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NSU-Prozess: Die Rätsel um tote Zeugen und Kinder-Spuren bleiben

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Nach dem NSU-Urteil  

Die Rätsel um Ermittler, Kinder-Spuren und tote Zeugen bleiben

Von Martin Trotz

15.07.2018, 14:25 Uhr
Urteil im NSU-Prozess: Lebenslange Haft für Beate Zschäpe (Screenshot: Reuters)
Lebenslange Haft für Beate Zschäpe

Im NSU-Prozess ist die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wegen zehnfachen Mordes und weiterer Verbrechen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. (Quelle: Reuters)

Beate Zschäpe : Im NSU-Prozess ist die Hauptangeklagte wegen zehnfachen Mordes und weiterer Verbrechen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. (Quelle: Reuters)


Die NSU-Akten werden mit dem Ende des Mammut-Prozesses um Beate Zschäpe geschlossen. Dabei bleiben beklemmende Fragen. Der Grund: Bemerkenswerte Verbindungen und rätselhafte Tode. 

Beate Zschäpe ist nach fünf Jahren im NSU-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zwischen Taten und Verurteilungen ist ein Vierteljahrhundert ins Land gegangen. Die Schwere der Schuld wurde bei Zschäpe festgestellt, ihre Mitstreiter im Terror-Trio, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, sind tot. Doch auch nach dem Urteil ist der NSU-Fall in seiner Gänze nicht gelöst. Der Grund: bedrückende und mitunter mysteriös anmutende Fakten. 

Die Verbindungen zum Fall Peggy

Zwei der größten Justizfälle in der deutschen Geschichte – mit einem Ermittler. Und zwei schweren Irrtümern. Am 7. Mai 2001 verschwindet die damals neunjährige Peggy im oberfränkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule. Wolfgang Geier übernimmt knapp ein Jahr danach die zweite Sonderkommission als Chefermittler – und bringt Ulvi K. ins Gefängnis, einen behinderten Mann mit Migrationshintergrund. Zu Unrecht: Nach Jahren in der geschlossenen Psychiatrie wird Ulvi K. nach einem Wiederaufnahmeverfahren rechtskräftig freigelassen.

Sommer 2005: Die Soko „Bosporus“ wird gegründet, soll eine Mordserie in Nürnberg aufklären, und geht von Mafiastrukturen unter Migranten aus. Wieder leitet derselbe Polizist die Ermittlungen – Wolfgang Geier. Die Spur scheint schnell klar und wird akribisch verfolgt: In Deutschland lebende Türken werden ins Visier genommen, in der Öffentlichkeit ist salopp von den „Döner-Morden“ die Rede. Später ist klar – die Mörder gehören zum NSU. Schwere Irrtümer in beiden Ermittlungen.


Die Verbindung zwischen NSU und Peggy liefert nicht nur der Ermittler, sondern auch eine DNA. Sommer 2016: Teile des Skelettes von Peggy tauchen in einem Thüringer Waldstück auf. Am Fundort der getöteten Schülerin findet sich eine DNA-Spur von NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt. Eine Verunreinigung bei der Spurensicherung, so die Ermittler, die in beiden Fällen tätig waren. Es ist eine Trugspur durch ein Textilteilchen. Querverbindungen zwischen zwei mysteriösen Kriminalfällen.

Der NSU und die Kinder

Hinweise auf Kindesmissbrauch finden die NSU-Ermittler immer wieder. Im Oktober 2011 wird Zschäpe mit einem vier- bis fünfjährigen Mädchen gesehen "Ich glaube, es hat Mama gesagt", sagt eine Zeugin. Sie ist Angestellte einer Verleihfirma, die Wohnmobile vermietet.

