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Sumte trauert Flüchtlingen nach

Aufnahmeeinrichtung steht leer  

Sumte trauert den Flüchtlingen nach

05.08.2016, 12:08 Uhr | dpa

Sumte trauert Flüchtlingen nach. Das Ortsschild von Sumte. In dem Dorf leben gerade einmal 102 Menschen. (Quelle: dpa)

Das Ortsschild von Sumte. In dem Dorf leben gerade einmal 102 Menschen. (Quelle: dpa)

700 Flüchtlinge auf 102 Einwohner - konnte das gut gehen? Es konnte, wie die Geschichte des niedersächsischen Dorfs Sumte zeigt. Nun steht die Aufnahmeeinrichtung, über die einst sogar internationale Journalisten berichteten, leer. Vielen Dorfbewohnern passt das überhaupt nicht. 

In Sumte sieht alles wieder aus wie vorher. Einige Fachwerkhäuser, die alte Bushaltestelle an der Hauptstraße, die Pferdekoppel am Ortseingang. Schilder am Zaun warnten auch auf Arabisch davor, Tiere zu füttern oder zu berühren, doch sie sind längst abgenommen. Die Notunterkunft auf der anderen Straßenseite ist fast leer. Zeitweise waren in dem 100-Seelen-Dorf östlich von Lüneburg im Vorjahr mehr als 700 Flüchtlinge untergebracht, jetzt sind es keine 20 mehr.

Schnell entstanden Freundschaften

"Der Vertrag zwischen Land und Betreiber läuft am 14. Oktober 2016 aus", sagt Matthias Eichler, Sprecher des Innenministeriums in Hannover. "Bis dahin werden alle Flüchtlinge umverteilt und der Rückbau abgeschlossen." Die Flüchtlingszahlen seien seit Anfang des Jahres deutlich zurückgegangen, alle Verträge über Notunterkünfte liefen daher noch in diesem Jahr aus.

"Meinetwegen hätte das länger dauern können, dann wären die Baumaßnahmen nicht umsonst gewesen", sagt Anwohner Reinhold Schlemmer. Das Haus des 72-Jährigen steht an der Zufahrt zu dem einstigen Bürokomplex. "Wir hatten mit den Flüchtlingen keine Probleme oder gar Auseinandersetzungen", betont er. "Wir haben gemeinsam gefeiert, auch Weihnachten, Silvester und sogar Karneval. Außerdem haben die Flüchtlinge Grillabende organisiert mit Musik und Tanz", berichtet Schlemmer, zu DDR-Zeiten Bürgermeister von Sumte.

"Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt Schlemmer weiter. Hoffnung auf die Neuansiedlung eines Betriebes habe er nicht. Die Anlage gehört der Firma Apontas in Hannover. Dort gibt es noch keine konkreten Nachnutzungspläne, wie Geschäftsführer Ronald Geis sagt.

2400 Stunden in sechs Monaten

Kein Supermarkt, kaum Nahverkehr, nur 102 Einwohner. "Wir leben hier am Arsch der Welt", hatte Ortsvorsteher Christian Fabel (CDU) im Oktober nach Bekanntwerden der Pläne für den kleinen Ort in der Elbmarsch gesagt. Sumte wurde zu einem Symbol der Flüchtlingspolitik stilisiert, so mancher Bewohner der Region zeigte sich besorgt. Dass alles trotz anfänglicher Bedenken so gut gelaufen ist, ist für Schlemmer vor allem Jens Meier und dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) zu verdanken, dem Betreiber. "Die Truppe vom ASB hat eine ausgezeichnete Arbeit gemacht", lobt er. Fabel sieht es genauso.

Jens Meier ist ein großer Mann, wenn er ruft, ist seine Bassstimme weithin zu hören. "Ich habe in sechs Monaten 2400 Stunden gemacht", sagt Meier. Als Kreis-Geschäftsführer des ASB und zunächst auch Leiter ist er für die Unterkunft in Sumte verantwortlich. "Auch im Camp war es relativ ruhig", betont er, nur selten sei es zu Auseinandersetzungen gekommen. Mit den Flüchtlingen seien Netzwerke, Freundschaften und sogar Beziehungen entstanden. "Auch im Ort haben viele mitgezogen, als wir erstmal Vertrauen hergestellt haben."

Meier spricht von einer "idealen Unterkunft" und einem "super Team". "Das sollte bei Bedarf bestehen bleiben", meint er. So könnte etwa Hamburg hier die Ressourcen für seine Flüchtlinge nutzen. Vor allem für Familien sei die Ruhe ideal.

Viele fanden durch die Flüchtlinge Arbeit

Berge von Bettwäsche und Kissen, zusammengeklappte Bettgestelle - zu Spitzenzeiten waren in Sumte über 700 Flüchtlinge, erst sollten es sogar bis zu 1000 sein. Journalisten auch aus den USA, Russland und Japan waren im November dabei, als der erste Bus kam. Jetzt herrscht Leere in der gewaltigen Anlage. Doch die Flüchtlinge haben für Arbeit in der abgelegenen Gemeinde Amt Neuhaus am nordöstlichen Ufer der Elbe gesorgt, vor der Wiedervereinigung DDR-Gebiet. Mehr als 70 Menschen waren zeitweise in der Unterkunft beschäftigt, jetzt sind es noch 52, manch einer könnte arbeitslos werden.

"Wenn das hier zu Ende geht, werden viele mit mindestens einem weinenden Auge herausgehen", sagt Mandy Thoms. Seit einigen Monaten leitet die 38-Jährige die Unterkunft. Ihre Mutter ist hier als Sozialarbeiterin im Einsatz, eine Schwester arbeitet in der Verwaltung, die andere in der Küche, ihr Lebensgefährte auch. Viele enge Kontakte seien entstanden, sagt Thoms. Und: Es sei schwer, in der Region Arbeit zu finden.

"Wir sind froh, dass es gut gegangen ist", sagt Ortsvorsteher Fabel. Auch er hat noch Kontakt zu einst dort untergebrachten Flüchtlingen. "Hier muss was weitergehen, egal was", sagt er. Das Gelände habe viele Möglichkeiten. "Wenn man es schon nicht mehr als Notunterkunft nutzen will, könnte man es doch etwa als Bildungseinrichtung nutzen", meint er. "Das wäre ein Schritt zur Integration."

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