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"hart aber fair" zu Flüchtlingspolitik: "Welt ist grotesk ungerecht organisiert"

Flüchtlingspolitik in "hart aber fair"  

"Die Welt ist grotesk ungerecht organisiert"

20.09.2016, 07:25 Uhr | Von David Heisig, t-online.de

"hart aber fair" zu Flüchtlingspolitik: "Welt ist grotesk ungerecht organisiert". Zwei Diskutanten: Fußballspieler Neven Subotic und Menschenrechtsaktivist Elias Bierdel. (Quelle: WDR, Dirk Borm)

Zwei Diskutanten: Fußballspieler Neven Subotic und Menschenrechtsaktivist Elias Bierdel. (Quelle: WDR, Dirk Borm)

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Vor Krieg, Armut, Klimawandel. Europa will die Massen mit Zäunen abhalten. Die Talkrunde bei "hart aber fair" ging der Frage nach, ob das der Weisheit letzter Schluss sei.

Die Gäste

  • Elias Bierdel, Menschenrechtsaktivist
  • Peter Györkös, ungarischer Botschafter in Deutschland
  • Neven Subotic, Fußballer und Entwicklungshelfer
  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses
  • Shafagh Laghai, Journalistin

Das Thema

Gleich zu Beginn zitierte Frank Plasberg die aktuelle Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ihr "Wir schaffen das" wolle sie gar nicht mehr wiederholen - der Satz sei zu einer Leerformel geworden. Dabei stehe eine "neue Flüchtlingswelle" aus Afrika bevor. Wie man damit umgehen solle, das sollte Ausgangsfrage des Abends werden. Auf Abschreckung setzen, Mauern hochziehen oder etwas gegen die Ursachen tun?

Die Welt sei "grotesk ungerecht organisiert", meinte Bierdel und legte damit den Pfad für die Diskussion. Die Fluchtbewegungen seien durch weltweit ähnliche, strukturelle Ursachen begründet. Die Runde fokussierte sich auf Afrika, erkannte zwei Themenkomplexe. Sudan, Sierra-Leone, Tschadsee: Warum machen sich 19 Millionen Menschen auf dem Kontinent auf einen unsicheren Weg? Und: Welche Rolle spielt Europa bei den Ursachen der Flucht. Bierdel war sich sicher: Die Politik hat zu lange weggeschaut.

Die Fronten

Diese waren von Anfang an klar verteilt. Hier Botschafter Györkös, der für Abschottung und Schutz der Europäer plädierte. Auf der anderen Seite Menschenrechtsaktivist Bierdel, der ein Hauptproblem im wirtschaftlichen Umgang Europas mit Afrika sieht. Der Kontinent werde als Ressourcenbecken ausgenutzt. Europa habe von diesem Mechanismus "enorm profitiert". "Die Agrarsubventionen in Europa zerstören die Märkte in Afrika", urteilte er.

Zwischendrin fand man Röttgen, der betonte, Schutz europäischer Grenzen und Ursachenforschung gehörten zusammen. Man müsse verlässliche Partner vor Ort finden. Plasberg spielte daraufhin ein Zitat des getöteten libyschen Diktators Al-Gaddafi ein, in dem er Flüchtlingswellen nach Europa prophezeite.

Röttgen musste zugeben, dass politisches Chaos in der Region ein Dilemma sei. Er sei aber "verhalten optimistisch", dass man ein besseres Bewusstsein für die eigenen Interessen Afrikas entwickle.

Die Journalistin Laghai bezweifelte das. Als Beispiel nannte sie die Lage der Hühner-Bauern in Ghana. Europa überflute Afrika mit tiefgefrorenen Hühnerresten, die in Europa keine Abnehmer fänden. Bauern der Region könnten ihre Waren nicht konkurrenzfähig anbieten. Dass nun die Zölle auf Exporte nach Afrika fallen sollen, sei eine wirtschaftliche Katastrophe für die Afrikaner.

Bierdel betonte, die Diskussion sei nicht neu. Seit 40 Jahren werde sie geführt. Abgesehen von kleinen Nickligkeiten (Röttgen zu Bierdel: „Ich gönne ihnen ihren Anklagemodus“) blieb die Runde nahezu unisono. Es müsse an den Fluchtursachen gearbeitet werden, etwa am Klimawandel.

Plasberg-Momente

Der Moderator zeigte kaum Kante. Seine Versuche, Györkös stellvertretend für die ungarische Flüchtlingspolitik an den Panger zu stellen, verpufften. Wie hoch denn die Zäune sein müssten, um dem Ansturm stand zu halten, fragte Plasberg. Györkös ließ sich den Schneid aber nicht abkaufen. Wenn Flüchtlinge kämen, "dann können wir unser Europa vergessen", urteilte er. Nur um dann nachzuschieben, Zäune schlössen Hilfe ja nicht aus.

Man tue von ungarischen Seite viel, etwa im Bereich weltweiter Wasserversorgung. Plasberg gab sich verdutzt. Das müsse man erst dem Faktencheck unterziehen. Der Moderator schafft es nicht nachzuhaken, Györkös auf der emotionalen Ebene festzunageln. Es gab nichts, woran sich die Runde ein wenig hätte abreiben können.

Höhepunkt des Abends

Emotional wurde es, als Laghai von ihrer Arbeit als Korrespondentin in Afrika erzählte. Den Menschen dort sei es wichtig, "dass es der Familie gut geht". Und dass man "überlebe", ergänzte Subotic, der ein Brunnenbauprojekt in Afrika betreibt. Es müsse klar sein, dass viele Afrikaner in der Flucht die Chance auf ein besseres Leben sähen.

Wie zum Beweis spielte Plasberg einen Interviewausschnitt mit einem Flüchtling ein. Was sei, wenn er erfahren müsse, dass Europa kein Paradies sei. Er könne sich nicht vorstellen, dass "das Leiden in Europa mit dem Leiden in Afrika vergleichbar ist". Ein Gänsehautmoment in der Sendung.

Was offen bleibt

Leider konnte die Runde aus den Themen Abschottung, Fluchtursachen und Europas Rolle keinen gemeinsamen Schluss ziehen. Es wurden keine Alternativen benannt, wie man mit dem Flüchtlingsstrom umgehen könne. Über den AfD-Vorschlag, Flüchtlinge auf zwei Inseln "rückzuführen", sei sie "fassungslos", so Laghai.

Immerhin war sich die Runde einig, dass eine große Konvergenz besteht: den Menschen müsse vor Ort geholfen werden.

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