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Studie: So ticken Nichtwähler in Deutschland

Studie belegt Frust über Politiker  

So ticken Nichtwähler in Deutschland

29.05.2016, 17:10 Uhr | Christian Teevs, Spiegel Online

Studie: So ticken Nichtwähler in Deutschland. Einzelner Mann in einer Wahlkabine in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt). (Quelle: dpa)

Einzelner Mann in einer Wahlkabine in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt). (Quelle: dpa)

Politiker? Lassen sich doch nur im Wahlkampf blicken! Der Frust bei Nichtwählern sitzt tief. Eine Studie zeigt, warum es schwer wird für die Parteien, die Verweigerer zurückzugewinnen.

Der Fraktionschef der SPD ist der Einzige, der beim Namen genannt wird. Das Zitat fällt jedoch wenig schmeichelhaft aus für Thomas Oppermann. Auf die Frage, wie er Politik wahrnehme, antwortet ein Bürger aus Göttingen, dem Wahlkreis des Sozialdemokraten: "Wenn Wahlkampf ist, dann sieht man irgendwo eventuell den Oppermann Würstchen verkaufen." Mehr ist der SPD-Spitzenpolitiker nicht für ihn. Nur einer, dem es alle vier Jahre um Stimmenfang geht. Wenn mal wieder Bundestagswahl ist.

Kaum ein Politikerbild taucht in der Studie des Instituts für Demokratieforschung so häufig auf wie das des Wahlkämpfers, der mit einem Stand, Luftballons und Bratwürsten auftaucht und anschließend wieder in der Versenkung verschwindet. Die Forscher haben für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung Wähler und Nichtwähler in drei Göttinger Problemvierteln befragt. Ihre Studie wird am Dienstag veröffentlicht, sie liegt "Spiegel Online" vor.

Politikerbild: abgehoben und unehrlich

Die Ergebnisse sind ein hartes Urteil für die deutsche Parteiendemokratie. Denn die Befragten haben überwiegend ein sehr negatives Bild von Politikern. Sie werden als unehrlich und nicht authentisch beschrieben. "Wie Versicherungsvertreter" seien die Abgeordneten - hauptsächlich daran interessiert, sich selbst zu verkaufen und ihren eigenen Nutzen zu mehren.

Im Alltag der Nichtwähler spielt Politik kaum eine Rolle, sie wird als abgehoben und entfremdet wahrgenommen. Auch die lokale Ebene ist keine Ausnahme: Die Nichtwähler glauben generell nicht daran, dass Politik ihr Leben positiv beeinflussen kann. "Hier ist man auf dem Abstellgleis", sagt einer der Befragten.

Nichtwähler stammen oft aus Problembezirken

Obwohl die Wahlbeteiligung bei den vergangenen Landtagswahlen gestiegen ist, stellten die Nichtwähler weiterhin die größte Gruppe im Vergleich zu den Parteien. Auch bei Bundestagswahlen, wo die Beteiligung traditionell am höchsten ist, brach die Wahlbeteiligung seit 1983 um 18,3 Prozentpunkte ein. Zum Vergleich: In Schweden sank die Zahl der Wähler im gleichen Zeitraum nur um 5,3 Prozentpunkte, in Dänemark blieb sie nahezu konstant.

Bekannt ist, dass die Nichtwähler überproportional aus sogenannten Problemvierteln kommen. Gegenden also, in denen Arbeitslosigkeit und Migrantenanteil hoch sind und die Einkommen niedrig. Doch warum ist das so? Was sind die Gründe für die Politikverdrossenheit in ehemaligen Hochburgen der Arbeiterbewegung? Und wie können die Parteien Nichtwähler zurückgewinnen?

Die Wissenschaftler haben versucht, die Fragen am Beispiel von drei Göttinger Problembezirken zu beantworten. In sechs Fokusgruppen befragten sie insgesamt 43 wahlberechtigte Bürger, auf dem Holtenser Berg, dem Leineberg und in Grone-Süd. Trotz der geringen Zahl der Befragten ist die Studie über Göttingen hinaus interessant, da die Viertel typisch sind für Bezirke mit geringer Wahlbeteiligung. Der Vorteil der qualitativen Methode ist zudem, dass die Wissenschaftler viel genauer nachfragen können als in einer repräsentativen Studie mit mehr als tausend Befragten.

Die drei untersuchten Viertel haben in der Studentenstadt Göttingen einen schlechten Ruf. "Da brennen doch die Mülltonnen", bekam eine Studienteilnehmerin aus Grone zu hören, als sie auf einer Party ihren Wohnort offenbarte. Die Befragten empfinden dieses Image überwiegend als ungerecht, es gibt aber auch Äußerungen wie diese: "Hier aufzuwachsen für die ganzen Kinder: Das ist eigentlich total Scheiße, um ehrlich zu sein."

"Gravierende Wissenslücken, großes Misstrauen"

Während sich das Bild vom eigenen Viertel bei Wählern und Nichtwählern deckt, gehen die Bewertungen von Parteien und Parlamenten weit auseinander. Die Forscher schreiben, dass die Wahlabstinenten sich auffallend zurückhielten, wenn das Thema Politik zur Sprache kam: "Sie offenbarten gravierende Wissenslücken und sprachen mit großem Misstrauen über 'die Politik'."

Auch die Probleme im Viertel würden unterschiedlich wahrgenommen, schreiben die Autoren der Studie. Während die Wähler selbstbewusst und differenziert auf die Einschränkungen reagierten, fühlten sich die Nichtwähler stärker persönlich bedroht. Sie beschrieben die Probleme "als wesentlich unmittelbarer, drängender, ja bisweilen unlösbar".

Ein Beispiel: Ein Wähler beschreibt, dass er bei Problemen dem Oberbürgermeister direkt einen Brief schreibe oder einen Stadtverordneten anspreche. Dagegen äußern die Wahlverweigerer nur pflichtschuldig Interesse an politischen Ereignissen, einer sagt: "Wahlen sind ja auch wichtig, aber ich muss von mir sagen, ich gehe da auch nicht hin."

Engagement gilt als verdächtig

Die Autoren machen deutlich, dass die Nichtwähler jedes Vertrauen verloren haben, Politik könnte für sie etwas zum Guten wenden. Damit seien nicht nur Urteile über amtierende Minister und Abgeordnete gemeint. Die Forscher haben die deutliche Tendenz festgestellt, dass Nichtwähler Politik per se als bevormundend und wenig hilfreich ansehen.

So fallen auch die Empfehlungen der Autoren wenig ermutigend für die Parteien aus. Politisches Engagement gelte unter den Nichtwählern als verdächtig, mehr noch: als kompromittierend. Parteien müssten daher eine möglichst vorsichtige, unpolitische Ansprache an die Verweigerer richten. Ein Beispiel seien sogenannte Kümmererstrategien, bei denen über langfristig angelegte Projekte mit konkreter Hilfe vor Ort Vertrauen in die Politik aufgebaut werde. Wichtig sei, Wahlverweigerern das Gefühl zu geben, politisches Engagement sei nicht grundsätzlich sinnlos.

Die Forscher geben zu, dass dies eine schwierige Aufgabe sei: Die gefühlte Entfernung politischer Entscheidungen vom eigenen Leben, "das Nicht-Gehört-Werden", sei ihnen in den Gesprächen "eindrucksvoll entgegen geklungen".

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