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"Hart aber Fair" zum München-Amoklauf: Plasberg ließ Thema außer Acht

TV-Kritik zu Plasberg  

Amok oder Terror - spielt das überhaupt noch eine Rolle?

25.07.2016, 18:20 Uhr | t-online.de

"Hart aber Fair" zum München-Amoklauf: Plasberg ließ Thema außer Acht. Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins bezog in der Talkrunde bei Frank Plasberg klar Stellung. (Quelle: WDR/Oliver Ziebe)

Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins bezog in der Talkrunde bei Frank Plasberg klar Stellung. (Quelle: WDR/Oliver Ziebe)

Von Marc L. Merten 
Wie verändern der Amoklauf von München und die Bluttat von Würzburg das Empfinden der Deutschen? Darüber wollte Frank Plasberg am Sonntagabend in einer Sonderausgabe von "Hart aber Fair" diskutieren. Das eigentliche Thema, den Unterschied zwischen Amok und Terror, ließ er dabei leider nahezu gänzlich außer Acht. 

Die Gäste

  • Marcus da Gloria Martins, Leiter Polizeipressestelle München
  • Christian Pfeiffer, Kriminologe, ehem. Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN)
  • Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin "Süddeutsche Zeitung"
  • Björn Staschen, Reporter Norddeutscher Rundfunk
  • Joachim Herrmann (CSU), Bayerischer Innenminister 

Das Thema

Nach der Bluttat von Würzburg lautete der erste Verdacht: ein Amokläufer. Erst mit der Zeit wurde klar: Der Täter war möglicherweise Terrorist. Als München passierte, fürchtete ganz Deutschland bereits das nächste Terrorattentat. Bis sich herausstellte, dass es ein Amokläufer war. Doch spielt der Unterschied wirklich eine Rolle? Worin unterscheiden sich Amoklauf und Terrortat? Und ist diese Differenzierung für unsere Angst überhaupt relevant, wenn wir scheinbar unseres Lebens nicht mehr sicher sein können? Darüber wollte Frank Plasberg eigentlich diskutieren. Doch die Diskussion driftete schon früh ab. 

Der Kern der Diskussion

Die Geschehnisse in München lagen noch wie ein Schleier über dem ARD-Studio von Frank Plasberg. Der Schock schwang in den Worten der Gäste mit. Besonders im Fokus an diesem Abend: Marcus da Gloria Martins, der Sprecher der Polizei München, der bereits am Freitag und Samstag viel Lob für seine Arbeit erhalten hatte. Eine besonnene Kommunikation als Beruhigungsmittel für ein verängstigtes Volk in Zeiten von Social Media und Bürgerjournalismus. "Wir sind der Bariton, aber wir sind nur eine Stimme", sagte da Gloria Martins. "Wenn wir übertönt werden, haben wir ein Problem." 

Vertrauen - dieser Begriff wurde häufig verwendet. Für den Glauben in die Berichterstattung. Für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Für das Volk, das auf seine Politiker setzt, damit grundlegende Probleme endlich nicht nur diskutiert, sondern auch gelöst werden. Doch am Ende des Abends waren die Zuschauer nicht wirklich schlauer, ob sich tatsächlich etwas ändern wird. 

Aufreger des Abends

Während der Sendung platzte eine Nachricht herein: Die Münchner Polizei hat einen Freund des Amokläufers David S. verhaftet. Es bestehe der Verdacht der Mitwisserschaft. Polizeisprecher da Gloria Martins erklärte kurzerhand: "Genau das ist das Problem." Was er meinte: Die Meldung sei nur Teil einer großen Sachlage, Teil einer komplexeren Wahrheit, Teil einer Ermittlung, die dem heutigen Durst nach sekundenschneller Information einfach nicht gerecht werden könne. Sein Appell, so einfach wie verständlich: "Lasst uns in Ruhe unsere Arbeit machen!" 

Fakt des Abends

Dazu passte der Fakt des Abends, ebenfalls präsentiert von da Gloria Martins. 2300 Polizisten seien innerhalb weniger Stunden nach der Tat nach München gekommen. Die Beamten seien bei den immer neuen Hinweisen im Schnitt in unter fünf Minuten vor Ort gewesen und hätten die Lage analysiert, bewertet und aufgelöst. Das große Problem dieser Nacht: die vielen Falschmeldungen via Twitter und Facebook. Journalist Björn Staschen legte den Finger in die Wunde des allzu gerne hochgejubelten Bürgerjournalismus: "Dank der sozialen Netzwerke kann heute jeder ein Massenmedium sein." Eine Qualitätskontrolle? Nicht mehr vorhanden. 

Moderatoren-Moment

Staschen war es auch, der Plasbergs Frage aufnahm, wie Eltern mit der Gefahr des Internets am besten umgingen. Eine Frage, die sich viele Erziehungsberechtigte nicht nur in Deutschland mit großer Sorge stellen. Ein Problem zwischen Kontrolle und Freiheit, zwischen strenger Erziehung und der Chance, dass Heranwachsende ihre eigenen Erfahrungen sammeln müssen. Staschen sagte: "Ich hoffe, dass wir heute die Grundlage legen, dass ich meinen Kindern vertrauen kann. Dass sie lernen, dass das Leben mehr in der Realität als in der Virtualität stattfindet."

Vertrauen zwischen Eltern und ihren Kindern - hier, da waren sich alle Gäste einig, fängt die soziale Verantwortung an. Nicht erst bei Lehrern, und schon gar nicht bei Freunden, von denen man nicht erwarten könne, dass sie die elementaren Aufgaben von Eltern übernehmen. 

Moderatoren-Frage des Abends

Frank Plasberg hatte Barbara Nalepa per Video-Schalte ins Studio geholt. Eine Mutter, die 2009 beim Amoklauf in Winnenden ihre Tochter verloren hatte. Ein mitunter sprachloser, weil bewegter Moderator. Eine emotionale Frau, die eingestand, nie über den Verlust hinweggekommen zu sein. "Keine Luftblasen mehr!", forderte Nalepa von der Politik. "Es war nur eine Debatte nach Winnenden. Mehr aber nicht. Ich erwarte, dass sie etwas unternehmen." 

Tiefpunkt des Abends

Nur was? Der Tiefpunkt des Abends war Plasbergs Frage, ob eine Rasterfahndung in Schulen nach potentiellen Amokläufern möglich sei. Schließlich gebe es Merkmale, die auf mögliche Täter hindeuteten. Er nannte Depressionen, den Hang zu Gewaltspielen und die Gewalt gegenüber Mitschülern. Gut, dass der Kriminologe Christian Pfeiffer deutlich wurde: "Das trifft auf tausende Jugendliche zu. Das halte ich für sehr problematisch." Eine solche Vorverurteilung würde nicht helfen. Im Gegenteil. Viel eher müsse man diese Probleme erkennen und den Menschen helfen, "aber nicht, weil dieser Mensch ein potentieller Amokläufer sein könnte, sondern weil er in Not ist". 

Was offen bleibt

Das eigentliche Thema des Abends - was Amok und Terror unterscheidet und wie die Angst das Leben in Deutschland verändert - wurde fast gänzlich außen vor gelassen. Außer eines Eingangsstatements von da Gloria Martins, der die Angst auf den Straßen beschrieb, ließ Plasberg das Thema fast schon mutwillig liegen. Nur ein einziges Mal stellte er die Frage, ob es überhaupt noch Sinn mache, zwischen Amok und Terror zu unterscheiden. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann gab die passende Antwort: "Natürlich macht es Sinn zu unterscheiden, weil es einen großen Unterschied macht, ob jemand ein Amokläufer und Einzeltäter ist oder ob er ein Täter mit Beziehungen zu einer Terrororganisation und möglichen Komplizen ist."

Kurzum: Weil Amokläufer ganz andere Beweggründe, Hintergründe und psychologische Profile aufweisen als Terroristen. Und weil mit einem Terroristen oft noch weitere in Kontakt stehen. Doch auf diese Unterschiede wurde an diesem Abend nicht mehr eingegangen. 

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