Sie sind hier: Home > Politik > Deutschland > Gesellschaft >

Polizisten in Flüchtlingskrise: "Wir sind deutlich überlastet"

Polizisten im Sog der Flüchtlingswelle  

"Wir sind immer noch in der Chaos-Phase"

12.02.2016, 09:22 Uhr | ckr, t-online.de

Polizisten in Flüchtlingskrise: "Wir sind deutlich überlastet". Bundespolizisten fühlen sich in der Flüchtlingskrise von der Politik im Stich gelassen. (Quelle: Reuters)

Bundespolizisten fühlen sich in der Flüchtlingskrise von der Politik im Stich gelassen. (Quelle: Reuters)

Hunderte Überstunden, wenig Verständnis, Anfeindungen - in den Reihen der Polizei gärt es. Doch die Hetze von AfD und Pegida ist für die meisten Beamten auch keine Option. t-online.de sprach mit einem bayerischen Polizisten. Der steht seit 20 Jahren an vorderster Front. Seinen Namen will er lieber nicht veröffentlicht sehen. 

Herr Kommissar, Sie kommen aus einer Polizisten-Familie. Wie ist da die Stimmung, wenn Sie am Esstisch über den Beruf sprechen?

Es wird viel diskutiert - vorwiegend über die Flüchtlingsproblematik. Die Stimmung schwankt zwischen Entsetzen über die momentanen Zustände in der Flüchtlingsfrage und Unverständnis gegenüber der Politik. Die persönlichen Erlebnisse, die Überforderungen der Kollegen draußen. Die Hilflosigkeit, das Gefühl des Alleingelassen-Seins.  

Was belastet Sie persönlich am meisten?

Wir verstehen nicht, was den Politikern einfällt, uns so allein zu lassen, nachdem sie uns diese Situation eingebrockt haben. Sie machen die Augen zu, schauen weg und wollen die Realität nicht wahr haben: Fünf bis sechs Mal die Woche müssen die Kollegen rund 16 Stunden am Stück schuften und wissen dabei genau, dass es nicht besser wird.

Bei vielen Beamten ist die Rede von "Hunderten Überstunden" wegen der Flüchtlingswelle. Kennen Sie das aus Ihrem näheren Umfeld?

Ja. Ich habe sehr gute Kontakte zu Bundespolizisten im Grenzeinsatz. Da fallen im Schnitt 3-400 Überstunden pro Person an. Es gibt aber auch Spitzen von bis zu 1000 Überstunden. Die können natürlich nie abgefeiert werden. Die Arbeit wird ja nicht weniger. Bei den Kollegen an den Grenzübergängen in Passau oder Rosenheim sind solche Mega-Schichten inzwischen normal.

Und wenn dann noch anderes anfällt?

Das haben wir im Moment: Die Situation verschärft sich, weil Kollegen abgezogen werden müssen, um beispielsweise Karnevalsumzüge wie in Köln zu beschützen, oder die Bundesliga-Saison oder Pegida-Demonstrationen zu betreuen. Es sind ja nicht mehr Polizisten da, sondern nur mehr Aufträge. Irgendwo muss ich meine Legionen dann abziehen.

Da fällt doch sicher einiges hinten runter?

Natürlich. Zum Beispiel die Motivation der Kollegen und die Qualität der Arbeit, bei dieser Überlastung. Nach den Silvester-Übergriffen von Köln heißt es plötzlich: Wir brauchen mehr Polizei. Dabei ist das alles seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten bekannt. Immer muss erst etwas passieren, dass solche berechtigten Forderungen auch angegangen werden. Was wirklich hinten runterfällt, ist das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, die sich fragt: „Wo ist denn die Polizei eigentlich?“

Haben Sie schon mal selbst mit einem Politiker darüber gesprochen?

Ich persönlich nicht. Ein Kollege von mir hat einem Politiker die Lage geschildert. Anschließend drehte sich der Mann – ein Bundespolitiker – um und sagte zu Pressevertretern: Die Bundespolizei ist zwar belastet, aber definitiv nicht überlastet. Die Kollegen sind fast in Ohnmacht gefallen. Das war genau das Gegenteil von dem was sie ihm gesagt hatten.

Wie war denn die Lage vor der Flüchtlingswelle?

Gut ausgelastet, belastet. Aber ich hätte gesagt: Es war ein normales Maß an Arbeit. Jetzt sind wir deutlich überlastet. Von Kollegen an der Grenze höre ich: Wir sind immer noch in der Chaos-Phase. Sie vermissen Ordnung und klare Konzepte. Es gibt dort wechselnde Beamte, die letztlich die Entscheidungen treffen, wer rein darf und wer nicht. Wie diese Entscheidungen im einzelnen gefällt werden, ist von der Tagesform abhängig. Das kann nicht sein.

Es wird behauptet, manche Innenministerien kassierten die Kriminalitätszahlen bezüglich der Flüchtlinge vor der Veröffentlichung ein. Haben Sie selbst so etwas erlebt?

So noch nicht. Was ich erlebt habe, ist, dass jetzt erstmals eine Statistik geführt werden soll, in der Straftaten die Asylsuchende betreffen, speziell gesammelt werden sollen. Die sind vermutlich nicht höher, als bei anderen Bevölkerungsgruppen, aber das muss ich ja beweisen können.

Der Braunschweiger Kripo-Chef, Ulf Küch, hat gerade sein Buch „Soko Asyl“ veröffentlicht. Darin hat er erforscht, ob die Flüchtlinge höhere Kriminalitätsraten haben, als deutsche Bürger. Sein Ergebnis: Die Kriminalitätsraten sind nicht höher.  

Mein subjektiver Eindruck: Natürlich sind heute bei den Strafsachen mehr Asylbewerber dabei. Das liegt aber einfach daran, dass mehr Asylbewerber da sind. Dass sie mehr Straftaten begehen, als der durchschnittliche Deutsche, das sie krimineller sind, kann ich jedenfalls nicht bestätigen.

Wie kommen bei Ihnen die Parolen von Pegida und AfD an?

Ich benutze jetzt einfach mal das Wort „Dumpfbacken“. Für diese rechten Plattitüden hat keiner von uns Verständnis. Jedenfalls kenne ich keine Kollegen, die Fahnen schwingend auf Pegida-Demonstrationen laufen würden. Da wird schon klar unterschieden, was wirklich los ist und mit welchen Propagandamethoden die dort Stimmung machen. Damit will keiner von uns was zu tun haben.

Gibt es keine rechten Seilschaften in der Polizei?

Absolut nicht. In meinem Bekanntenkreis – und der ist nicht gerade klein - jedenfalls nicht. Die haben in unserer Demokratie zwar ihren Platz. Aber zu suchen haben sie hier eigentlich nichts.

Haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten auch ausgesprochen positive Erfahrungen gemacht?

Schwer zu sagen. Positiv fand ich die Aktion des Passauer Landrats, der mit den Flüchtlingen zum Kanzleramt gefahren ist um klar zu machen, dass er einfach nicht mehr kann. Da hatte einer mal den Mumm aufzustehen und zu sagen: Das ist die Realität, macht die Augen auf. Das war schon eine Genugtuung. Was nach den Ausschreitungen von Köln positiv vermerkt wird, ist dass man jetzt einfach mal die Wahrheit in Bezug auf die Herkunft der Straftäter sagen darf. Früher war es wirklich so, dass das nicht gern gehört und auch nicht veröffentlicht wurde, um keine rechte Stimmung aufkommen zu lassen. Da gibt es einen richtig deutlichen Wandel.

Wozu hat es geführt, dass man das vorher nicht sagen durfte?

Unzufriedenheit bei der Polizei, dass man die Farbe blau nicht als blau bezeichnen darf. Man hatte das Gefühl, die Bevölkerung soll für dumm verkauft werden. Man steht ja hier immer schnell in der rechten Ecke.

Gibt es in Ihrer Arbeit eine Klientel mit der Sie besonders oft zu tun haben?

Was die Nationalitäten angeht, sind es bei meiner Arbeit immer noch überwiegend Deutsche. Ab und zu natürlich Ausländer, aber nicht überwiegend.

Was würden Sie Politikern sagen, wenn Sie könnten?

Konsequent handeln! Ich vergleiche das immer mit der Kindererziehung: Wenn ich nicht will, dass mein Kind dieses oder jenes Verhalten an den Tag legt, muss ich ihm frühzeitig die Konsequenzen klar machen. Und beim ersten oder spätestens  beim zweiten Mal, muss ich diese Konsequenzen auch durchziehen, sonst tanzt mir mein Kind irgendwann auf der Nase rum. Die meisten Politiker haben vielleicht Kinder. Ob sie sich um die kümmern, weiß ich nicht. Wir haben Gesetze. Die Kollegen würden das liebend gerne durchziehen, werden aber sehr oft zurückgepfiffen. Die Justiz genauso. Ich kann einen jugendlichen Intensivtäter nicht fünf oder sechs Mal einen Raub oder eine Köperverletzung begehen lassen und es folgt keine Strafe. Der denkt ja, er kann machen, was er will. Heute muss ich mich als Polizist für jeden Zugriff rechtfertigen – vor allem wenn es wie so oft per Handy gefilmt wird. Viele Kollegen sagen dann irgendwann: Dann lass ihn halt. 

Die Fragen stellte Christian Kreutzer 

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Weltbild.detchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deamazon.de

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: