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Islamfeindlichkeit: Necla Kelek sprach doch von der Sodomie des muslimischen Mannes

MEINUNGIslamfeindlichkeit  

Und sie sprach doch von der Sodomie des muslimischen Mannes

Von Lamya Kaddor

22.12.2017, 13:38 Uhr
Islamfeindlichkeit: Necla Kelek sprach doch von der Sodomie des muslimischen Mannes. Islamkritikerin Necla Kelek: Stereotype und abwertende Darstellung von Muslimen und deren Religion. (Quelle: dpa)

Islamkritikerin Necla Kelek: Stereotype und abwertende Darstellung von Muslimen und deren Religion. (Quelle: dpa)

Die Islamkritikerin Necla Kelek hat sich 2010 über Muslime und Geschlechtsverkehr mit Tieren in einem Atemzug geäußert. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor verurteilte sie damals scharf. Seit dieser Woche werfen Journalisten ihr und anderen Prominenten vor, Kelek zu verleumden. In ihrer Kolumne für t-online.de nimmt Lamya Kaddor dazu Stellung.

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Sie fragen sich, warum ein Zitat nach sieben Jahren plötzlich wieder zum Thema wird? Das habe ich mich auch gefragt. Nun. Wir leben im Internet-Zeitalter. Jeder kann ins Netz schreiben, was er will – inklusive Beschimpfungen, Diffamierungen, üble Nachreden etc.

Man kann im Netz über mich lesen, ich hätte keinen Studienabschluss in Islamwissenschaft, wäre keine Lehrerin, sei genuin dumm, ein "U-Boot" der Islamisten, eine "Ungläubige", eine Ketzerin, eine Zionistin, eine Verräterin und vieles mehr – und das steht zum Teil auf populären und von manchen Intellektuellen geschätzten Internetseiten. Damit lebe ich seit vielen Jahren.

Die Islamisten agitieren, weil ich eine liberale Muslimin bin, die Rechten, weil ich eine Deutsche mit syrischen Wurzeln bin. Jetzt haben sich säkulare Linke und einige Trittbrettfahrer dazugesellt, vermutlich weil ich mich als gläubige Frau verstehe. Die Portale ruhrbarone.de und perlentaucher.de behaupten nunmehr mit ideologischem Eifer, ich sei eine Falschzitiererin und führe eine Kampagne gegen die promovierte Soziologin Necla Kelek an.

Vorwurf der Verleumdung

Doch das hier ist nicht allein eine Geschichte über Lamya Kaddor. Die Vorwürfe richten sich zugleich gegen Persönlichkeiten wie den Integrationsforscher Professor Klaus Bade, den Antisemitismusforscher Professor Wolfgang Benz, die Schriftstellerin Hilal Sezgin, den CDU-Politiker Ruprecht Polenz, Grünen-Parteichef Cem Özdemir, den Verleger und Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein, den früheren Feuilleton-Chef der FAZ, Patrick Bahners, den Journalisten Daniel Bax und andere. Wir alle sollen eine Aussage der seit Jahren umstrittenen Islamkritikerin Kelek bewusst oder unbewusst falsch verstanden haben.

Ein absurder und bösartiger Vorwurf. Ich hätte zu diesen dilettantischen Diskreditierungsversuchen der Ruhrbarone und der Perlentaucher keine ausführliche Stellung bezogen, wenn sie nicht in "Die Welt" gesetzt worden wären. Die Zeitung verlieh dem Ganzen am vergangenen Mittwoch einen seriösen Anstrich, indem auch sie die steilen Thesen veröffentlichte. Am Donnerstag folgte dann die angesehene FAZ mit einem Beitrag – übrigens ohne, dass irgendjemand auf die Idee gekommen wäre, seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen und mich zur Sache zu befragen. So werde ich nun wieder mal zum Handeln gezwungen. 

Anknüpfung an ein perfides Narrativ

Kennen Sie das: Jemand versucht Ihnen weiszumachen, die Wiese sei blau, und Sie müssen nun argumentieren, dass sie doch grün ist? Eigentlich ist es müßig, etwas Offensichtliches oder etwas Selbsterklärendes noch einmal zu erklären. Aber wir leben nun mal in sonderbaren Zeiten. Also: Die Islamkritikerin Kelek hat zweifelsohne die Religion des Islams und muslimische Männer pauschal in Verbindung mit Sodomie gestellt. Das – und genau das – habe ich ihr damals vorgeworfen und davon rücke ich auch heute kein Jota ab. Kelek hat damit an ein perfides Narrativ angeknüpft, das wir seit Langem aus der Antisemitismusforschung kennen und das sich bis heute durch Schimpfworte wie "Ziegenficker" im Alltag gehalten hat.

Und nun zu dem Zitat, das ich falsch zitiert haben soll. Necla Kelek sagte 2010 im Interview mit der ZDF-Sendung "Forum am Freitag" – und das ist keine sinngemäße Wiedergabe gesprochener Worte, wie das außerhalb der Wissenschaft übliche Verfahrensweise ist, sondern eine wortwörtliche Abschrift: 

"Ich sehe nach diesem Menschenbild, von der ich vorhin gesprochen habe, was der Islam übrigens auch vorgibt – in der Erziehung, da gibt es ein Menschenbild, was konstruiert ist. Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, eben dann ein Tier oder eine andere Möglichkeit, wo er auch dem nachgehen muss. Und das hat sich im Volk so durchgesetzt, das ist ein Konsens, wo auch die älteren Damen, Frauen, immer davon sprechen: ‚Ja, wenn du dich jetzt so kleidest, er muss ja, er kann ja nicht anders'." 

Das ist der haarsträubende Teil von Keleks Antwort auf die kritische Nachfrage des Moderators zu einer konkreten Textstelle in ihrem Buch "Himmelsreise", wo geschrieben steht: 

"Das muslimische Leben ist durch all das im Alltag sexualisiert und gewalttätig. Das drückt sich auch in der Umgangssprache aus. Es wird mit Worten alles 'gefickt', die Mutter, das Auto, der Staat. Der Mann möchte damit wohl kund tun, dass er in der Lage ist, jederzeit sexuell aktiv zu sein. Der Pfadfinderspruch 'Immer bereit!' ist auf sexuellem Gebiet das, was das Ideal eines muslimischen Mannes ausmacht."

Im unmittelbar anschließenden Absatz verweist Kelek auf eine Veröffentlichung des Psychotherapeuten Halis Cicek aus Berlin-Kreuzberg. Demnach hätten vier von fünf Migranten aus der ländlichen Türkei ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Tieren gemacht und hielten dies für "selbstverständlich".

Mehr als eine abstrakte Überlegung

Kelek spricht also ganz eindeutig über Sodomie als reale Handlung im muslimischen Kontext. Es geht ihr nicht nur um eine abstrakte Überlegung, einen theoretischen Diskurs über eine irgendwie geartete muslimische Sexualmoral oder ein Menschenbild im Islam. Dass sie den Alltag muslimischer Männer in den Blick nimmt, führt sie auch in dem ZDF-Interview explizit aus (wieder wortwörtlich zitiert): 

"Ich gehe also dieser Frage sehr genau nach und sehe sogar große Zusammenhänge darin, warum große wissenschaftliche Erfindungen in arabischen Ländern, in muslimischen Ländern nicht stattfindet. Wenn natürlich der Mann permanent der Meinung ist, erstmal seine eigenen Frauen kontrollieren zu müssen, weil er kein Vertrauen und Misstrauen gegenüber anderen Männern hat, die ja nur an Sex denken, und er sich selber ständig überprüfen muss und schauen muss, wo er halt wieder seinem Trieb nachgehen kann…"

Keleks Äußerungen sind ein Skandal

Es ist ein Skandal, "dem" Islam derartige Auffassungen über die Sexualität von Männern zuzuschreiben. Das ist in etwa so, als würde man dem Katholizismus pauschal eine Nähe zum Kindesmissbrauch unterstellen. So etwas kritisiere ich in der Tat sehr scharf.

Necla Kelek geht dann noch einen Schritt weiter und insinuiert, der muslimische, arabische oder türkische Mann gelte nicht nur als triebgesteuert, sondern er sei es tatsächlich. Ihren Ausführungen zufolge hat er nämlich im Alltag nicht einmal Zeit für rationale Überlegungen, für "große wissenschaftliche Erfindungen", wie sie sagt. Und dieser Trieb, der einen Mann demzufolge realiter beeinflusst, ist für sie sogar so stark, dass er sich im Zweifelsfall in einem Tier "entleeren" müsse – was nach ihren unbelegten Darstellung von "dem" Islam legitimiert wird und was nach ihrer Argumentation ein Kreuzberger Psychotherapeut an lebenden Objekten vermeintlich indiziert hat. 

