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Anti-Corona-Maßnahmen-Demo in Berlin: Wer sind die protestierenden Menschen?


Wer sind die Menschen, die sich Corona-Kritiker nennen?

  • Florian Schmidt
Von Florian Schmidt & Daniel Rosenthal (Fotos)

Aktualisiert am 02.08.2020Lesedauer: 4 Min.
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Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni: Dicht an dicht drängen sich die Teilnehmer auf dem Boulevard im Berliner Tiergarten.Vergrößern des Bildes
Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni: Dicht an dicht drängen sich die Teilnehmer auf dem Boulevard im Berliner Tiergarten. (Quelle: Daniel Rosenthal/T-Online-bilder)

Kein Abstand, keine Masken: Tausende sind am Samstag gegen die Corona-Einschränkungen in Berlin auf die Straße gegangen. Als Spinner bezeichnen sie deshalb viele. Doch sind sie das wirklich?

Udo N. hat einen weiten Weg auf sich genommen, um seinem Ärger Luft zu machen. Mehr als 300 Kilometer liegen zwischen dem Berliner Regierungsviertel und seine Heimatstadt Minden in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit Tausenden Demonstranten läuft er an diesem Samstag durch das Zentrum der Hauptstadt. Einer seiner Gründe dafür prangt in großen Buchstaben auf einem Schild, das er vor sich her trägt: "Stop Zwangsimpfung" ist darauf zu lesen.

"Es wird massiv in unsere Grundrechte eingegriffen", sagt er. "Wir wollen zeigen, dass wir uns die Meinungsfreiheit in diesem Land nicht nehmen lassen." Udo N., der seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen will, ist von Beruf Künstler. Er arbeitet unter anderem als Töpfer, würde von Frühjahr bis Herbst sonst eigentlich auf Mittelaltermärkten sein Geld verdienen.

Wegen der Corona-Pandemie aber wurden sämtliche Veranstaltungen dieser Art abgeblasen. "Ich habe seit vier Monaten keine Einkünfte mehr", berichtet er.

"Natürlich gibt es das Virus"

Zwar zähle er nicht zu jenen, die die Existenz des Coronavirus leugneten. "Natürlich gibt es das Virus", sagt er. "Aber die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen ist nicht gegeben. Und ich will nicht, dass es noch schlimmer wird, zum Beispiel mit einer Impfpflicht, die uns in unserer Entscheidungsfreiheit einschränkt."

Dass Udo N. repräsentativ für die nach Polizeiangaben rund 20.000 Demonstrationsteilnehmer steht, lässt sich nicht so leicht sagen. Tatsächlich ist es eine bunte Mischung an Leuten, die bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius durch Berlin zieht.

Ganze Familien sind mit ihren Kindern angereist, Menschen aus Oldenburg, Stuttgart, aus dem Allgäu. Viele tragen Shirts mit der Aufschrift "Erkennen. Erwachen. Verändern.", der Titel eines bekannte Verschwörungstheorien-Buches. Junge Frauen und Männer sind zu sehen, die bei lauter Musik "das Ende der Pandemie" tanzend feiern, Linke mit "Nazis raus"-Pullis.

Auffällig ist aber auch: Unter den Demonstranten tragen viele Deutschland-Flaggen. Auch offenkundige Neonazis mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Anhänger der Reichsbürger-Bewegung mit der schwarz-rot-goldenen Norwegen-Fahne (Wirmer-Flagge) sind unter den Demonstranten.

Was alle eint: die per Auflage eigentlich vorgeschriebene Mund-Nasen-Bedeckung trägt fast niemand. Und auch an die Abstandsregeln, auf die die Veranstalter der Kundgebung im Anschluss an die Demo mehrfach hinweisen, hält sich kaum einer. Dicht an dicht drängen sich die Teilnehmer bisweilen auf der Straße.

Wortgefechte mit Gegendemonstranten

Später wird genau das dafür sorgen, dass die Polizei die Versammlung auflöst; dafür, dass Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Proteste mit den Worten "Ja, Demonstrationen müssen auch in Corona-Zeiten möglich sein. Aber nicht so." kommentiert.

Zunächst allerdings trottet der Demozug weiter über den warmen Berliner Asphalt. Zu gewaltsamen Zwischenfällen kommt es nicht, die Demonstration bleibt weitestgehend friedlich. An mehreren Stellen passieren die Protestierenden kleinere Gruppen von Gegendemonstranten, die durch ihre Atemschutzmasken "Ihr marschiert mit Nazis und Faschisten" skandieren. Die Kritiker der Corona-Maßnahmen antworten den Gegendemonstranten mit "Sehen wir aus wie Nazis?", um gleich darauf zu "Merkel muss weg"-Sprechchören anzusetzen.

Eine ähnliche Meinung vertritt auch Ines M., die gemeinsam mit einer größeren Gruppe aus Baden-Württemberg angereist ist. Sie ist Krankenschwester, betreut sowohl Klinikpatienten als auch ältere Menschen. Sie sagt: "Ich habe in den vergangen Monaten im Krankenhaus keinen Corona-Patienten zu Gesicht bekommen."

Dass das daran liegt, dass die präventiven Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gut gewirkt haben, dass gerade wegen der Einschränkungen, gegen die sie demonstriert, das Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen gestoßen ist, lässt sie nicht gelten. "Grundlegende Hygienevorschriften gab es schon vor Corona, das galt ohnehin schon", sagt sie. Eine Maskenpflicht, wie sie Gesundheitsexperten immer wieder verteidigen, bräuchte es deshalb nicht.

Handelt es sich beim Gros der Demonstranten also vor allem um Bürger, die sich um die Einschränkungen ihrer Rechte sorgen?

Ganz klar wird das – zumindest im Gespräch – nicht. Zwar lassen einige Demo-Teilnehmer durchaus erkennen, dass sie an geheime Mächte glauben, die die Welt steuern, und vor allem: dass sie unzufrieden sind mit der Bundesregierung. Allerdings sind bei weitem nicht nur Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker und radikale Spinner sowie rechte Esoteriker unter den Demonstranten – sondern auch zahlreiche Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Ärztinnen, die die Daten des Robert Koch-Instituts hinterfragen oder Kneipenwirte, die vor dem Ruin stehen.

Diese allerdings bekommen auf der Bühne der Kundgebung keinen Raum. Dort gibt im Anschluss an den Demozug Michael Ballweg von der Stuttgarter Corona-Leugner-Initiative "Querdenken 711" den Ton an.

Zum Rücktritt der Regierung ruft er unter johlendem Beifall auf, anschließend attackiert ein Redner die "Lügenpresse". Von der angeblichen Weltverschwörung unter Anführung des Microsoft-Gründers Bill Gates ist mehrfach die Rede und davon, dass die Politik das Volk bewusst im Dunkeln halte. Selbst der Mauerfall, die friedliche Revolution von 1989, heißt es auf der Bühne, sei einst von langer Hand aus Amerika geplant worden.

Nicht zuletzt angesichts der jüngst gestiegenen Corona-Fallzahlen, dem Ignorieren aller Hygieneregeln, drängt sich Beobachtern der Veranstaltung deshalb doch der Eindruck auf, den am Abend auch Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) per Twitter teilte: "Was wir heute erlebt haben, war über die Maßen irrational."

Verwendete Quellen
  • Gespräche mit Demonstranten
  • Eigene Eindrücke vor Ort
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