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"Hart aber fair": Helfer von der Basis reden über Flüchtlingskrise

Bei Plasberg reden die Praktiker  

Flüchtlingskatastrophe? Politische Katastrophe!

10.11.2015, 15:05 Uhr | Von Marc L. Merten, t-online.de

"Hart aber fair": Helfer von der Basis reden über Flüchtlingskrise. "hart aber fair" am 9. November 2015: ohne Wagenknecht, ohne Altmaier, ohne Roth (Quelle: WDR/Dirk Borm)

"hart aber fair" am 9. November 2015: ohne Wagenknecht, ohne Altmaier, ohne Roth (Quelle: WDR/Dirk Borm)

TV-Moderator Frank Plasberg hat gestern Abend gezeigt, dass die ergiebigen Polit-Talk-Runden jene sind, zu denen keine Politiker eingeladen sind. Kein Altmaier, keine Wagenknecht, keine Roth. Und schon kam eine interessante Diskussion ins Rollen. Mit genau dem, was bislang so oft gefehlt hat: Beispielen aus der Realität, fernab der Büros in Berlin, in denen behauptet wird, man wisse, was auf den Straßen vor sich gehe.

Schon längst ist es mehr als nur ein dumpfes Gefühl im Bauch vieler Deutscher: Die Flüchtlingskrise ist nicht nur ein humanitäres, logistisches, kulturelles oder soziales, sondern vor allem auch ein politisches Problem. Die Parteigrößen - ob rot, schwarz, tiefschwarz, grün oder knallrot - verstricken sich in Ränkespiele und tragen ihre Machtspiele auf den Rücken der Flüchtlinge und der ihrer Bürger aus.

So treiben sie einen Keil in die Gesellschaft, teils aus rücksichtslosem Kalkül, teils aus Ignoranz und teils aus einer gefährlichen Mischung aus Arroganz und Unwissenheit. Dieser Gefahr nahm sich "hart aber fair" am Montagabend an und formulierte Forderungen an Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Vom Helfer bis zur Polizistin

Holger Michel, ein Unternehmer, hilft seit Wochen nach Feierabend ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim in der Hauptstadt. Lothar Venus kennt den Grenzübergang nach Österreich nicht nur aus dem Fernsehen, sondern weil er eben dort, in Wegscheid, zweiter Bürgermeister ist.

Heike Jüngling ist als Sozialdezernentin im Rhein-Städtchen Königswinter in Nordrhein-Westfalen für die Organisation von Notunterkünften zuständig. Sandro Poggendorf berichtet für den MDR aus eben jenen Bundesländern, die sich besonders flüchtlingsfeindlich verhalten: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Und Tania Kambouri ist Streifenpolizistin in Bochum, kennt den täglichen Umgang mit Flüchtlingen und den daraus resultierenden Problemen.

Der Beginn der Diskussion war dem Augenöffnen gewidmet. Michel erzählte von seiner Arbeit im Flüchtlingsheim, wo 850 Vertriebene untergebracht sind und neben sechs Festangestellten täglich zwischen 150 und 250 Freiwillige helfen. Dort, wo spät am Abend jemand noch loszieht, um Babynahrung zu kaufen, "weil die Option lautet: Entweder handle ich oder ich lasse die Kinder im Flur verhungern".

Bettbezüge von 1963

Und dort, wo keine Luxus-Unterkünfte entstanden sind - wie die Gegen-Propaganda glauben machen will - sondern Bettbezüge geliefert werden, originalverschweißt im Jahr 1963, aus Zeiten des Kalten Krieges, als in Europa noch echte Gefahren herrschten.

Auch Venus trug seinen Teil dazu bei. Er berichtete von der "Wiese", dem Auffangbecken für aus Österreich kommende Menschen, die "auf der Wiese von Bussen ausgekippt werden - das muss man so brutal sagen". Von Kindern, die in Kartons von ihren Eltern gehalten werden in einer Zeit, wo zwischenzeitlich schon der Bodenfrost eingesetzt hat und es schon jetzt noch viel dramatischer wäre, wäre der November nicht so ausgesprochen mild.

