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So hat sich der Krawall-Abend entwickelt

Von Felix Huesmann

Aktualisiert am 28.08.2018Lesedauer: 5 Min.
Chemnitz am frĂŒhen Montagabend: Rechte demonstranten und Polizisten stehen sich im Stadtzentrum gegenĂŒber.
Chemnitz am frĂŒhen Montagabend: Rechte Demonstranten und Polizisten stehen sich im Stadtzentrum gegenĂŒber. (Quelle: Sebastian Willnow/dpa-bilder)
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Sprechchöre, Hitlergruß, FlaschenwĂŒrfe. Gestern standen sich gewaltbereite Rechtsextreme und Gegendemonstranten in Chemnitz gegenĂŒber, die Polizei hatte nicht genĂŒgend Leute im Einsatz. FĂŒnf Szenen, die zeigen, wie sich die Krawalle entwickelt haben.

Die Schweigeminute

17.50 Uhr. Stadthallenpark im Chemnitzer Stadtzentrum. Hier haben sich bereits Hunderte Gegendemonstranten versammelt. Sie wollen nach der rechtsextremen Gewalt des Vortags gegen Neonazis und Rassismus protestieren – nur einen Katzensprung vom Versammlungsort der Rechten entfernt.

Zur Gegendemo hatte auch die Chemnitzer Band Kraftklub aufgerufen. Hunderte Demonstranten waren aus Leipzig und anderen StÀdten angereist. Die Stimmung im Stadthallenpark ist zunÀchst gut. Nach den hÀsslichen Szenen vom Sonntag wollen die Menschen hier zeigen, dass Rechtsextremismus und Gewalt in Chemnitz nicht unwidersprochen bleiben.

Es geht dabei jedoch nicht nur um die Gewalt von rechts, sondern auch um die Gewalttat, die der Auslöser der Proteste und Krawalle war. In der Nacht zum Sonntag war ein 35-JĂ€hriger in der Chemnitzer Innenstadt bei einer Auseinandersetzung mit mehreren MĂ€nnern tödlich mit einem Messer verletzt worden. FĂŒr ihn halten die Demonstranten im Stadthallenpark eine Schweigeminute ab.

Kurz darauf wird es jedoch laut: DrĂŒben am Karl-Marx-Monument, wo sich die Rechtsextremen sammeln, tut sich etwas. Einige Gegendemonstranten rennen an den Rand des Parks, rufen den Rechten ĂŒber BĂŒsche, Polizeifahrzeuge und die Straße Parolen zu. "Nazis raus" etwa, und "Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda". Von rechts schallt es zurĂŒck. "Merkel muss weg", "Wir sind das Volk" und spĂ€ter immer wieder "Deutschland den Deutschen, AuslĂ€nder raus".

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Chemnitz am Montagabend: Rechtsextreme laufen nach dem Mord an einem 35-JĂ€hrigen auf
Chemnitz am Montagabend: Rechtsextreme laufen nach dem Mord an einem 35-JĂ€hrigen auf. (Quelle: Jens Meyer/ap-bilder)

Der Hitlergruß

Die Rechtsextremen auf der einen Seite, die Gegendemonstranten auf der anderen. Dazwischen Polizisten, Journalisten und sich vermischende Sprechchöre. So bleibt die Lage zunĂ€chst fĂŒr eine ganze Weile. Rund um den ikonischen Kopf des Kommunisten Karl Marx kocht die Stimmung bei den Teilnehmern der rechtsextremen Kundgebung jedoch immer weiter hoch. Aus Parolen werden zunehmend aggressive Pöbeleien. Wie eine Trauerkundgebung wirkt hier nichts mehr.

Gegen 18.45 Uhr setzt sich dann auf einmal ein Teil der rechten Demonstranten in Bewegung – ohne Absprache mit der Polizei. Hunderte drĂ€ngen auf die Straße, die Polizisten haben zunĂ€chst MĂŒhe, sie zurĂŒckzudrĂ€ngen. Wie ein betrunkener Fußball-Chor rufen einige Rechtsextreme den Gegendemonstranten "Zeckenschweine" zu. Ein Mann zeigt direkt vor den Augen der Polizisten den Hitlergruß. Die Polizei tut nichts. Man habe keine einzelnen Personen aus der Demonstration gezogen, um die Lage nicht eskalieren zu lassen, wird die Polizei spĂ€ter mitteilen. Die Szene markiert den Beginn des erneuten Kontrollverlusts der Polizei.

Die erste Eskalation

Ein ZurĂŒck zu einer friedlichen Grundstimmung gibt es jetzt nicht mehr. Die rechtsextremen Demonstranten werden mit jeder Minute aggressiver. Immer wieder pöbeln einzelne von ihnen Journalisten an, werfen mit wĂŒsten Beleidigungen um sich. Die Organisatoren der Demo, die von der rechtsextremen Gruppe "Pro Chemnitz" angemeldet wurde, versuchen zwischendurch sogar noch, ihre Leute in Schach zu halten. Das hat jedoch keine Aussicht mehr auf Erfolg.

Gegen 19.50 Uhr eskaliert die Situation schließlich zum ersten Mal. Irgendein geworfener Gegenstand macht den Anfang, dann fliegen Flaschen zwischen den Rechtsextremen und den Gegendemonstranten am Rande des Parks hin und her. Dazwischen stehen Polizisten und Journalisten. Einige der Neonazis hatten offenbar fĂŒr diese Situation vorgesorgt. Sie werfen mit Böllern und Bengalos. Die Polizei versucht mĂŒhsam, die Rechtsextremen zurĂŒckzudrĂ€ngen. Die beiden Wasserwerfer, die gut hundert Meter entfernt geparkt waren, werden vorgefahren. Zum Einsatz kommen sie jedoch den ganzen Abend ĂŒber nicht.

