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Taliban erobern Afghanistan: Wie konnte sich Heiko Maas nur so verschätzen?


Wie konnte sich Maas nur so verschätzen?


16.08.2021Lesedauer: 4 Min.
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Heiko Maas bei einem Besuch in Afghanistan: Der Außenminister steht wegen seiner Fehleinschätzung der Lage am Hindukusch in der Kritik.Vergrößern des Bildes
Heiko Maas bei einem Besuch in Afghanistan: Der Außenminister steht wegen seiner Fehleinschätzung der Lage am Hindukusch in der Kritik. (Quelle: Florian Gärtner/photothek.de/imago-images-bilder)

Afghanistan gehört den Taliban, fluchtartig muss deutsches Botschaftspersonal das Land verlassen. Für Außenminister Maas war das kürzlich noch undenkbar

Die Taliban patrouillieren bereits die Straßen, am Flughafen fallen Schüsse und noch immer sind deutsche Staatsbürger und einheimische Ortskräfte in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Islamisten haben binnen weniger Tage nach dem internationalen Truppenabzug das Land überrannt und nun sogar die Hauptstadt übernommen.

Der Westen hat kaum Zeit, die eigenen Bürger in Sicherheit zu bringen, geschweige denn die vielen Einheimischen, die ebenfalls verzweifelt versuchen, vor der islamistischen Schreckensherrschaft zu flüchten.

Was der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung für die deutschen Evakuierungsbemühungen in Afghanistan bedeutet, ist noch unklar. Die deutsche Reaktion kommt spät, für viele zu spät. Erst kommende Woche soll der Bundestag über die Entsendung deutscher Soldaten abstimmen. Sicher scheint allerdings, dass der Flughafen nicht mehr lange gehalten wird.

Menschen klammern sich an Flugzeuge

Zwar sind am Morgen drei Bundeswehrmaschinen Richtung Kabul aufgebrochen. Sie sollen laut Informationen von t-online rund 10.000 Menschen in Sicherheit bringen. Ob sie tatsächlich landen und wieder abheben können, weiß aber niemand.

Tausende laufen in Panik auf dem Flughafen umher, wo US-Soldaten schwerbewaffnet den chaotischen Rückzug sichern. Videobilder zeigen Menschen, die sich an eine abhebende Maschine des US-Militärs klammern und schließlich aus enormer Höhe hinabstürzen. Der Flugverkehr ist eingestellt.

Von örtlichen Sicherheitskräften ist derweil keine Unterstützung mehr zu erwarten. Aus dem Netz der Bundeswehr wurde am Morgen der Wikipedia-Eintrag zur Afghanischen Nationalarmee (ANA) überarbeitet: "Seit Machtübernahme der Taliban am 17./18.08.2021 besteht Unklarheit darüber, ob und wie die ANA erhalten bleibt."

Es ist eine nüchterne Feststellung und gleichzeitig ein bitteres Resümee eines Einsatzes, der 20 Jahre lang den Aufbau eines staatlichen Sicherheitsapparates zum Ziel hatte, der nun im Ernstfall binnen weniger Wochen kollabierte.

"Nicht die Grundlage meiner Annahmen"

Der schnelle Vorstoß der Taliban und der damit einhergehende Zusammenbruch der afghanischen Armee scheinen das Auswärtige Amt völlig auf dem falschen Fuß erwischt zu haben. Noch Mitte Juni sprach Außenminister Heiko Maas (SPD) im Bundestag rückblickend Worte, an denen sein außen- und sicherheitspolitisches Verständnis möglicherweise künftig gemessen wird: "All diese Fragen haben ja die Grundlage, dass in wenigen Wochen die Taliban in Afghanistan das Zepter in der Hand haben – das ist nicht die Grundlage meiner Annahmen."

Die Annahmen des deutschen Außenministers waren also offenkundig falsch – mit tödlichen Folgen. Das erkannte er offenbar auch selbst. Als er am Montagnachmittag vor die Presse trat, räumte er Fehler ein. Es gebe nichts zu beschönigen: "Wir alle – die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft – wir haben die Lage falsch eingeschätzt."

Wie konnte es also dazu kommen, dass nicht nur Deutschland, sondern auch US-Präsident Joe Biden bis zum Schluss glaubte, Kabul werde noch mehrere Wochen oder Monate frei bleiben?

Fehlende Ausrüstung und Unterstützung

Zumindest seit einigen Wochen war absehbar, dass das seit zwei Jahrzehnten gebaute Sicherheitsgerüst nicht lange stehen bleiben würde. Zunächst waren es einige Stützpunkte, dann waren es Straßen, dann waren es ganze Bezirke: Der Vormarsch der Islamisten schien nicht aufzuhalten. Dazu trug offenbar bei, dass die Zentralregierung ihren Einheiten immer weniger Unterstützung zukommen ließ.

Die "New York Times" berichtete vom wiederkehrenden Vorwurf an nahezu allen Fronten, es fehle an Munition, Luftunterstützung und Essen. Die aussichtlose Lage gipfelte demnach meist darin, dass Kommandeure den Taliban ihre Ausrüstung gegen freies Geleit überließen.

Eine Entwicklung, die sich bereits seit Monaten abzeichnete, wie die "Washington Post" berichtet. Dafür sei wohl auch die Vereinbarung der US-Regierung mit den Taliban zum Truppenrückzug ausschlaggebend gewesen. Viele sahen den Kampf ohne die Verbündeten offenbar als verloren an.

"So wäre dies vermeidbar gewesen"

Das blieb auch der deutschen Botschaft in Kabul nicht verborgen, die einem Bericht der ARD zufolge bereits seit Wochen vergeblich vor einer möglichen Gefährdung ihres Personals warnte.

Die ARD zitiert aus dem letzten Lagebericht an das Auswärtige Amt: Den "dringenden Appellen der Botschaft über längere Zeit" sei erst in dieser Woche "Abhilfe geschaffen" worden. "Wenn das an irgendeiner Stelle diesmal schief gehen sollte, so wäre dies vermeidbar gewesen."

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Die Opposition übt deswegen scharfe Kritik am Krisenmanagement der Bundesregierung. "Ich gehe nicht davon aus, dass sie noch irgendeinen afghanischen Helfer rausholen können. Das ist vorbei", sagte Omid Nouripour, der außenpolitische Sprecher der Grünen, t-online. Der Fokus der Bundesregierung habe auf Abschiebungen gelegen – und nicht auf der Rettung von Menschenleben. Grünen-Vize Jamila Schäfer nannte das "geballte Inkompetenz", die aus "tödlichem politischen Kalkül" die Frage der Evakuierung nicht habe behandeln wollen.

Selbst aus den eigenen Reihen wurde harsche Kritik an den Regierungsparteien laut. Außen- und Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter (CDU) nannte die Entscheidung seiner Fraktion im Bundestag, einen Antrag der Grünen zur Aufnahme von Afghanistan-Helfern der Bundeswehr im Juni abgelehnt zu haben, einen "großen und gravierenden Fehler". Wie groß der Fehler war, wird möglicherweise erst in Wochen abzusehen sein. Wenn fest steht, wer nicht mehr gerettet werden konnte.

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