Es gab auch die ehrlich kritische Stimme Kambouris, die als Polizistin auf der Straße täglich mit den unterschiedlichen Wertevorstellungen konfrontiert wird. "Einige akzeptieren die Polizei nicht. Einige reden nicht mit einer Frau. Es ist schwierig, weil man nicht auf einer Ebene ist." Das Rollenverständnis als Problem, als Barriere, als zusätzliche Hürde, die zur allgemeinen Notsituation hinzukommt.

"Da müssen wir Geduld haben"

Das Selbstverständnis des Westens, das Mann und Frau gleichgestellt sind, das aber mitunter arrogant daher kommt, weil wir voraussetzen, dass es überall auf der Welt so zugehen müsse. "Da müssen wir Geduld und Verständnis haben", sagte Kambouri. Und das, obwohl sie auch mit Straftaten eben jener Flüchtlinge zutun habe. Straftaten, gegen die sie kaum etwas unternehmen kann.

Womit wir beim eigentlichen Problem - und beim eigentlichen Aufreger des Abends - angekommen wären: der Untätigkeit und Unfähigkeit deutscher Politik, einer Katastrophe Herr zu werden, die eigentlich keine ist, zumindest keine Flüchtlingskatastrophe. "Katastrophen kommen plötzlich. Diese Situation war absehbar", sagte Michel und leitete damit die Diskussion darüber ein, "ob die Politik nicht Situationen bewusst eskalieren lässt". Wenn Münchens Bürgermeister eingesteht, dass es noch viel Platz gebe, ranghohe CSU-Politiker aber behaupteten, es gäbe keinen Platz, dann, so Michel, "haben wir kein Platzproblem, sondern ein politisches Problem".

Warum die Flüchtlinge schuld sind

Journalist Poggendorf sah es ähnlich: "Nichts wird geregelt. Das ist ein Dilemma. Wir geben ein trauriges Bild ab." Und das, was getan werde, sei schlecht durchdacht, findet der MDR-Mann. Als Beispiel brachte er ein Maritim-Hotel in Halle an, das innerhalb eines Monats vom Staat übernommen und in ein Flüchtlingsheim verwandelt wurde - ohne vorher mit den Mitarbeitern und Pächtern von Geschäften im Hotel zu sprechen.

Menschen verloren ihre Jobs, ohne dass sie wussten, wie ihnen geschah. Für die Betroffenen, ihre Familien und Freunde war nur klar: Es geschah wegen Flüchtlingen. Zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas hat dieser Vorgang nicht beigetragen. "Was sich da abspielt, ist eine Katastrophe", so Poggendorf. Eine politische Katastrophe.

Weil diese Fehler auf höchster politischer Ebene bereits beginnen, wie Heike Jüngling sagte. Die Sozialdezernentin beklagte die Herangehensweise an die Themen. Noch immer kommen viele Menschen unregistriert ins Land, weil es keine einheitlichen Systeme und keine gemeinsamen Datenbanken gibt.

Ein Detail als politischer Spielball

Dennoch wird schon jetzt die Frage in den Vordergrund gestellt, ob die Flüchtlinge die Chance erhalten sollen ihre Familien nachzuholen. "Wir müssen uns erst um die großen Themen kümmern und nicht ein Detail zum politischen Spielball machen", forderte Jüngling. So würde auch ein Problem Kambouris gelöst werden, die oft nicht nachvollziehen kann, ob ein Flüchtling schon in Deutschland gemeldet ist oder nicht.

Als Ergebnis der Diskussion stellte die "hart-aber-fair“-Redaktion am Ende einen Forderungskatalog für Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen. Er lautet:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, die Praktiker bei "hart aber fair" fordern:

-       Flüchtlinge nach Plan erfassen!

-       Flüchtlinge gerecht verteilen!

-       Computer kaufen, Ämter vernetzen!

-       Flüchtlinge sinnvoll beschäftigen!

-       Auch mit kritischen Bürgern reden!

-       Erst mal große Themen klären!

-       Mit Integration sofort beginnen!

-       Mehr Zuversicht!

Der Aufruf zeigt denn aber auch die Hilflosigkeit solcher Runden: Am Ende einer Diskussion mit vielen Beispielen und Details bleiben worthülsenartige Forderungen, die eben nur dann zum Leben erweckt werden, wenn die Menschen, die sie umsetzen müssen, ganz nah an den Problemen dran sind. Aktuell sind viele Politiker in Deutschland aber Teil des Problems.

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