Durch die ebenfalls unbelegte Aussage: "Das hat sich im Volk so durchgesetzt, das ist ein Konsens" behauptet sie schließlich, dass es in muslimischen Gesellschaften auch eine Akzeptanz von Sodomie gebe. Dass dieses aus der Luft gegriffene, von ihr konstruierte und verallgemeinerte Menschenbild direkte Auswirkung auf die Lebensumstände des muslimischen Mannes hat, macht Kelek selbst ein drittes Mal deutlich. In einer Stellungnahme zu den hanebüchenen Äußerungen im ZDF, veröffentlicht 2012 in einem Band mit gesammelten Reden und Schriften von ihr, schreibt sie unter Hinweis auf eine Ausführung von Ayatollah Khomeini, dies vermittele zumindest den Anschein, dass "Zoophilie eine praktische Frage für die Gläubigen" darstellt.

Islamfeindlichkeit in die Gesellschaft getragen

Wäre Necla Kelek ein unbeschriebenes Blatt, hätten diese Aussagen vielleicht als "Ausrutscher" oder "unglücklich formuliert" durchgehen können. Doch Necla Kelek hat vor 2010 durch ihre stereotype und abwertende Darstellung von Muslimen und deren Religion jahrelang an vorderster Front sowohl auf publizistischer Ebene als auch auf Ebene der Politikberatung maßgeblich dazu beigetragen, Vorurteile und islamfeindliche Haltungen sozusagen als "die" Kronzeugin in unsere Gesellschaft zu tragen und zu etablieren. Im Rahmen meines Forschungsprojekts an der Uni Duisburg-Essen zur Islamfeindlichkeit begegnen mir ihre Aussagen immer wieder. Sie werden in fast allen wichtigen Forschungspublikationen zum Thema Islamfeindlichkeit bzw. Islamophobie bzw. antimuslimischer Rassismus als Beispiele herangezogen – auch ohne ihre Sodomie-Affäre. 

Mitten in der deutschen Öffentlichkeit bediente Necla Kelek rassistische Diskurse: Sie unterscheidet Gruppen voneinander, legt dafür willkürliche Kriterien an und nimmt eine für die Zuteilung von Ressourcen relevante Hierarchisierung dieser Gruppen vor. Sie selbst steht weit, weit rechts im islamkritischen Diskurs. Necla Kelek war eine wichtige Stichwortgeberin für andere Islamfeinde und erntete durchgängig Applaus von menschenfeindlichen Blogs wie PI-News, rechtslastigen Plattformen wie "Die Achse des Guten", rechtspopulistischen Parteien sowie konservativen oder nationalistischen Medien. Es kommt nicht von Ungefähr, dass Thilo Sarrazin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" an der Seite von Necla Kelek offiziell präsentiert hat.

Wer verleumdet hier wen?

Sprache lässt sich nur im Kontext und unter Berücksichtigung der Sprecherin oder des Sprechers verstehen. Diese zu berücksichtigen, haben meine Kritiker versäumt. Ich solle Necla Kelek "stalken", schreiben sie, ich solle sie falsch wiedergeben. Wer verleumdet hier eigentlich wen?

Nach dem ZDF-Interview mit Kelek habe ich übrigens mit ihr auf offener Bühne diskutiert und ich habe sie in Hintergrundgesprächen getroffen. Mir gegenüber hat sie nie deutlich gemacht, dass sie mein Verständnis ihrer Worte als "falsche Zitierung" oder gar als "Desavouierung" sehen würde. Das erfolgt jetzt, sieben Jahre später.

Die Ruhrbarone haben mehr als 50.000 Zeichen oder, wie sie stolz betonen, 17 Kapitel und 51 Fußnoten aufgewendet, um eine angebliche Verleumdungskampagne gegen Necla Kelek zu erfinden, die sie mir und all jenen, die auf die Aussage Keleks verwiesen haben, nun zur Last legen wollen. Wegen dieses Popanzes fiel meine erste Reaktion angemessen aus: Ich habe einfach das Video mit der besagten Passage aus dem Kelek-Interview auf meinen Facebook- und Twitter-Seiten gepostet, damit sich jeder selbst ein Bild von den Äußerungen Keleks machen konnte. 

Sie finden die ganze Geschichte albern? Ich auch. Aber wir leben eben in sonderbaren Zeiten. 

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