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Kriminologe Pfeiffer: "Migration führt immer erst mal zu einer machobedingten Kriminalität"

Kriminologe Pfeiffer im Interview  

"Migration führt immer erst mal zu einer machobedingten Kriminalität"

13.05.2016, 09:45 Uhr | Evelyn Bongiorno-Schielke, t-online.de

Kriminologe Pfeiffer: "Migration führt immer erst mal zu einer machobedingten Kriminalität". Nach den Vorfällen in der Silvesternacht kontrolliert die Polizei im Januar 2016 vor dem Kölner Hauptbahnhof verdächtige Personen. (Quelle: dpa)

Nach den Vorfällen in der Silvesternacht kontrolliert die Polizei im Januar 2016 vor dem Kölner Hauptbahnhof verdächtige Personen. (Quelle: dpa)

Seit den Silvesterübergriffen in Köln wird wieder verstärkt über "kriminelle Ausländer" diskutiert. Auch Flüchtlinge werden schnell unter Generalverdacht gestellt, hier straffällig zu werden. t-online.de sprach dazu mit dem bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer.


Herr Professor Pfeiffer, wird es durch den starken Flüchtlingszustrom zu mehr Straftaten kommen?

Nach den Erfahrungen mit der Flüchtlingswelle aus dem Bürgerkrieg Ex-Jugoslawiens und dem starken Zustrom von Asylbewerbern und Aussiedlern Anfang der 90er Jahre rechnen wir mit einem  Anstieg des Ladendiebstahls und anderer leichter bis mittelschwerer Straftaten. Die Gewaltkriminalität wird voraussichtlich wie damals hinter dem zurückbleiben, was angesichts der großen Zahl der Zuwanderer rechnerisch zu erwarten wäre.

Was ist dann mit der Warnung, mit den Flüchtlingen importieren wir uns Kriminalität?

Wir importieren Menschen und keine Kriminalität. Aber es gibt ein Problem mit einer importierten Machokultur. Die Mehrzahl der Flüchtlinge kommt aus Chaosländern, in denen Männer dominieren. Diktaturen sind immer Machokulturen. Und: Migration führt immer erst mal zu einer machobedingten Kriminalität. Das ist das Schicksal jedes Einwanderungslandes. Das ist  überall so, auch in den USA und Kanada.

Das klingt nach einer starken Herausforderung für uns…

Ja, das wird eine große Aufgabe, die jungen Kerle von den gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen abzubringen. Geflohen zu sein, heißt ja nicht, auch die eigene Kultur verloren zu haben. Die Kultur legt man nicht ab wie ein Kleidungsstück. Das wird ein richtig spannendes soziales Experiment in den nächsten Jahren.

Aktuelle Polizeistatistiken zeigen, dass Syrer und Iraker nur selten kriminell werden.

Die Migranten, die aus Syrien und dem Irak zu uns kommen, sind zunächst höchst angepasst und ängstlich. Wir stellen fest, dass diese Flüchtlinge im ersten Jahr deutlich braver sind als die Deutschen. Man kann erwarten, dass sie höchst selten schwere Straftaten begehen werden, weil sie ihre guten Aufenthaltsperspektiven nicht gefährden wollen.

Im zweiten Jahr hängt es davon ab, wie schnell sie Arbeit finden und sich sozial integrieren können. Der Familiennachzug wird hier erst dann ein Stabilisierungsfaktor, wenn die Menschen auch wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie in die Armut abrutschen und schnell für den deutschen Sozialstaat zur Belastung werden.

Was ist mit den Wirtschaftsflüchtlingen, zu denen auch die Nordafrikaner zählen?

Bei Ihnen gibt es viel Enttäuschung und teilweise auch angestaute Wut, weil auch sie die Erwartung hatten, als Flüchtlinge bleiben zu dürfen. Doch dann erfuhren sie bald nach ihrer Ankunft, dass sie als Wirtschaftsflüchtlinge wieder gehen müssen. Vor allem die aus Afghanistan können das schwer nachvollziehen, weil doch auch bei ihnen wegen des andauernden Krieges mit den Taliban eine ähnliche Situation wie im Irak besteht. Wir sollten ihnen deshalb denselben Status einräumen wie den Flüchtlingen aus dem Irak oder aus Syrien.

Bei den jungen Männern aus Nordafrika, dem Kosovo oder Albanien, die letztes Jahr dank der offenen Grenzen zu uns gekommen sind, ist zu beachten, dass auch sie hohe Schlepperkosten und beträchtliche Gefahren auf sich genommen haben und nun sehen, dass sie hier keine Bleibeperspektiven haben.

