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Jahresrückblick 2014 mit Jauch: Weltmeister – und sonst?

Jauchs Jahr 2014  

Wir sind Weltmeister – und sonst?

08.12.2014, 08:40 Uhr | Von Marc L. Merten, t-online.de

Jahresrückblick 2014 mit Jauch: Weltmeister – und sonst?. Günther Jauch: War 2014 noch was außer der WM? (Quelle: imago images)

Günther Jauch: War 2014 noch was außer der WM? (Quelle: imago images)

Endlich durfte sich Günther Jauch mal wieder seichter Unterhaltung widmen. Statt zu seinem sonntäglichen Polittalk in der ARD zu laden, moderierte der Showmaster auf RTL den Jahresrückblick "2014! Menschen, Bilder, Emotionen". Nach dreieinhalb Stunden stand fest: Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Der Rest ist egal.

Die Ukraine-Krise? Der Vormarsch des IS? Der mysteriöse Absturz des Malaysia Airlines Fluges MH370? All diese Themen befanden Jauch und seine Redaktion wohl als zu politisch – oder vielleicht als zu relevant für das Jahr 2014 –, als dass sie großer Erwähnung wert gewesen wären. Selbst die 25 Jahre Mauerfall verschwanden in den Bildern des Jahres und gingen in wenigen Sekunden unter nach dem Motto: "Was sonst noch geschah – und nur der Vollständigkeit halber erwähnt sei".

Aber klar, man muss verstehen: Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Und RTL hat die Rechte zur Ausstrahlung der Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft zur EM 2016 und WM 2018. Ergo: Fußball ist Trumpf. Egal, was sonst passiert ist.

Auch die Ice Bucket Challenge – aber ohne ALS

Dreieinhalb Stunden führte Jauch durch die Sendung, überzog eine Viertelstunde, erholte sich während der sechs Werbepausen zu je acht Minuten, und sprach ansonsten die Hälfte der Sendezeit mit den Weltmeistern. Sicher, Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger, Christoph Kramer und Joachim Löw haben zusammen mit dem Rest der Mannschaft eine große Leistung vollbracht und viele Millionen Menschen glücklich gemacht. Aber bitte, Herr Jauch, es sind auch noch andere Dinge in der Welt passiert.

Wie zum Beispiel, ach ja, richtig, die ALS Ice Bucket Challenge. Barbara Schöneberger und Jauch ließen sich, quasi als Höhepunkt der Trivialunterhaltung, eiskalt unter Wasser setzen. Bezeichnend, dass Jauch noch nicht einmal näher auf den Hintergrund der Challenge einging – dem Spendensammeln zur Forschung und Bekämpfung der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS.

Wo waren Stefan Hell und Lutz Seiler?

Bezeichnend, dass kein Wort fiel über die Lebenswerke der verstorbenen Karlheinz Böhm, Robin Williams, Joachim "Blacky" Fuchsberger oder Peter Scholl-Latour. Bezeichnend, dass es wichtiger war, mit dem irischen Youtube-Star Father Ray Kelly zu sprechen als mit dem deutschen Chemiker Stefan Hell, der 2014 den Nobelpreis verliehen bekommen hat.

Bezeichnend, dass eine 16-jährige hochbegabte Italienerin, die schon fünf Sprachen spricht, CSU-Mitglied (!) und Angela-Merkel-Fan ist, ein wichtigerer Gast im Studio war als der Autor Lutz Seiler, der mit seinem Buch "Kruso" den Deutschen Buchpreis 2014 gewonnen hat und viel hätte zum Thema DDR und, ja, Mauerfall hätte sagen können. Stattdessen konnte Jauch der jungen Maria Zanchetta die "Schlandkette" Merkels überreichen. Ein entscheidender Beitrag zum Rückblick auf das Jahr 2014 – schließlich war die Kette 2013 berühmt geworden.

