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Die RĂ€tsel um Ermittler, Kinder-Spuren und tote Zeugen bleiben

  • Martin Trotz
Von Martin Trotz

Aktualisiert am 15.07.2018Lesedauer: 6 Min.
Trotz Urteilsspruch im NSU Prozess: Fragen bleiben unbeantwortet, RÀtsel ungelöst. Opfer-Angehörige fordern weitere Ermittlungen. (Quelle: Imago)
Trotz Urteilsspruch im NSU Prozess: Fragen bleiben unbeantwortet, RÀtsel ungelöst. Opfer-Angehörige fordern weitere Ermittlungen. (Quelle: Imago) (Quelle: Imago/Reuters-bilder)
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Die NSU-Akten werden mit dem Ende des Mammut-Prozesses um Beate ZschÀpe geschlossen. Dabei bleiben beklemmende Fragen. Der Grund: Bemerkenswerte Verbindungen und rÀtselhafte Tode.

Beate ZschĂ€pe ist nach fĂŒnf Jahren im NSU-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zwischen Taten und Verurteilungen ist ein Vierteljahrhundert ins Land gegangen. Die Schwere der Schuld wurde bei ZschĂ€pe festgestellt, ihre Mitstreiter im Terror-Trio, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, sind tot. Doch auch nach dem Urteil ist der NSU-Fall in seiner GĂ€nze nicht gelöst. Der Grund: bedrĂŒckende und mitunter mysteriös anmutende Fakten.

Die Verbindungen zum Fall Peggy

Zwei der grĂ¶ĂŸten JustizfĂ€lle in der deutschen Geschichte – mit einem Ermittler. Und zwei schweren IrrtĂŒmern. Am 7. Mai 2001 verschwindet die damals neunjĂ€hrige Peggy im oberfrĂ€nkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule. Wolfgang Geier ĂŒbernimmt knapp ein Jahr danach die zweite Sonderkommission als Chefermittler – und bringt Ulvi K. ins GefĂ€ngnis, einen behinderten Mann mit Migrationshintergrund. Zu Unrecht: Nach Jahren in der geschlossenen Psychiatrie wird Ulvi K. nach einem Wiederaufnahmeverfahren rechtskrĂ€ftig freigelassen.

Sommer 2005: Die Soko „Bosporus“ wird gegrĂŒndet, soll eine Mordserie in NĂŒrnberg aufklĂ€ren, und geht von Mafiastrukturen unter Migranten aus. Wieder leitet derselbe Polizist die Ermittlungen – Wolfgang Geier. Die Spur scheint schnell klar und wird akribisch verfolgt: In Deutschland lebende TĂŒrken werden ins Visier genommen, in der Öffentlichkeit ist salopp von den „Döner-Morden“ die Rede. SpĂ€ter ist klar – die Mörder gehören zum NSU. Schwere IrrtĂŒmer in beiden Ermittlungen.

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Die Verbindung zwischen NSU und Peggy liefert nicht nur der Ermittler, sondern auch eine DNA. Sommer 2016: Teile des Skelettes von Peggy tauchen in einem ThĂŒringer WaldstĂŒck auf. Am Fundort der getöteten SchĂŒlerin findet sich eine DNA-Spur von NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt. Eine Verunreinigung bei der Spurensicherung, so die Ermittler, die in beiden FĂ€llen tĂ€tig waren. Es ist eine Trugspur durch ein Textilteilchen. Querverbindungen zwischen zwei mysteriösen KriminalfĂ€llen.

Der NSU und die Kinder

Hinweise auf Kindesmissbrauch finden die NSU-Ermittler immer wieder. Im Oktober 2011 wird ZschĂ€pe mit einem vier- bis fĂŒnfjĂ€hrigen MĂ€dchen gesehen "Ich glaube, es hat Mama gesagt", sagt eine Zeugin. Sie ist Angestellte einer Verleihfirma, die Wohnmobile vermietet.