Das führt zu einer erheblichen Frustration…

Ja, und wir müssen davon ausgehen, dass die große Mehrheit von ihnen lieber illegal in Deutschland bleiben wird, als die Heimreise als Verlierer anzutreten. Diese Perspektivlosigkeit erhöht das Risiko, in die Kriminalität abzudriften und den Lebensunterhalt durch Straftaten zu bestreiten. Wir sollten deshalb große Anstrengungen unternehmen, ihnen attraktive Angebote für eine freiwillige Rückkehr zu unterbreiten. Die Kosten hierfür wären niedriger als der drohende Kriminalitätsschaden.

Besteht das Risiko, dass sich diese Männer islamistisch radikalisieren?

Ja, das ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Diese massiv enttäuschten und hochfrustrierten Verlierer des Migrationsprozesses könnten sich im Extremfall muslimischen Hasspredigern oder salafistischen Gruppen anschließen.

Was macht die Integration der aktuellen Flüchtlingsströme so schwierig?

Anders als bei der Integration von türkischstämmigen Familien in der Vergangenheit geht es jetzt primär um junge Muslime, die hier in Gruppen mit anderen jungen Männern leben, in denen sich eine spezifische Dynamik entwickeln kann. Sie sind zunächst arbeitslos. Je länger ihr Aufenthalt dauert, umso mehr werden sie aber deutsche Ansprüche entwickeln, denen ganz überwiegend keine deutschen Chancen gegenüberstehen. Die sich daraus entwickelnde Frustration kann zu erheblichen Integrationsproblemen führen.

Kann die Integration trotzdem gelingen?

Ja, entscheidend ist das schnelle Erlernen der deutschen Sprache. Aber auch das Verstehen unserer Kultur und der Regeln unseres Zusammenlebens. Dazu gehört auch, dass man seine Kinder nicht schlägt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Ferner sollten sie auch unser Rechtssystem und das Gewaltmonopol der Polizei erklärt bekommen.

Viele Polizisten klagen über illegal hier lebende Migranten aus Algerien oder Marokko, die stehlen, einbrechen oder dealen und der Polizei auf der Nase herumtanzen.

Es gibt Bereiche, in denen die Polizei die Kontrolle verloren hat. In der Tat hat sie wie am Bahnhof von Köln oder Düsseldorf unmögliche Zustände zugelassen. Sie hatte nicht die personelle Kraft für laufende Kontrollen. Die Täter wussten, das Risiko erwischt zu werden, war gering. Aber zum Glück gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die Botschaft bei den verantwortlichen Behörden angekommen ist und man sich endlich engagiert darum bemüht, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Die Polizei stöhnt generell über die Menge solcher Delikte und fordert eine personelle Aufstockung. Ist das die Lösung?
Ja, die begrenzte Zahl von Beamten ist ein Problem. Teilweise haben Bund und Länder darauf reagiert und neue Planstellen geschaffen. NRW, Baden-Württemberg und die Bundespolizei sind hierfür gute Beispiele. Aber noch ist nicht genug geschehen.

Wenn die Polizei jetzt verstärkt gegen solche Trickbetrüger, Antänzer und sexuellen Belästiger vorgeht, könnte es dann sein, dass wegen der personellen Engpässe andere Delikte zunehmen etwa Tötungsdelikte oder Einbrüche?
Schwere Fälle wie Tötungsdelikte haben in den letzten 20 Jahren deutlich abgenommen. Aber es könnte durchaus sein, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche weiter zunimmt. Wenn das kalkulierte Risiko, erwischt zu werden, gering ist, dann steigt auch die Täterrate. Das wirkt wie eine Einladung für Diebe. Bundesweit liegt die Verurteilungsquote bei angezeigten Einbrüchen bei 2,6 Prozent. 97,4 Prozent der Täter können also mit der Beute abziehen.

Besteht die Gefahr, dass sich solche Übergriffe wie an Silvester wiederholen?
Nein, das war eine extreme Ausnahme. Diesen öffentlich dokumentierten Kontrollverlust des Staates leistet sich niemand mehr. Die Politik wird alles tun, um eine solche Blamage zu verhindern. Man wird mehr polizeiliche Kräfte investieren, wo Ähnliches zu erwarten ist. An Fasching hatte man alles im Griff.

Dieses Ausnahmeereignis sollte die deutsche Gesellschaft zudem nicht davon abbringen, den eingeschlagenen positiven Kurs der Gastfreundschaft und Integrationsbereitschaft fortzusetzen.

Das Interview führte Evelyn Bongiorno-Schielke.

Professor Dr. Christian Pfeiffer ist ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V.. Er war zudem Professor für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Universität Hannover sowie von 2000 bis 2003 niedersächsischer Justizminister.

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