Ebola: "Es ist noch lange, lange nicht vorbei"

Gott sei Dank lebt ein Jahresrückblick aber auch immer von den unbekannten Helden des Alltags. Wie Bianca Göhl, die einen 60 Meter tiefen Sturz in ihrem Auto von einer Klippe unverletzt überlebte und vom Unfallort nach Hause lief, schlafen ging und am nächsten Tag der Polizei nur wenige Minuten zur Verfügung stehen konnte: "Weil ich unser Geschäft ja nicht einfach zu machen kann."

Oder wie Dr. Sara Hommel, die als Kinderärztin nach Sierra Leone gegangen ist und trotz der Gefahr, sich mit Ebola zu infizieren, monatelang für und um die Kinder des Landes kämpfte. "Es ist noch lange, lange nicht vorbei", mahnte sie. Noch am Samstag, so erzählte sie, sei einer ihrer Kollegen vor Ort an Ebola gestorben. Ihre Geschichte öffnete zumindest einigen Zuschauern die Augen: "Es sterben dort noch viel mehr Menschen an ganz normalen Krankheiten, weil es zur Zeit wegen Ebola keine normalen Behandlungsmöglichkeiten gibt." In Sierra Leone erreicht jedes vierte Kind nicht das fünfte Lebensjahr. Da kann Deutschland noch so sehr Weltmeister sein, Herr Jauch! Ebola war und ist ein Thema. Gut, dass Dr. Hommel zu Gast war und darüber erzählte.

Conchita Wurst, Fack ju Göthe und ein Bootsunglück

Genauso wie Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, die nicht einfach nur den Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen gewonnen, sondern im Zuge ihres Erfolgs das Problem der Homophobie in Europa und der Welt in den Mittelpunkt vieler Diskussionen gestellt hatte. Sie erzählte von ihren Treffen mit anderen Künstlern, ihrem Gespräch mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon und erklärte, warum ihr auch die ausfallenden Kommentare russischer Politiker ("Das Ende Europas") nichts ausmachten: "Wenn ich für namhafte Politiker relevant bin, fühle ich mich fast geehrt."

Es war auch gut, dass prägende Gesichter des Jahres 2014 bei Jauch zu Gast waren wie Maria Höfl-Riesch, die sich bei Olympia 2014 zur erfolgreichsten deutschen Skiläuferin aller Zeiten gesiegt hatte, oder Elyas M’Barek, der mit "Fack ju Göhte" einen viel beachteten Filmhit gelandet hatte. Auch die Geschichte von Lisa Steinmetz, Hannah Scholz und Caroline Schoen rührte die Menschen. Die drei Deutschen hatten nach einem Bootsunglück im Indischen Ozean 40 Stunden im Wasser ausharren müssen, bis sie gerettet worden waren.

Auch am Sonntag wurde Deutschland wieder Weltmeister

Noch während der Sendung liefen über Twitter Kommentare ein, die z.B. lauteten: "Hätte Jogi Löw von den drei Frauen gewusst, er hätte sie gerettet." Auch die Zuschauer machten sich darüber lustig, dass Deutschland als Weltmeister alles überstrahlte. Leider kam die einzige Diskussion, die wirklich von Interesse hätte sein können mit den Fußballstars, zu kurz: Wie hat der WM-Titel das Land Deutschland verändert und wie wertvoll ist der Titel nicht nur für den Sport, sondern für die Gesellschaft?

Ein Jahresrückblick ist immer geprägt von der subjektiven Wahrnehmung der Menschen, die ihn zusammenstellen. Aber dass Jauch und RTL den Jahresrückblick zu einer "Deutschland ist Weltmeister – der Rest gehört in die Kategorie Sonstiges" verkommen ließ, lässt das Jahr 2014 erstaunlich banal erscheinen. Deswegen nimmt es mir bestimmt auch niemand übel, wenn ich darauf hinweise: Deutschland ist auch am Sonntag wieder Weltmeister geworden. Markus Deibler schwamm über 100 Meter Lagen zum Titel – in Weltrekordzeit. Aber Schwimmen ist eben nicht Fußball.

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