Etwa eine Viertelstunde spĂ€ter setzt sich die rechtsextreme Demo dann schließlich in Bewegung. Dabei rufen die Demonstranten lautstark "Wir sind das Volk". Bereits auf den ersten Metern kommt es zu Gewalt. Aus der Spitze der Demonstration stĂŒrmen Neonazis auf die Polizei zu, greifen Beamte an, stellen sich in Boxerpose vor ihnen auf.

An den Seiten laufen Polizisten mit und begleiten die Demo, die mittlerweile immer mehr zum Mob wird. Nach vorne haben die Rechtsextremen jedoch fast freies Feld. Auch außerhalb der Demonstration können sich einzelne Neonazis frei bewegen und bedrohen immer wieder Journalisten.

Die Polizei hat spĂ€testens jetzt die Kontrolle ĂŒber die Situation verloren.

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Der Einbruch der Dunkelheit

20.20 Uhr. Die Stimmung rund um die Demonstration wird zunehmend beĂ€ngstigender – und jetzt wird es auch noch langsam dunkel. Vor einem Wohnhaus droht die Lage erneut zu eskalieren. Ein Böller explodiert vor dem Haus, es bleibt zunĂ€chst unklar, ob er aus dem Haus oder auf das Haus geworfen wurde. Hinter einem der Fenster befindet sich anscheinend ein Gegendemonstrant. Mehrere Hundert Rechtsextreme bleiben vor dem Haus stehen, skandieren minutenlang "Holt ihn raus!".

Schließlich zieht die Demonstration weiter. Das Geschehen innerhalb der Demo zu dokumentieren, wird dabei immer schwieriger. Die meisten Journalisten laufen mittlerweile ein ganzes StĂŒck vor den Demonstranten und bewegen sich nicht aus der Sicht der wenigen Polizeibeamten.

Doch auch außerhalb der Demo wird die Lage zunehmend unĂŒbersichtlich. Gruppen organisierter Neonazis beginnen, sich abzusetzen und sind fortan ohne Polizeibegleitung unterwegs. Außerdem stoßen aus allen Richtungen immer wieder einzelne Personen zur Demo hinzu.

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Als die Demonstration am Tatort des Messerangriffs vorbeizieht, werden dort erneut Journalisten bedroht und weggeschubst. Aus der Masse hallt immer wieder "LĂŒgenpresse, LĂŒgenpresse".

Das völlige Chaos

21.00 Uhr. Die Demonstration ist nach ihrer Runde um die Chemnitzer Innenstadt zurĂŒck am Karl-Marx-Monument angelangt. Nach einigen Pöbeleien in Richtung der Gegendemonstranten, die hier immer noch in den Seitenstraßen stehen, und dem Singen der Nationalhymne, wird die Versammlung aufgelöst.

Das Chaos ist jedoch noch lĂ€ngst nicht vorbei. Die Tausenden Teilnehmer der rechtsextremen Demo strömen jetzt in verschiedene Richtungen. Die Polizei hat allerdings nicht einmal genug KrĂ€fte, um die Demonstranten an einem einzigen Ort in Schach zu halten. Immer wieder kommt es zu Gerenne in den umliegenden Straßen, die beiden Wasserwerfer werden hin und her gefahren. FĂŒr Journalisten werden weite Teile der Chemnitzer Innenstadt jetzt endgĂŒltig zur No-go-Area.

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An vielen Orten sind keine Polizisten mehr zu sehen, die Angriffe verhindern könnten. Ohne den Schutz der Beamten ist an ein Weiterarbeiten kaum zu denken. WÀhrend immer mehr Journalisten deshalb die Arbeit einstellen, kommt es zu weiteren Angriffen durch Neonazis.

Der Journalist Johannes Grunert berichtet gegen 21.35 Uhr, dass eine große Gruppe von Neonazis abreisende Gegendemonstranten angreift. Auch er wird attackiert. Ein Neonazi habe ihm das Handy aus der Hand geschlagen, schreibt er.

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Wenige Minuten spĂ€ter berichtet der Journalist Henrik Merker dann von einem weiteren Überfall auf einen Punk. Neonazis hĂ€tten in einer Gasse gelauert und den Mann blutig geschlagen.

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In der Nacht beruhigt sich die Lage in Chemnitz schließlich. Mittlerweile hat die sĂ€chsische Polizei sogar zugegeben, was Journalisten und Beobachter ihr den Abend ĂŒber bereits vorgeworfen hatten: Es waren viel zu wenige Polizisten im Einsatz. Die Polizei hatte nur mit Hunderten, nicht Tausenden Demonstranten gerechnet.

Bereits am Montagvormittag hatte der freie Journalist und Szenekenner Johannes Grunert im watson-Interview gesagt: "Ich denke, es ist nicht vermessen, dabei mit mehreren Tausend zu rechnen." Er sagte auch: "Was die Polizei dagegen macht, steht natĂŒrlich in den Sternen, es ist aber zu befĂŒrchten, dass die das – wenn auch auf einem anderen Niveau als gestern – erneut unterschĂ€tzen." Er sollte mit beiden Prognosen recht behalten.

Felix Huesmann recherchiert als Reporter fĂŒr t-online.de und watson.de in Chemnitz. Hier twittert er seine Ergebnisse und Erlebnisse.

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