In dem spĂ€ter ausgebrannten Wohnmobil von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos finden Ermittler auch Kinderkleidung und Spielzeug. Das Wohnmobil nutzen die Terroristen fĂŒr einen Überfall in Eisenach 2011, erschießen sich darin, als die Polizei ihnen auf die Schliche kommt. Der Wohnwagen brennt ab. Die Herkunft der Kindersachen – Ă€hnlich unklar wie bei einem Fund in der Zwickauer Wohnung des NSU-Trios, die Beate ZschĂ€pe am 4. November 2011 in Asche legt. Im Brandschutt wird Kinderporno-Material entdeckt. Die HintergrĂŒnde bleiben unklar und ungeklĂ€rt. Das Terror-Trio steht im Übrigen auch in Verbindung mit Enrico T., der laut Bundesanwaltschaft als NSU-Waffenbeschaffer gilt. Er wird in Verbindung gebracht mit dem Mord am neunjĂ€hrigen Bernd, der 1993 verschwindet und nach zwölf Tagen am Ufer der Saale in Jena tot aufgefunden wird. Der Fall ist bis heute ungeklĂ€rt, derzeit prĂŒft die Sonderkommission "AltfĂ€lle" aber neue DNA-Beweise.

Die Ku-Klux-Klan-Verbindung bei der Polizistin

Eine weitere Spur: MichÚle Kiesewetter ist Polizistin, wird 2007 NSU-Mordopfer. Zum Tatzeitpunkt ist sie bei der Böblinger Bereitschaftspolizei. Zwei der Beamten dieser Gruppe sind bis 2002 Mitglieder des rassistischen Geheimbundes "Ku-Klux-Klan". Noch beÀngstigender: Eines der beiden Ex-Klan-Mitglieder ist zum Tatzeitpunkt der Chef von MichÚle Kiesewetter.

Ein verschwörerisches Netzwerk in den Sicherheitsbehörden? Das Urteil der Untersuchung besagt, es gebe keinen Anhaltspunkt dafĂŒr, dass Kollegen aus Böblingen mit der Tat zu tun haben. Fakt ist: Neun der zehn Morde verĂŒbte das NSU-Trio mit einer Pistole vom Typ "Ceska", in Heilbronn bei Polizistin Kiesewetter waren es andere Pistolen, eine polnische Radom und eine russische Tokarew.

Tote Zeugen im Fall Kiesewetter

Welche HintergrĂŒnde hat der Heilbronner Polizistenmord noch?

Im Januar 2009 stirbt Arthur C., er verbrennt in seinem Auto auf einem Waldparkplatz bei Heilbronn. Es soll Suizid sein. C's Name taucht mehrfach in Akten zum Heilbronner Polizistenmord auf.

Thomas R.: R. hat Kontakte zum Geheimbund Ku-Klux-Klan. Sein Name steht auf einer Telefonliste des NSU, die schon 1998 in ThĂŒringen sichergestellt wird. Doch R. arbeitet auch unter dem Decknamen „Corelli“ als V-Mann fĂŒr den Verfassungsschutz. Nach seiner Enttarnung lebt er spĂ€ter in einem Zeugenschutzprogramm und wird im April 2014 tot in seinem Haus in Paderborn aufgefunden. Die Todesursache beim 39-JĂ€hrigen: eine unentdeckte Diabeteserkrankung. Eine Vergiftung wird nicht ausgeschlossen. Darum rollt die Staatsanwaltschaft den Fall zwischendurch zumindest wieder auf.

Landeskriminalamt und Landtagsuntersuchungsausschuss vernehmen auch Florian H.. Er gehört um 2007 der rechten Szene an und steigt aus. Angeblich erzĂ€hlt er seiner Verlobten, bevor der NSU auffliegt, dass er weiß, wer Polizistin Kiesewetter ermordet hat. Am 16. September 2013 soll Florian H. zum LKA – und stirbt Stunden vorher beim Brand seines Peugeot auf der Cannstatter Wasen bei Stuttgart. Ein mutmaßlicher Selbstmord – kurz nach der Trennung von seiner Freundin.

Das ist Melisa M. Im MĂ€rz 2015 stirbt Florian H.'s Ex-Freundin – mutmaßliche Mitwisserin beim Polizistinnen-Mord – nach einem Motorrad-Unfall und einen Monat nach ihrer Aussage im NSU-Ausschuss. Beim Unfall prellt sie sich das Knie. Laut Obduktionsbericht stirbt sie aber wenig spĂ€ter an einer Lungenembolie, die in Folge einer Thrombose entstanden sei. Ermittler prĂŒften auch eine Vergiftung.

