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"Talk mit Günther Jauch: Über ungerechte Löhne bei Mann und Frau

Jauch-Talk über ungerechte Löhne  

"Wir haben eine Arbeitswelt wie im Mittelalter"

23.03.2015, 14:47 Uhr | t-online.de

"Talk mit Günther Jauch: Über ungerechte Löhne bei Mann und Frau. Bundesministerin Manuela Schwesig glaubt: Die Arbeitswelt ist von Männern dominiert (Quelle: imago images)

Bundesministerin Manuela Schwesig glaubt: Die Arbeitswelt ist von Männern dominiert (Quelle: imago images)

Von Alexander Reichwein
 
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Von wegen! Frauen verdienen in vielen Berufen weniger als ihre männlichen Kollegen - und das auch bei vergleichbarer Qualifikation. Die Bundesfamilienministerin will nun mit einem "Entgeltgleichheitsgesetz" für Lohngerechtigkeit sorgen. Warum verdienen die Geschlechter noch immer unterschiedlich? Brauchen Frauen gesetzliche Rückendeckung? Was müssen Unternehmen und Politik tun? Darüber wurde bei "Günther Jauch" gestritten.

Statistiken lügen nicht: Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland liegt bei 22 Prozent. Rechnet man an, dass Männer oft in hochdotierten Führungspositionen stehen und Frauen Erziehungsauszeiten nehmen oder in Teilzeit arbeiten, bleibt eine Differenz von acht Prozent - das sind fünf Euro brutto die Stunde.

"Arbeitswelt wie im Mittelalter"

Aber weil Zahlen nur Zahlen sind, berichten gleich zu Beginn der Sendung zwei Frauen aus ihrem Berufsleben, das die Bundesarbeitsministerin Manuela Schwesig (SPD) so charakterisiert: "Wir haben eine Arbeitswelt wie im Mittelalter". Die eine, Bereichsleiterin bei einer Verpackungsfirma, verdiente 55.000 Euro brutto weniger als ein männlicher Kollege in der gleichen Führungsposition - und musste auch noch auf den obligatorischen Dienstwagen verzichten. Auf ihre Klage gab es kein Urteil. Die Arbeitgeberseite bot einen Vergleich an und die Betroffene wechselte zur Konkurrenz, wo sie nun gleichgestellt ist. Auch das ist Freie Marktwirtschaft.

Die andere, Schreinermeisterin im Öffentlichen Dienst und damit gehaltsmäßig in einer ganz anderen Liga, hat weniger Glück. Sie verdient monatlich 1200 Euro brutto weniger als ein Mann in einer identischen Position - und das trotz besserer Ausbildung. Ihr Arbeitgeber gewann den Streit vor Gericht. In der Urteilsbegründung heißt es: Der Kollege, mit dem sie sich verglichen habe, sei älter und habe früher anspruchsvollere Tätigkeiten ausgeübt. Der Mann habe ein höheres Gehalt verdient.

Traditionelles Geschlechterbild

Für Schwesig, die die Bühne geschickt nutzt und die Diskussion dominiert, ist klar: Frauen verdienen weniger, weil sie Frauen sind. Sie fordert daher gleichen Lohn für gleiche Arbeit - bei gleicher Qualifikation. Und die sei oft gegeben. Schließlich, so die studierte Finanzwirtin, machten mehr Frauen Abitur und studierten mehr Frauen in diesem Land als Männer.

Das Problem liege zum einen im traditionellen Geschlechterbild unserer Gesellschaft, das die Frauen immer noch auf Mütter und Hausfrauen reduziere. Hinzu käme die Erwartung, Frauen seien für die Pflege alter Angehöriger verantwortlich. Elisabeth Niejahr, politische Korrespondentin der "Zeit", geht noch weiter. Die mangelnde Wertschätzung für Frauen als bestenfalls "Zuverdienerinnen" in den "klassischen" Frauenberufen wie Pflegedienste habe in Deutschland System.

Zum anderen glaubt Schwesig, dass die Arbeitswelt immer noch von Männern dominiert werde. Ihre Kritik gilt aber auch jenen Unternehmen, die Männern zwar Elternzeit und den Wechsel in Teilzeit ermöglichten - allerdings zum Preis der Aufgabe ihrer Führungsposition. Daher seien Unternehmer und Politik gefordert, Frauen besser zu stellen. Gelingen könne dies nach Schwesigs Vorstellung auch durch ein stärkeres Auftreten der Arbeitnehmerinnen und mehr Transparenz bei den Unternehmen.

So sollten Frauen in Bewerbungsgesprächen und Gehaltsverhandlungen selbstbewusster auftreten. Eine gute Verhandlungsposition, so Schwesig, bedinge aber das Wissen um die Gehaltsstruktur im Unternehmen. Um die faktischen Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau offenzulegen und die Gehaltslücken nach und nach zu schließen, soll ein Auskunftsrecht verankert werden. Dieses solle Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern dazu verpflichten, innerbetriebliche Strukturen inklusive der Lohnspannen zwischen Männern und Frauen in vergleichbaren Positionen transparent zu machen. Frauen sollen also bei der Unternehmensführung nachfragen dürfen, was Männer verdienen - um dann gleiche Gehaltsforderungen stellen zu können, die ihnen kaum verweigert werden dürften.

"Ethos einer Zunft" gefragt

Bei der Frage, was denn ein neues Gesetz bringen könnte, macht sich unter den anderen Gästen Skepsis breit. Die Lösung müsse anders aussehen. Thomas Sattelberger, bis 2012 Personalvorstand der Telekom und Vorkämpfer für die Frauenquote, sieht den Schwarzen Peter bei Arbeitgebern und Gewerkschaften im verarbeitenden Industriegewerbe. Diese hätten die Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt jahrzehntelang hingenommen und verfestigt. Der studierte Lehrer und Betriebswirt, der auch für Daimler Chrysler, die Lufthansa und Continental tätig war, appelliert an den "Ethos einer Zunft" (der Unternehmer im verarbeitenden Industriegewerbe), gerechte Löhne an Männer und Frauen gleichermaßen zu zahlen.

Nur einer in der Runde ist angriffslustig und mag provozieren: Marcus Wöhrl. Der Geschäftsführer einer Hotelkette mit Personalverantwortung für 700 Mitarbeiter sieht in Schwesigs "Polemik gegen Unternehmer" eine "realitätsferne Politik" sozialistischer Couleur, die das Leistungsprinzip infrage stelle und überdies die Frau, die gerade im Osten sehr selbstbewusst auftrete, unterschätze. Für Wöhrl gehört die in der Ex-DDR geborene Ministerin offenbar nicht dazu.

Für den Jungunternehmer, der die von Schwesig geforderte Transparenz in seinen Hotels gewährleiste, gilt: Wer viel leistet, wird ungeachtet seines Geschlechts auch angemessen bezahlt. Aber in einem Unternehmen gebe es nun einmal unterschiedliche Gehaltsstufen, die man den Betroffenen nur richtig begründen müsse. Und es sei in seiner Branche eben so, dass schwangere Frauen und Mütter nicht ins Ausland gehen und daher auch keine Karriere machen könnten. Punkt.

Hinkender Vergleich mit der Welt der Fußballer

Für Wöhrl ist der FC Bayern München das Maß der Dinge: Dort würden die Fußballstars, die alle unter immensem Erfolgsdruck stünden, ja auch nicht alle das Gleiche verdienen. Doch dieser absurde Vergleich hinkt - denn an der Säbener Straße spielen keine schwangeren Frauen, die auf ein Champions-League-Finale verzichten müssen, weil sie zu Hause ihre kranken Eltern pflegen. 

Jedenfalls, so glaubt es der Hotelmanager zu wissen, sei "Zeug wie die Frauenquote" nicht mehr als "Quatsch aus einer anderen Zeit". In seiner vernetzten Generation, für die Transparenz zum Business gehöre, tickten die Uhren längst anders. Die Globalisierung, so der ebenso vage wie unbegründete Blick des voraus, werde die Dinge schon richten. Und dann waren die handfesten Tagesthemen an der Reihe.

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