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9. November 1989: Wie ich den Fall der Berliner Mauer verpasste

9. November 1989  

Wie ich den Fall der Mauer verpasste

09.11.2014, 11:24 Uhr | Lars Schmidt

Es ist der 9. November 1989. Der Tag an dem die Berliner Mauer fällt. Und ich bekomme nichts davon mit. Denn während sich in Berlin die Ereignisse überschlagen, bin ich Soldat der NVA und hocke ahnungslos in meiner Kaserne. Auch kann ich mich nicht erinnern, wie mich die Nachricht vom Mauerfall erreicht. Doch nicht nur mir geht es so.

Im November 1989 bin ich 20 Jahre alt und seit einem Jahr bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Ich absolviere meinen 18-monatigen Grundwehrdienst bei der Luftabwehr in Schwerin. Ein halbes Jahr habe ich noch vor mir. Dass es seit Wochen und Monaten in der DDR gärt, von Demonstrationen, Botschaftsbesetzungen und Massenfluchten, davon bekomme ich in der Kaserne nur wenig mit. Es ist schwer, sich ein Bild von der Lage im Land zu machen, das unabhängig von der Meinung der Staatsmedien und Politoffiziere ist.

Rückt die Armee gegen das eigene Volk vor?

Einen Eindruck von dieser Lage bekomme ich, als ich Anfang Oktober für einen zweitägigen Kurzurlaub nach Hause fahre. Im Zug werde ich wegen meiner Uniform (Soldaten mussten in Uniform reisen) als Stasischwein beschimpft und bedroht.

Nach dem 7. Oktober, dem 40. und zugleich letzten Jahrestag der DDR, lässt sich dann aber auch in der Dienststelle nicht mehr verheimlichen, was da draußen in den Städten und auf den Straßen des Landes los ist. Nur sind die Auswirkungen auf uns absolut erschreckend. Es herrscht absolute Ausgangs- und Urlaubssperre. Die Wachen werden verstärkt, die Waffenkammern noch stärker kontrolliert als es ohnehin schon üblich ist. Käme der Einsatzbefehl, die Polizei beim Vorgehen gegen Demonstranten in Schwerin zu unterstützen, wäre das benachbarte Motorisierte Schützenregiment ausgerückt und wir hätten deren Nachhut übernommen. So viel wissen wir.

Der entscheidende Satz fällt - und niemand bekommt es mit

Dass Erich Honecker am 26. September den Geheimbefehl Nr. 8/89 erlassen hatte, laut dem DDR-feindliche Krawalle "von vornherein zu unterbinden" seien, wissen wir dagegen nicht. Die Stimmung ist angespannt. Die Angst, den Befehl zu erhalten, auf das eigene Volk zu schießen, ist groß. Doch alle Einheiten bleiben in den Kasernen.

Am 18. Oktober erhalten wir den Befehl, die DDR-Hauptnachrichtensendung "Aktuelle Kamera" anzusehen. Darin verkündet Egon Krenz den Rücktritt Honeckers und übernimmt dessen Posten. Die geschichtsträchtige Pressekonferenz mit Günter Schabowski am 9. November sieht niemand. Denn freiwillig schaut keiner diese Art von Sendungen. Und so hört auch keiner um 18.53 Uhr den entscheidenden Satz: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (…) beantragt werden. (…) Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen."

Eine Erinnerungslücke und viele kleine Änderungen

Vermutlich wird man uns über die Aussage und ihre dramatischen Folgen am darauffolgenden Tag beim Morgenappell informiert haben. Doch wie eingangs schon geschrieben. Erinnern kann ich mich nicht. Überraschenderweise geht es allen Kameraden, mit denen ich damals diente und die ich aus Anlass dieser Geschichte dazu befragte, genauso. Für uns, Soldaten der NVA und vereidigt auf die DDR, wird sich durch die Maueröffnung nichts ändern. Das mag aufgrund unserer Erfahrungen die Einstellung gewesen sein und die Erinnerungslücke verursacht haben.

Doch dann wird auch für uns vieles anders. Wenn auch in kleinen Schritten. Fast täglich ändern sich unsere Dienstvorschriften und erweitern sich um kleinen Freiheiten. Der Politikunterricht wird abgeschafft. Statt mit "Genosse" werden wir mit "Herr" angeredet. Wir dürfen im Ausgang Zivilkleidung tragen und in der Kaserne Westmedien empfangen. Insgesamt wird der Dienst etwas lockerer. Und dann erhalten wir unsere Personalausweise zurück, die jeder NVA-Soldat vor der Einberufung abgeben musste. Mit dem Pass dürfen wir im Ausgang oder Urlaub nun sogar in die BRD reisen.

Rückkehr in ein anderes Land

Als ich Anfang Januar 1990 nach meinem Silvesterurlaub wieder in der Kaserne eintreffe, sorgt beim ersten Morgenappell die Meldung von der Verkürzung der Wehrdienstzeit von 18 auf zwölf Monate für Riesenjubel. Für meinen Jahrgang wird der 26. Januar 1990 zum Entlassungstag. So gehe ich nach 15 Monaten zurück in ein Land, das ein völlig anderes ist, und in dem nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Ein Land, in dem Euphorie und Aufbruchsstimmung herrschen. Dass ich von all dem was dazu führte so wenig mitbekommen habe, ist für mich die schlimmste Erinnerungslücke meines Lebens. Entscheidend aber ist, dass es passiert ist.  

Der Autor Lars Schmidt ist Redakteur bei t-online.de.

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