In dem später ausgebrannten Wohnmobil von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos finden Ermittler auch Kinderkleidung und Spielzeug. Das Wohnmobil nutzen die Terroristen für einen Überfall in Eisenach 2011, erschießen sich darin, als die Polizei ihnen auf die Schliche kommt. Der Wohnwagen brennt ab. Die Herkunft der Kindersachen – ähnlich unklar wie bei einem Fund in der Zwickauer Wohnung des NSU-Trios, die Beate Zschäpe am 4. November 2011 in Asche legt. Im Brandschutt wird Kinderporno-Material entdeckt. Die Hintergründe bleiben unklar und ungeklärt. Das Terror-Trio steht im Übrigen auch in Verbindung mit Enrico T., der laut Bundesanwaltschaft als NSU-Waffenbeschaffer gilt. Er wird in Verbindung gebracht mit dem Mord am neunjährigen Bernd, der 1993 verschwindet und nach zwölf Tagen am Ufer der Saale in Jena tot aufgefunden wird. Der Fall ist bis heute ungeklärt, derzeit prüft die Sonderkommission "Altfälle" aber neue DNA-Beweise.

Die Ku-Klux-Klan-Verbindung bei der Polizistin

Eine weitere Spur: Michèle Kiesewetter ist Polizistin, wird 2007 NSU-Mordopfer. Zum Tatzeitpunkt ist sie bei der Böblinger Bereitschaftspolizei. Zwei der Beamten dieser Gruppe sind bis 2002 Mitglieder des rassistischen Geheimbundes "Ku-Klux-Klan". Noch beängstigender: Eines der beiden Ex-Klan-Mitglieder ist zum Tatzeitpunkt der Chef von Michèle Kiesewetter. 

Ein verschwörerisches Netzwerk in den Sicherheitsbehörden? Das Urteil der Untersuchung besagt, es gebe keinen Anhaltspunkt dafür, dass Kollegen aus Böblingen mit der Tat zu tun haben. Fakt ist: Neun der zehn Morde verübte das NSU-Trio mit einer Pistole vom Typ "Ceska", in Heilbronn bei Polizistin Kiesewetter waren es andere Pistolen, eine polnische Radom und eine russische Tokarew.

Tote Zeugen im Fall Kiesewetter

Welche Hintergründe hat der Heilbronner Polizistenmord noch?

Im Januar 2009 stirbt Arthur C., er verbrennt in seinem Auto auf einem Waldparkplatz bei Heilbronn. Es soll Suizid sein. C's Name taucht mehrfach in Akten zum Heilbronner Polizistenmord auf.

Thomas R.: R. hat Kontakte zum Geheimbund Ku-Klux-Klan. Sein Name steht auf einer Telefonliste des NSU, die schon 1998 in Thüringen sichergestellt wird. Doch R. arbeitet auch unter dem Decknamen „Corelli“ als V-Mann für den Verfassungsschutz. Nach seiner Enttarnung lebt er später in einem Zeugenschutzprogramm und wird im April 2014 tot in seinem Haus in Paderborn aufgefunden. Die Todesursache beim 39-Jährigen: eine unentdeckte Diabeteserkrankung. Eine Vergiftung wird nicht ausgeschlossen. Darum rollt die Staatsanwaltschaft den Fall zwischendurch zumindest wieder auf. 

 

Landeskriminalamt und Landtagsuntersuchungsausschuss vernehmen auch Florian H.. Er gehört um 2007 der rechten Szene an und steigt aus. Angeblich erzählt er seiner Verlobten, bevor der NSU auffliegt, dass er weiß, wer Polizistin Kiesewetter ermordet hat. Am 16. September 2013 soll Florian H. zum LKA – und stirbt Stunden vorher beim Brand seines Peugeot auf der Cannstatter Wasen bei Stuttgart. Ein mutmaßlicher Selbstmord – kurz nach der Trennung von seiner Freundin.

