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"Maybrit Illner" TV-Kritik: Populismus-Debatte war voller Populismus

TV-Kritik "Maybrit Illner"  

Populismus-Debatte war voller Populismus

14.10.2016, 09:33 Uhr | Marc L. Merten, t-online.de

"Maybrit Illner" TV-Kritik: Populismus-Debatte war voller Populismus. Illustre Runde bei Maybrit Illner (l-r): Gisela Stuart, Daniel Cohn-Bendit, Moderatorin Maybrit Illner, Julia Klöckner und Christoph Schwennicke. (Quelle: imago images/Metodi Popow)

Illustre Runde bei Maybrit Illner (l-r): Gisela Stuart, Daniel Cohn-Bendit, Moderatorin Maybrit Illner, Julia Klöckner und Christoph Schwennicke. (Quelle: Metodi Popow/imago images)

Es war ein ZDF Spezial, ein Maybrit Illner Spezial. Neunzig Minuten Populismus-Debatte. Und tatsächlich waren die neunzig Minuten am Donnerstagabend zumeist gefüllt mit Populismus – und zwar von jenen, die bei Illner zu Gast waren. Aber was war auch anderes zu erwarten?

Die Gäste

  • Daniel Cohn-Bendit, Bündnis '90/Die Grünen
  • Gisela Stuart, deutschstämmige Labour-Abgeordnete und Brexit-Befürworterin
  • Christoph Schwennicke, Chefredakteur des politischen Magazins "Cicero"
  • Julia Klöckner, stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende
  • Torben Lütjen, Politologe
  • Stefan Petzner, ehemaliger Pressesprecher des verstorbenen FPÖ-Politikers Jörg Haider

Das Thema

Die populärsten Populisten. Geert Wilders, Niederlande. Victor Orban, Ungarn. Boris Johnson, Großbritannien. Frauke Petry, Deutschland. Marine le Pen, Frankreich. Donald Trump, USA. Die Welt zittert. Wirklich? Oder ist die westliche Welt nicht längst in einem Umbruch? Schließlich ist der Rechtsruck in vielen Ländern längst Realität. Maybrit Illner stellte die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte – und ob es Abhilfe gegen Populisten gibt

Die Fronten

Zunächst einmal: Populismus wird aktuell mit rechten Tendenzen gleichgesetzt. Es gibt aber auch Linkspopulismus. Heute ist die Linke eine etablierte Partei in Deutschland. Ebenso die Grünen, die als Protestbewegung begann, sich den Populismus zunutze machte und sich so durchsetzte. Entsprechend waren die Fronten an dem Abend erwartbar gesetzt. Hier ein künftiges AfD-Mitglied, dort eine Julia Klöckner, die sich selbst im Wahlkampf AfD-ähnlicher Aussagen behalf. Hier der grüne Europa-Abgeordnete Cohn-Bendit, dort die Brexit-Befürworterin Gisela Stuart. Zwischendrin der Chefredakteur eines nach rechts gewanderten Politikmagazins, ein Politologe und als Kirsche auf der Torte der ehemalige Pressesprecher des inzwischen verstorbenen Hetz-Politikers Haider. Viele Gäste, zu viele, mit vielen Themen, zu vielen.

Aufreger des Abends

Daniel Cohn-Bendit war in der Laune, ein ständiger Aufreger in der Runde zu sein. Er legte sich mit allen an, erklärte Stuart den Brexit, bewertete Illners Fragen, ehe sie diese fertig formuliert hatte und bezeichnete Schwennicke indirekt als Rassisten und Unterstützer der Rechtspopulisten. Dessen Magazin Cicero hatte sich in der Flüchtlingsdebatte merklich nach rechts orientiert. Sein provokanter Auftritt brachte Cohn-Bendit ausgerechnet von AfD-Neuling Kaufmann das zweifelhafte Kompliment ein, an diesem Abend "der größte Populist“ zu sein. In diesem Punkt hatte Kaufmann Recht.

Moderatoren-Moment

Es gab diverse, vor allem kleinere Momente. Illner war gut aufgelegt, zeigte sich schlagfertig, so beispielsweise, als Kaufmann in die Runde geschaltet wurde und dieser, anstatt auf Illners Frage, mit den Worten begann: "Ich wollte noch zur Runde sagen...“ Doch die Moderatorin unterbrach ihn: "Nee, die Runde ist schön genug!“ Den entscheidenden Moment aber hatte sie, als sie Gisela Stuart damit konfrontierte, dass die Brexit-Kampagne in Großbritannien deshalb gewonnen habe, weil die Briten "gleich zwei Sündenböcke hatten: die Migranten und die EU“.

