifizierte Migranten nach Deutschland, die sich gut auf dem Arbeitsmarkt integrierten.

Viele aus dieser Zuwandergruppe kommen bereits mit einem Jobangebot nach Deutschland und seien als EU-Bürger den Einheimischen weitestgehend rechtlich gleichgestellt, betonen die Wissenschaftler. Sie genießen die Vorzüge des deutschen Arbeitsmarktes wie Arbeitsfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit und nutzen den bestehenden Fachkräftemangel. Dieser Gruppe attestieren die Forscher eine "gelungene" Integration.

Der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, warnt bei der Vorstellung der Studie jedoch, nach dem Ende der Krise würden viele dieser Fachkräfte wieder in ihrer Heimatländer abwandern. Deshalb brauche man eine gezielte Integrationspolitik, um Deutschlands Ruf als attraktives Einwanderungsland zu festigen. Das neue Einwanderungsrecht sei liberal genug und biete dafür sehr gute Voraussetzungen.

Jeder Fünfte hat Migrationshintergrund

Die Forscher erinnern in ihrer Studie aber auch an die Probleme der Zuwanderung. In Deutschland lebten mehr als 15,3 Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Darunter fallen sowohl Migranten als auch seit 1955 zugewanderte und inzwischen eingebürgerte Deutsche. Letztere Gruppe macht die Hälfte der Zuwanderer in Deutschland aus (alle Zahlen sind aus dem Mai 2011). Damit hat mittlerweile jeder Fünfte in Deutschland Lebende einen Migrationshintergrund, in der Gruppe von Kindern unter fünf Jahren sogar schon jeder Dritte.

Der Großteil der Arbeitsmigranten hatte in den 1950er Jahren keinen Schulabschluss (20 Prozent) oder nur einen Hauptschulabschluss (25 Prozent). Die deutschen Unternehmen hätten damals gezielt versucht, ungelernte Arbeitskräfte anzulocken, die man mit niedrigen Löhnen abspeisen konnte.

Zwar habe sich das Bildungsniveau dieser Zuwanderer-Gruppe zuletzt deutlich verbessert. Dennoch konnten Kinder, Enkel und Urenkel der ersten Einwanderer-Generation trotz Verbesserungen in vielen Bereichen noch nicht zu den Einheimischen aufschließen, wie es in der Studie heißt.

Türken sind "am deutschesten" - weisen aber die meisten Integrationsdefizite auf

Die hohe Zahl an eingebürgerten Migranten sei keine Garantie für gelungene Integration, so Klingholz: "Die Türken sind die deutscheste aller Einwanderungsgruppen". Fast die Hälfte der Türken und Türkischstämmigen (das sind zusammen 2,9 Millionen Menschen) sei in Deutschland geboren und fühle sich hier sehr wohl.

Gleichzeitig sei dies aber die Bevölkerungsgruppe mit den größten Integrationsproblemen. Noch heute liege etwa das Bildungsniveau der türkischstämmigen Bevölkerung unter dem Durchschnitt. Gerade hier greife das Problem, dass Bildungsdefizite von Generation zu Generation weitergegeben werde. Knapp die Hälfte der Türken fühle sich daher weniger anerkannt in der Gesellschaft. Keine andere Migrantengruppe habe ein so negatives Bild von sich selbst.

Die Studie sagt aus, dass sich die sozio-ökonomische Lage der türkischstämmigen Menschen deutlich von der anderer Gruppen und der Deutschen unterscheidet: Die Bildungsabschlüsse und Einkommen sind geringer, die Erwerbslosenquote liegt bei 16 Prozent (bei Einheimischen sind es sechs, bei anderen Migranten durchschnittlich zwölf Prozent) und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 19 Prozent (bei Einheimischen sind es neun Prozent). Auch die Abhängigkeiten von öffentlichen Leistungen sind dadurch höher.

Auch die Gruppe der Migranten aus Italien, Spanien, Griechenland und Portugal, die schon lange in Deutschland leben, habe immer noch mit der verpassten Integration ihrer Eltern- und Großeltern-Generation, die als Gastarbeiter ins Land kamen, zu kämpfen. Dies gelte zumindest für die Zugewanderten der älteren Jahrgänge und ihre in Deutschland geborenen Nachkommen.

Auch Erwerbstätigenzahlen sind eindeutig

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Nach veröffentlichten Zahlen sind im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren zwei Drittel der Migranten und drei Viertel der Menschen ohne Migrationshintergrund erwerbstätig.

Hinsichtlich der Schulabschlüsse unterscheiden sich die Migranten den Statistikern zufolge deutlich von den Menschen ohne Migrationshintergrund: 15,5 Prozent der Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte haben keinen Schulabschluss, bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil 2,3 Prozent.

Es fehlt auch an stimmiger Integrationspolitik

Zwar hätten sich die Rahmenbedingen für Zuwanderung und Integration in Deutschland insgesamt deutlich verbessert, heißt es in der Untersuchung. Es fehle aber noch immer an einer stimmigen Politik, "welche die Vorteile der Zuwanderung in den Vordergrund stellt, ohne die Herausforderungen zu missachten".

So benötigten Migranten mit niedriger Qualifikation besondere Aufmerksamkeit, damit sie und vor allem ihre hier geborenen Kinder faire Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe erhielten. Klingholz empfiehlt zum Abschluss der Studie daher, die frühkindliche Bildung gerade in der türkischstämmigen Bevölkerung zu verbessern, um den Bildungsrückstand aufzuholen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
MagentaTV jetzt 1 Jahr inklusive erleben!*
hier Angebot sichern
Anzeige
Die neuesten Technik-Trends: Mieten ist das neue Kaufen
OTTO NOW entdecken
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal