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Flüchtlingskrise: Bodrum steht "seit Aylan unter Schock"

Flüchtlingsbericht aus Bodrum  

"Seit Aylan steht die Stadt unter Schock"

12.10.2015, 19:34 Uhr | Özkan Canel Altintop

Flüchtlingskrise: Bodrum steht "seit Aylan unter Schock". Das Bild des toten syrischen Flüchtlingsjungen, der an den Strand von Bodrum in der Türkei angespült wurde,  berührte Menschen weltweit. (Quelle: AP/dpa)

Das Bild des toten syrischen Flüchtlingsjungen, der an den Strand von Bodrum in der Türkei angespült wurde, berührte Menschen weltweit. (Quelle: AP/dpa)

Ein Erfahrungsbericht meines Vaters Kadir Altintop. Er lebt seit 2010 in den Sommermonaten in der türkischen Küstenstadt Bodrum. Zuvor hatte er 35 Jahre als Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet. 2008 ging er in den Ruhestand.

Das Bild des toten syrischen Flüchtlingsjungen, Aylan Kurdi, Anfang September wurde zum Sinnbild der Flüchtlingskrise: Seine Leiche wurde an einen Strand nahe des türkischen Ferienorts Bodrum gespült. Gerade einmal 20 Minuten von meinem Ferienhaus entfernt. Verändert hat sich seitdem nicht viel. Noch immer warten viele Menschen im Freien auf eine günstige Chance, zu den nur vier Kilometer entfernten griechischen Inseln Kalymnos oder Kos überzusetzen. Die Verzweiflung steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

 (Quelle: Privat)

Bodrum ist eine Stadt an der türkischen Ägäisküste - gut drei Flugstunden von Deutschland entfernt. Die Stadt gilt als das Saint Tropez der Türkei. Für Superreiche und Promis ist Bodrum ein Laufsteg. Hollywoodstar Robert de Niro hat hier ein Restaurant. Mein Haus steht in Gümüslük, gegenüber der griechischen Insel Kalymnos. Hier ein Bild von der Terrasse aus.

 (Quelle: Privat)

Doch spätestens seit dem Tod des dreijährigen Aylan steht die Stadt unter Schock. Tausende Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan harren den ganzen Tag unter der prallen Sonne aus. Am Hafen gehen sie nicht nur auf die Suche nach Schleppern, sondern suchen auch etwas Essbares. Ein paar Minuten später werden die beiden die Mülltüten des Mannes an sich nehmen. Ich gab den beiden anschließend 50 Lira - rund 20 Euro.

 (Quelle: Privat)

Die Tüte in der Hand des Mannes ist alles, was die Familie noch hat. In der Tasche könnte etwas Goldschmuck sein. Das werden sie dann vermutlich den Schleppern geben. Sie sind schon seit drei Wochen in Bodrum. Die letzten 50 Kilometer in die Stadt mussten sie laufen. Rechts neben den Syrern sitzt ein Tourist.

 (Quelle: Privat)

Sie haben kein Dach über dem Kopf. Die Familien schlafen unter freiem Himmel. Anfangs betteln sie um Essen in den umliegenden Häusern und Cafés. Später sind sie sogar dafür zu schwach. Viele Einheimische helfen, wo es nur geht. Aber es reicht nicht. Diese Familie gehörte einst zur Mittelschicht in Syrien. Entsprechend ist auch die Scham dieser Menschen. Die Arbeitsstelle des Vaters wurde einfach weggebombt. Er hatte nur ein paar Stunden, um seine Flucht zu organisieren. Geld hat er keins mehr.

 (Quelle: Privat)

Sie sitzt auf dem harten Boden und bettelt. Sie will nur irgendwie überleben. Neben mir unterhalten sich zwei Touristen, vermutlich aus der Schweiz. Sie überlegen sich, ihr Geld, Essen oder doch lieber gar nichts zu geben. Dabei stehen sie direkt vor ihr. Provokativ gebe ich der Frau 30 Lira. Die beiden gehen wortlos weiter.

 (Quelle: Privat)

Es ist mitten am Tag. Viele der Hilfesuchende haben allerdings jegliches Zeitgefühl verloren. Diese Frau ist vermutlich schon älter. Sie hat graues Haar und einen Gehstock bei sich. Einige Stunden später kam ich an diesem Platz erneut vorbei - und sie schlief immer noch.

 (Quelle: Privat)

Die Kinder leiden wie immer am meisten. Seit Monaten besuchen die Kleinen keine Schule mehr. Die jüngeren können noch nicht erfassen, was geschieht. Dass in einer der reichsten Städte der Türkei sich solch eine humanitäre Katastrophe abspielt, kotzt mich an. Weil sie Angst vor Fremden haben, bleiben die Geschwister immer ganz dicht beinander.

 (Quelle: Privat)

Sie waren glücklich, erzählt mir der Mann. Sie trafen sich mit Freunden, Verwandten und Bekannten. Er hatte eine Arbeit in seinem Land. Die Kinder spielten jeden Tag im Garten. Bis der Krieg ausbrach. Alles ging sehr schnell. Es war wie in einem Traum. Innerhalb weniger Tage durchquerten sie die Grenze in die Türkei. Mit dem Bus seien sie nach Bodrum gekommen. Ihre Mutter fehle ihr am meisten, sagt die Frau. Der Mann will Geld haben. Er traut sich nicht mehr über das Meer. Jetzt wollen sie nach Istanbul.

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