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Nach Würzburg-Attentat: "Das ist genau die Zielgruppe des IS"

Nach Würzburg: Problemgruppe Flüchtlinge ohne Eltern  

"Das ist genau die Zielgruppe des IS"

20.07.2016, 17:49 Uhr | Maria M. Held, t-online.de

Nach Würzburg-Attentat: "Das ist genau die Zielgruppe des IS". Minderjährige Flüchtlinge brauchen besonderen Schutz.  (Quelle: dpa / Symbolbild)

Minderjährige Flüchtlinge brauchen besonderen Schutz. (Quelle: dpa / Symbolbild)

Das Attentat von Würzburg hat Deutschland schockiert. Ein 17-Jähriger Flüchtling attackierte mit Messer und Axt fünf Menschen im Regionalzug und auf seiner Flucht. Er wurde von Polizisten erschossen. Experten rätseln, wie viel Radikalisierungspotenzial bei jungen Flüchtlingen vorhanden ist.

"Wir können es nicht verhindern", das ist das Fazit der Psychologin Lotte Knoller nach dem Zug-Attentat. Sie koordiniert in Berlin die Wohngruppen für Kinder und Jugendliche im Kinderschutz-Zentrum, also auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, wie der Täter von Würzburg einer war.

Das ist die Situation: Junge Flüchtlinge kommen mit großen Erwartungen nach Deutschland, sie stehen häufig unter dem Druck, den Nachzug der Familie vorzubereiten. Dazu gehört auch, Geld zu verdienen. Ist dies nicht möglich, lösen sich die Hoffnungen auf, der Sinn fehlt. Frust macht sich breit. Das ist der Nährboden für den IS, für Zuhälter, für Drogenhändler.

"Verführungsqualität" und "Radikalisierungspotenzial"

"Verführungsqualität" nennt Knoller das. In den Flüchtlingsunterkünften schlummert ein Radikalisierungspotenzial. "Wir dürfen uns nichts vormachen, natürlich ist der IS dort aktiv." Die Jugendlichen können und sollen sich frei außerhalb der Gruppe bewegen, sollen Kontakte knüpfen um sich zu integrieren. Kontrolliert werden diese Kontakte nicht.

Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak spitzt dies zu: "Wenn man perfide ist - und der IS ist perfide, dann müsste man genau an diesen Orten suchen." Die Jugendlichen ohne Eltern - auf der Suche nach Sinn und Halt im Leben - seien genau die Zielgruppe des IS, ist der Dortmunder Professor überzeugt. Dabei müsse man trotzdem den Widerspruch bedenken, dass viele Flüchtlinge sich und ihre Familien genau vor dem IS-Terror beschützen wollten.

Rasante Radikalisierung macht skeptisch

Toprak, der mit jungen Migranten arbeitet und forscht, wundert sich auch über das rasante Tempo der Fanatisierung des Attentäters von Würzburg. "Normalerweise zeichnen sich Veränderungen ab. Über Monate gibt es Anzeichen, wie häufiges Beten oder Ablehnung bestimmter Lebensweisen, in einer intensiven Beziehung erkennen die Betreuer das." Der Afghane könnte nach Topraks Ansicht ein Trittbrettfahrer sein, dessen Tat der IS für sich vereinnahmt.

Die Psychologin spricht ein weiteres Problem dieser Gruppe an: "Nicht jeder ist topinformiert, was ihn erwartet." Das bezieht sich auf die Job-Chancen, auf die Bleibeperspektive, auf den Nachzug der Familie oder auf den zu erwartenden Wohlstand. Dies treffe vor allem auf Afghanen zu, seltener auf Syrer. "Positive Integration hängt davon ab, wie viel Energie die jungen Leute haben, sich auf diese neue Welt einzustellen."

Besonderer Schutz für Jugendliche ist Mammutaufgabe

Toprak betont den besonderen Schutz, unter dem die minderjährigen Flüchtlinge stünden, gerade weil sie in einer sensiblen Lebensphase leicht beeinflussbar seien. Die Jugendhilfeeinrichtungen betreuen Minderjährige in Wohngruppen mit zehn bis 15 Personen mit verbindlichen Hausregeln. Dagegen lebten in Sammelunterkünften meist 200 bis zu 1000 Personen auf engstem Raum ohne strukturiertem Alltag.

In Wohngruppen könnten Sozialpädagogen die Mediennutzung kontrollieren und beispielsweise Pornoseiten oder Seiten extremistischer Gruppen sperren.

Die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ist eine Mammutaufgabe für die Jugendämter. Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden an den deutschen Grenzen mehr als 3652 unbegleitete Kinder und Jugendliche von der Bundespolizei registriert.

Die Minderjährigen erhalten einen Vormund, werden in Jugendhilfeeinrichtungen, betreuten Wohngruppen oder bei Pflegefamilien untergebracht. Auch der 17-jährige Attentäter von Würzburg lebte die letzten beiden Wochen in einer Pflegefamilie.

Die Unterbringung in einer Familie ist eigentlich ein Glücksfall und verspricht eine gute Integration. "Selbst wenn sie in einer Familie leben, sind sie erstmal alleine", weiß Knoller. Sie sprechen die Sprache nicht, erleiden einen Kulturschock und sind häufig traumatisiert. Für die Familien sei es kompliziert zu unterscheiden, wann ein Jugendlicher normal religiös sei und wann fanatisch. Außerdem solle deren eigene Kultur respektiert werden.

Auch Politiker melden sich besorgt zu Wort, wie der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki: "Wenn Jugendliche keine sinnvolle Aufgabe haben, wird ihre Bereitschaft sinken, sich selbst in unsere Gesellschaft konstruktiv einbringen zu können." Er fügt hinzu: "Wir müssen also alles dafür tun, dass die IS-Botschaften nicht auf fruchtbaren Boden fallen können."

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