Das ist Melisa M. Im März 2015 stirbt Florian H.'s Ex-Freundin – mutmaßliche Mitwisserin beim Polizistinnen-Mord – nach einem Motorrad-Unfall und einen Monat nach ihrer Aussage im NSU-Ausschuss. Beim Unfall prellt sie sich das Knie. Laut Obduktionsbericht stirbt sie aber wenig später an einer Lungenembolie, die in Folge einer Thrombose entstanden sei. Ermittler prüften auch eine Vergiftung.

Ihr neuer Freund und Verlobter Sascha W. nimmt sich im Februar 2016 laut Ermittlungsbehörden das Leben. Der 31-Jährige wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Nach ganzen fünf Monaten heißt es seitens der Behörden, es gebe „keine Anhaltspunkte für Drittverschulden, alles deutet auf Suizid hin.“

Hinzu kommen vier weitere Zeugen, die altersbedingt oder nach Erkrankungen im Rahmen der Ermittlungen und Vernehmungen rund um den Polizistenmord sterben. Wie Corinna B.. Die 46-Jährige stirbt Anfang 2017 kurz vor der Vernehmung durch den NSU-Untersuchungsausschuss Baden-Württemberg; laut Landtag nach schwerer Krankheit im Pflegeheim. Früher hat sie einen direkten Draht zum NSU-Terror-Trio.

Beobachter haben Zweifel. „Da stimmt was nicht. Das ist zu viel des Zufalls. Da schwirrt eine Angst herum, die nicht erklärt ist, die aber meines Erachtens auf eine Gewaltstruktur von rechtsextremer und organisierter Kriminalität verweist. Das ist die Herausforderung an die Sicherheitsbehörden, der sie bisher nicht gerecht geworden sind“, sagt der Politikwissenschaftler Hajo Funke 2017 dem WDR.

Der Verfassungsschutz gibt kein gutes Bild ab

Eine besonders fragwürdige Rolle spielt der frühere Verfassungsschützer Andreas Temme. Beim Mord an dem Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat 2007 ist er am Tatort, will aber nichts von der Tat bemerkt, die Schüsse nicht gehört haben. Täter und Opfer habe er nicht gesehen. Laut rekonstruiertem Tatablauf hätte Temme gerade mal rund 40 Sekunden Zeit gehabt, das Café zu verlassen und in sein Auto zu steigen, ohne dass die Täter ihm über den Weg gelaufen wären. Die Staatsanwaltschaft aber stellt das Verfahren gegen ihn ein. Der Richter im NSU-Prozess Manfred Götzl hat zudem keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Verfassungsschützers. 

Ende 2011: Der NSU wird enttarnt. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz und in mehreren Landesbehörden werden Akten zur Terrorzelle und ihrem Umfeld vernichtet. Löschfristen seien eigenen Angaben zufolge abgelaufen. Die Aktion „Konfetti“ am 11.11.2011 in Köln betrifft Informationen, Kontakte und Hintergründe über sieben Thüringer V-Leute. 

Der hessische Verfassungsschutz verhängt für eine NSU-Akte über die Rechtsterroristen gleich eine Sperrfrist bis 2134. 120 Jahre kein Zugang zu den streng geheimen Unterlagen, die behandeln, was der Verfassungsschutz zur extremen rechten Szene zusammengetragen und dabei ernst genommen oder ignoriert hat.

Der Fall scheint trotz Fragen und Fakten klar

In mehreren der zehn Mordfälle haben Zeugen für Phantombilder von möglichen Tätern oder Mittätern gesorgt, die ganz und gar nicht zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt oder Beate Zschäpe passen. Trotz all dieser Fakten und Fragen geht die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklageschrift gegen Beate Zschäpe von einer "singulären Vereinigung aus drei Personen" aus, wenn es um die NSU-Verbrechen geht.

Von toten Kindern und Zeugen bis hin zu geschredderten Akten: Zur Zufriedenheit beantwortet sind viele Fragen rund um den NSU noch längst nicht. Die Angehörigen der NSU-Opfer vermuten daher hinter dem Terror-Trio ein viel umfassenderes Nazi-Netzwerk.

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