Ihr neuer Freund und Verlobter Sascha W. nimmt sich im Februar 2016 laut Ermittlungsbehörden das Leben. Der 31-JĂ€hrige wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Nach ganzen fĂŒnf Monaten heißt es seitens der Behörden, es gebe „keine Anhaltspunkte fĂŒr Drittverschulden, alles deutet auf Suizid hin.“

Hinzu kommen vier weitere Zeugen, die altersbedingt oder nach Erkrankungen im Rahmen der Ermittlungen und Vernehmungen rund um den Polizistenmord sterben. Wie Corinna B.. Die 46-JĂ€hrige stirbt Anfang 2017 kurz vor der Vernehmung durch den NSU-Untersuchungsausschuss Baden-WĂŒrttemberg; laut Landtag nach schwerer Krankheit im Pflegeheim. FrĂŒher hat sie einen direkten Draht zum NSU-Terror-Trio.

Beobachter haben Zweifel. „Da stimmt was nicht. Das ist zu viel des Zufalls. Da schwirrt eine Angst herum, die nicht erklĂ€rt ist, die aber meines Erachtens auf eine Gewaltstruktur von rechtsextremer und organisierter KriminalitĂ€t verweist. Das ist die Herausforderung an die Sicherheitsbehörden, der sie bisher nicht gerecht geworden sind“, sagt der Politikwissenschaftler Hajo Funke 2017 dem WDR.

Der Verfassungsschutz gibt kein gutes Bild ab

Eine besonders fragwĂŒrdige Rolle spielt der frĂŒhere VerfassungsschĂŒtzer Andreas Temme. Beim Mord an dem Kasseler InternetcafĂ©-Betreiber Halit Yozgat 2007 ist er am Tatort, will aber nichts von der Tat bemerkt, die SchĂŒsse nicht gehört haben. TĂ€ter und Opfer habe er nicht gesehen. Laut rekonstruiertem Tatablauf hĂ€tte Temme gerade mal rund 40 Sekunden Zeit gehabt, das CafĂ© zu verlassen und in sein Auto zu steigen, ohne dass die TĂ€ter ihm ĂŒber den Weg gelaufen wĂ€ren. Die Staatsanwaltschaft aber stellt das Verfahren gegen ihn ein. Der Richter im NSU-Prozess Manfred Götzl hat zudem keine Zweifel an der GlaubwĂŒrdigkeit des VerfassungsschĂŒtzers.

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Ende 2011: Der NSU wird enttarnt. Beim Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz und in mehreren Landesbehörden werden Akten zur Terrorzelle und ihrem Umfeld vernichtet. Löschfristen seien eigenen Angaben zufolge abgelaufen. Die Aktion „Konfetti“ am 11.11.2011 in Köln betrifft Informationen, Kontakte und HintergrĂŒnde ĂŒber sieben ThĂŒringer V-Leute.

Der hessische Verfassungsschutz verhĂ€ngt fĂŒr eine NSU-Akte ĂŒber die Rechtsterroristen gleich eine Sperrfrist bis 2134. 120 Jahre kein Zugang zu den streng geheimen Unterlagen, die behandeln, was der Verfassungsschutz zur extremen rechten Szene zusammengetragen und dabei ernst genommen oder ignoriert hat.

Der Fall scheint trotz Fragen und Fakten klar

In mehreren der zehn MordfĂ€lle haben Zeugen fĂŒr Phantombilder von möglichen TĂ€tern oder MittĂ€tern gesorgt, die ganz und gar nicht zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt oder Beate ZschĂ€pe passen. Trotz all dieser Fakten und Fragen geht die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklageschrift gegen Beate ZschĂ€pe von einer "singulĂ€ren Vereinigung aus drei Personen" aus, wenn es um die NSU-Verbrechen geht.

Von toten Kindern und Zeugen bis hin zu geschredderten Akten: Zur Zufriedenheit beantwortet sind viele Fragen rund um den NSU noch lÀngst nicht. Die Angehörigen der NSU-Opfer vermuten daher hinter dem Terror-Trio ein viel umfassenderes Nazi-Netzwerk.

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