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Amoklauf und Terror: Anschläge begünstigen weitere Anschläge

Experte zu Amokläufen und Terror  

Anschläge begünstigen weitere Anschläge

25.07.2016, 16:54 Uhr | bv, t-online.de

Amoklauf und Terror: Anschläge begünstigen weitere Anschläge. Polizeieinsatz in München nach dem Amoklauf beim Olympia-Einkaufszentrum: Taten ziehen Nachahmer an. (Quelle: imago images)

Polizeieinsatz in München nach dem Amoklauf beim Olympia-Einkaufszentrum: Taten ziehen Nachahmer an. (Quelle: imago images)

Es ist ein unruhiger Juli in diesem Jahr. Blieben zur Fußball-Europameisterschaft die befürchteten Anschläge aus, häufen sich nun Verbrechen gegen Unbeteiligte: Nizza, Würzburg, München und Ansbach sind die Beispiele. Experten überrascht das allerdings nicht.

Täter lassen sich von anderen Anschlägen motivieren und inspirieren. Es gibt eine Stimmung, die Anschläge begünstigt. Das bestätigt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg. Auch bei Verbrechen gibt es Nachahmungstaten, sagt er im Gespräch mit t-online.de.

"Menschen lernen sehr gut von Modellen, von Taten anderer." Wer sich in Lebensumständen befindet, die er als wenig zufriedenstellend wahrnimmt, wer Ungerechtigkeit empfindet oder sich ausgeschlossen fühlt, der sieht, wie manch andere mit diesen Umständen umgehen - oft in destruktiver Weise.

Zusammenhang mit gewalttätigen Computerspielen

Die Ideologie von pseudo-religiösen Terrorgruppen wie dem IS kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie gewalttätige Computerspiele, sagt Wagner. Der Zusammenhang von Killerspielen und Verbrechen sei in der Psychologie sehr gut abgesichert: Häufiges Spielen erhöht die Gewaltbereitschaft. David S. aus München spielte begeistert "Counter-Strike".

Die Täter lernen dabei, was sie tun müssen - und die Empathie mit Opfern wird reduziert, auch wenn man zunächst nur virtuelle Figuren tötet. "Die ganze Welt wird als aggressiv empfunden, und man hat das Gefühl, sich wehren zu müssen", erläutert Wagner.

Natürlich werden nicht alle Ego-Shooter-Spieler zu Amokläufern, aber der Zusammenhang zwischen dem sich Ausgeschlossenfühlen und der Computerwelt erhöht das Risiko für Gewalttaten, erklärt der Sozialpsychologe.

Nicht alle Taten lange geplant

Dabei liegt zwischen dem Plan für eine Gewalttat und der tatsächlichen Ausführung oft nur ein kleiner Schritt. Vor allem, wenn - wie etwa im Beispiel des Axtangriffs in Würzburg - keine große Vorbereitung notwendig ist. "Vielleicht hat der Täter einen Tag vorher noch gar nicht ernsthaft darüber nachgedacht - und dann kommt es zu einer situativen Konstellation, und er sagt: Jetzt mach' ich's", so Wagner.

Der Wissenschaftler wünscht sich in diesem Zusammenhang mehr primäre Prävention, wie er es nennt. Gefühle von Benachteiligung müssten beseitigt werden. Pseudo-religiöse Begründungen für Anschläge müssten stärker in Frage gestellt werden. Das könnte die Gruppe potenzieller Täter reduzieren, glaubt der Marburger Professor.

Denn die Möglichkeit, Täter noch kurz vor der Tat zu stoppen, gibt es praktisch nicht. Man kann nicht sehen, was jemand vielleicht plant. "Die Gemengelage von gefühlter Benachteiligung und empfundener Ungerechtigkeit trifft auf Tausende zu. Die kann man nicht alle wegsperren", sagt Wagner.

Wenn sich die Angst verselbständigt

Amokläufe und Terroranschläge erregen immer viel Aufmerksamkeit. Es werden auch Menschen beeinflusst, die eigentlich gar nicht betroffen sind. Würzburg, Ansbach und selbst München waren Vorfälle, die lokal eng begrenzt waren. Dennoch fühlen sich nun Menschen im ganzen Land ängstlich und verunsichert.

Darin liegt eine gewisse Gefahr, denn Ängste können sich verselbständigen und hochschaukeln. "Die Angst schießt über die aktuelle Bedrohungslage hinaus", sagt Wagner. Dabei sei die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, extrem gering, wahrscheinlich sogar geringer als die Gefahr, von einem Blitz getroffen zu werden - aber auf jeden Fall geringer als Gefahren im Straßenverkehr.

"Die objektive Bedrohungslage kennen wir alle nicht", erklärt Wagner. Informationen bekommen wir als Nicht-Betroffene nur aus den Medien, die eine besondere Verantwortung haben. Natürlich sollen sie berichten, sagt der Psychologe. Aber er kritisiert, dass oft bedrohlich wirkende Bilder in einer Endlosschleife laufen, die keine Information enthalten. Das könne zu kollektiver Verängstigung und Panik führen.

Sich mit der Angst konfrontieren

Die Menschen sind der Angst aber nicht schutzlos ausgeliefert. Schon das Nachdenken darüber bringt weiter, sagt Wagner: "Im Kopf kann man die objektive Gefährdungslage einschätzen. Selbst wenn man weiß, dass man irrational reagiert, hilft das."

Manche Menschen sind von Natur aus ängstlicher als andere. "Ängstlichkeit ist ein Persönlichkeitsmerkmal in der Psychologie", erklärt Wagner. Sein Rat: Sich nicht zurückziehen, sondern sich der Angst stellen. Wer Angst hat, abends auf die Straße zu gehen, weil er Schlimmes befürchtet, sollte sich zwingen, genau das zu tun. "Dann geht die Angst langsam zurück."

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