Es wäre zu wünschen gewesen, dass Illner im Zuge dessen noch hinzugefügt hätte, dass die Brexit-Entscheidung von den älteren Menschen im Lande herbeigeführt wurde. Über 60 Prozent der unter 40-Jährigen hatte in Großbritannien für einen Verbleib in der EU gestimmt, doch die alte Generation hatte sie überstimmt. Ein Problem für die Zukunft also, wenn die heute junge Generation die Entscheidung ihrer Eltern wird ausbaden müssen. Leider verpasste Illner es, diesen Bezug herzustellen, der auch auf andere Länder, Politiker und Entscheidung hätte übertragen werden können.

Moderatoren-Frage des Abends

"Wann wird ein Populist ein Radikaler?“ Es war die entscheidende Frage, die Illner dem Politologen Torben Lütjen stellte. Der entscheidende Punkt des Abends, die Gretchen-Frage. Schließlich steckt in der heutigen Zeit in fast jedem Politiker egal welcher Partei ein Populist, der versucht, durch öffentlichkeitswirksame Aussagen, die nicht immer unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen, Wählerstimmen zu erhalten. Problematisch wird es laut Lütjen aber dann, "wenn jemand glaubt, die einzig wahre Meinung zu vertreten und keine andere mehr zulässt“. Dann werde aus der Wut, die die Grundlage jeder gesellschaftlichen Veränderung sei, ein radikaler Protest. "Die Frage ist, kann man die Wut zu einem Projekt nutzen und etwas bewirken, oder entlädt sich die Wut in Empörung?“ Letzteres führe zu einer Radikalisierung, wie man sie heute in vielen Ländern erlebe, auch in Deutschland.

Wahrheit des Abends

Stefan Petzner, der einstige Mann an Haiders Seite in Österreich, öffnete vielleicht an diesem Abend dem einen oder anderen hilflosen Politiker der großen Parteien die Augen. Nämlich mit der Antwort auf die Frage, wie man Populisten entgegen treten und entlarven könne. "Die heutige Sendung ist eines der besten Beispiele, was falsch gemacht wird von der etablierten Partei“, legte Petzner den Finger in die Wunde. Denn tatsächlich hatten die Diskutanten alles dafür getan, eben genauso populistisch daher zu kommen wie die angeprangerte AfD oder ihre ausländischen Schwesterparteien im Geiste. Das Mittel eines radikalen Populisten sei immer "die Provokation, der Tabu-Bruch“, erklärte Petzner. Das einzige Mittel dagegen, glaubt er, ist das Ignorieren dieser Provokationen. "Dann müssten die Populisten ihre Dosis erhöhen und würden den Bogen irgendwann überspannen.“ Aber ob das wirklich die Weisheit letzter Schluss ist?

Fakt des Abends

In aller Kürze: Julia Klöckner erklärte: "Jesus war Aramäer, also ein Mann, den Alexander Gauland nicht als Nachbar hätte haben wollen.“ Nun ja.

Was offen bleibt

Petzner hatte noch eine weitere, entscheidende Erklärung für den aktuellen Aufstieg der Populisten in der westlichen Welt. Er lieferte sie am Beispiel Donald Trump, dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner in den USA. "Trump ist so erfolgreich, weil wir in einem post-faktischen Zeitalter leben.“ Anders ausgedrückt: Die Menschen wählen nicht mehr die Nachrichten, die ihnen gefallen. Sie wählen die Fakten, die ihnen gefallen.

Dies hat dazu geführt, dass sich selbst die Grand Old Party, wie sich die Republikaner nennen, in Geiselhaft nehmen ließ von einem sexistischen, rassistischen und gänzlich unpolitischen Milliardär, der zu einem Schmutzwahlkampf aufrief, wie ihn die westliche Welt noch nie gesehen hat. Trump machte Beleidigungen, Hetze und Faktenresistenz zu seinem Motto – und schafft es trotzdem, rund 40 Prozent der Amerikaner in seinen Bann zu schlagen. Auch deswegen, das blieb in Illners Runde ebenfalls unerwähnt, wäre ein Wahlsieg Trumps – so unwahrscheinlich er aktuell erscheint – ein fatales Zeichen für viele andere Länder. Er würde beweisen, dass die Politik als solche gescheitert ist.

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