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Dieter Nuhr: "Das Burka-Verbot ist eine Chimäre und ein Popanz"

Dieter Nuhr im Gespräch  

"Das Burka-Verbot ist eine Chimäre und ein Popanz"

10.10.2016, 12:46 Uhr | Denis Mohr, t-online.de

Dieter Nuhr: "Das Burka-Verbot ist eine Chimäre und ein Popanz". Dieter Nuhr hat als erster deutscher Comedian ein Programm für Netflix aufgenommen. (Quelle: NIB)

Dieter Nuhr hat als erster deutscher Comedian ein Programm für Netflix aufgenommen. (Quelle: NIB)

Dieter Nuhr fällt als Kabarettist häufig durch Kritik am radikalen Islam und eine ausgeprägte bürgerlich-liberale Haltung auf. Am 4. Oktober hat er nun als erster deutscher Komiker ein Programm speziell für Netflix aufgezeichnet. Mit t-online.de sprach der streitbare Witzbold über Shitstorms von politisch Andersdenkenden, den Niedergang der Freiheitsidee und das Burka-Verbot.

t-online.de: Herr Nuhr, wie stehen Sie zur aktuellen Burkaverbot-Debatte?

Dieter Nuhr: Das Burka-Verbot ist meiner Ansicht nach eine Chimäre, ein Popanz. Ein Burka-Verbot wird nicht dazu führen, dass wir weniger Radikale im Land haben. Ich halte grundsätzlich sehr viel davon, den radikalen Islam zu kritisieren, weil er eine Idee verkörpert, die der bürgerlichen Aufklärung entgegensteht und unser Gesellschaftssystem fundamental angreift. Das tut allerdings auch die Idee eines völkischen Staates, die von den Rechten propagiert wird. Linke Ideen von einem sozialistischen Gebilde tun das ebenfalls. Freiheit bedeutet, dass ich leben darf wie ich will – und diesen Standpunkt verteidige ich.

Gegen den radikalen Islam führen Sie in gesellschaftsliberaler Manier immer wieder die Bedeutung der Freiheit in unserer Gesellschaft ins Feld…

Interessant ist, dass die Freiheitsidee offenbar heutzutage nur noch eine Meinung unter vielen ist. Das war mal die zentrale Idee der Gründerväter unseres Landes und eine Selbstverständlichkeit für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Heute ist es offensichtlich nur noch ein möglicher Standpunkt.

Was gilt für die Burka-Frage? Kritik an radikal-religiösem Denken oder das Primat, dass jeder frei ist, sich zu kleiden wie er möchte? 

Wir sollten das humoriger sehen. Die Grundidee, dass meine Frau in einem Sack herumläuft, hat eine humoristische Komponente. Nachsicht ist in Ordnung, aber man sollte darauf achten, ob das Ganze einen missionarischen Charakter hat. Man muss aufpassen, dass wir nicht irgendwann in eine Situation geraten, in der es meiner Tochter nicht möglich ist, im kurzen Röckchen durch die Straßen zu laufen. Da fängt es für mich dann an, interessant zu werden. Das Burka-Verbot selbst ist eine eher lächerliche Debatte. Wenn sich jemand einen Sack über den Kopf stülpen möchte, um nicht gesehen zu werden, dann ist das erstmal eine lustige Idee. Darüber eine gesellschaftliche Debatte zu entspinnen, ist eher eine Alibi-Veranstaltung. In Wirklichkeit geht es um bürgerliche Freiheiten. Darüber müssen wir reden – und nicht über den Sack.

Wegen ihrer politischen Positionierungen in der Vergangenheit wird Ihnen vor allem von Linken immer wieder Islamophobie vorgeworfen, wovon Sie sich aber auch stets distanzieren…

Rechts. Links. Religionsfeindlich. Ausländerfeindlich. Ausländerfreundlich. Wurde ich alles schon genannt. Auch linker Hetzer habe ich schon oft gehört. Wenn man auf der Bühne so oft über die AfD spricht wie ich, kommen die Beschimpfungen halt auch von dieser Seite. Es ist im Grunde völlig egal. Sobald man sich inhaltlich äußert, sind viele Menschen beleidigt.

Weshalb verorten Ihre Kritiker Sie in so extremen Ecken?

Weil Argumentieren mühsam und Etikettieren sehr einfach ist. Da mein Standpunkt nicht so leicht verortbar ist, wird man von Radikalen bevorzugt auf der Gegenseite positioniert und zum Feind erklärt.

Wie gehen Sie persönlich damit um?

Eigentlich bin ich ein Mensch, der gerne in Harmonie mit seiner Umwelt lebt. Deshalb bin ich manchmal ziemlich genervt. Ich habe aber auch gelernt, das abperlen zu lassen. Andernfalls würde man bekloppt werden. Außerdem: Wenn einen bestimmte Leute hassen, ist das eigentlich ein gutes Zeichen. Vom Linksautonomen bis zum Nazi gibt es jede Menge Leute, die mit Hass statt mit Argumenten reagieren. Das zeigt, dass es ihnen an letzterem offenbar mangelt.

Sie sind immer wieder mit Shitstorms im Netz konfrontiert, teilweise wegen Lappalien. Wie erklären Sie sich diese Lynchstimmung, die teilweise im Internet vorherrscht?

Es gibt eine völlig unproportionale Aufmerksamkeit für diese Menschen. Shitstorms habe ich auf Facebook meistens für Sachen bekommen, die 40.000 Likes hatten. Dagegen standen lediglich 3000 Kommentare, die "Drecksack" geschrien haben. So funktioniert eben Öffentlichkeit. Millionen Menschen sehen mir im Fernsehen zu, zu meinen Auftritten kommen einige tausend. Es gibt also viel Zustimmung. Gefragt wird man aber nur nach dem Shitstorm - dabei ist der viel geringer, eigentlich nichtig. Aber man bekommt mit Aggression und Wut heute so viel Aufmerksamkeit, dass es sich lohnt, sich so zu verhalten.

Spielt die Anonymität der Hater eine wichtige Rolle?

Unter dem Deckmantel der Anonymität ist es natürlich sehr leicht. Ich bin überzeugt, dass Freiheit nur möglich ist, wenn Menschen nicht anonym sind. Um dieses Thema wird häufig eine falsche Debatte geführt. Da lautet der Tenor ja immer, Anonymität im Netz ermögliche erst Freiheit. Aber Freiheit ist nur möglich, wenn der Mensch haftbar für das ist, was er tut. Es ist wichtig, dass nicht das Recht des Stärkeren gilt. Deshalb fände ich es gut, wenn man sich bei Facebook nur unter Echtnamen äußern könnte.

Apropos haftbar: Sie haben die Ermittlungen gegen Jan Böhmermann wegen seines Erdogan-Gedichts verteidigt. Vor Kurzem wurden die Ermittlungen eingestellt. Freuen Sie sich für Böhmermann?

Die Sache hat viel zu viel Wichtigkeit erlangt. Deshalb freue ich mich vor allem, dass das jetzt relativ sang- und klanglos eingestellt wurde. Auf der anderen Seite halte ich es für eine gute Sache, dass jemand klagen kann, der sich beleidigt fühlt. Das nennt man Rechtsstaat – und es ist gut, dass es so etwas gibt. Dass die Ermittlungen gegen Böhmermann eingestellt wurden, vergrößert aber auch unseren Freiheitsraum wieder ein Stück. Weil jetzt klar ist, dass man wegen Lappalien nicht verurteilt werden kann.

Dieter Nuhrs neues Programm "Nuhr in Berlin" ist ab dem 15. November exklusiv auf Netflix zu sehen.

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