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Deutschland muss "kriegstüchtig" werden? Boris Pistorius wiederholt Rhetorik


Neue Verteidigungspolitische Richtlinien
Kriegstüchtig? Im Ernst?

MeinungVon Christoph Schwennicke

Aktualisiert am 10.11.2023Lesedauer: 4 Min.
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Was Meinungen von Nachrichten unterscheidet.
Boris Pistorius in einem Panzer (Archivbild): Er will der Ukraine möglich viel Material schicken.Vergrößern des Bildes
Ein Gedienter als Minister: Verteidigungsminister Boris Pistorius in einem Panzer. (Quelle: IMAGO/David Inderlied)

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat es wiederholt: Er möchte, dass Deutschland wieder "kriegstüchtig" wird. Der Begriff ist unnötig und inakzetabel.

Mit Worten ist es wie mit Waffen. Der Umgang mit ihnen will geübt und gekonnt sein. Sonst geht ein Schuss auch mal nach hinten los. Oder man vergreift sich beim Kaliber.

So sah das zunächst auch bei Boris Pistorius aus. In einer "Berlin Direkt"-Sendung verkündete Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), Deutschland müsse wieder "kriegstüchtig" werden, mental und materiell. Was da in 30 Jahren "verbockt" worden sei, sei in den bisher 19 Monaten seiner Amtszeit nicht wieder aufzuholen. Was wie ein Versehen aussah, erwies sich jetzt als Vorsatz: Bei der Vorstellung der neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien hat der Verteidigungsminister den Begriff erneut benutzt, wahlweise auch in der Variante "kriegsfähig".

Ein völlig missratener Begriff

Kriegstüchtig? Kriegsfähig? Diese Vokabeln sind komplett daneben. Völlig missraten. Erklärbar allenfalls damit, dass Pistorius bislang in seiner Amtszeit als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt im Friedensfall von allen Seiten nur Lob und Preis abbekommen hat. Nicht einmal zu Unrecht.

Aber so etwas kann zur Selbsttrunkenheit führen, zum Glauben daran, dass jeder Handgriff sitzt und aus dem Mund nur noch Gold purzelt wie zuletzt bei seinem Kabinettskollegen Robert Habeck. Nicht einmal die berühmteste Bundeswehr-Schlagzeile im "Spiegel" benutzte vor 60 Jahren dieses Wort. "Bedingt kriegstüchtig"? Niemals wäre diese Zeile einem Rudolf Augstein bei allem Hass auf Franz Josef Strauß durchgerutscht.

Ich habe wie Boris Pistorius gedient. 15 Monate als Wehrpflichtiger. Die Übungen, die wir abgehalten haben, vollzogen sich immer zwischen Blauland und Rotland. Bei Rotland handelte es sich immer um den Aggressor, er kam immer aus dem Osten, einen konkreten Namen hatte Rotland jedoch nie.

Blauland gegen Rotland

Warum ist das der Rede wert? Weil auch damals im tiefsten Kalten Krieg, zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses, als sich sowjetische SS-20-Raketen und amerikanische Pershings auf deutschem Boden gegenüberstanden, nicht einmal mein reichlich primitiver Kompanie-Spieß gesagt hat, dass wir alle "kriegstüchtig" zu sein hätten. Es hieß "verteidigungsbereit". Die Bundeswehr war eine Verteidigungsarmee, dafür ausgelegt und ausgerüstet, einen Angreifer aufzuhalten oder zurückzuschlagen.

 
 
 
 
 
 
 

Kriegstüchtig zu sein impliziert aber auch, einen Angriffskrieg führen zu können und zu wollen. Pistorius hat mit diesem Begriff die ganze Tradition der Bundeswehr über den Haufen geredet. Man kann nämlich das Falsche sagen und das Richtige damit meinen. Und das Richtige, was er mit dem falschen Wort ausdrücken wollte, lautet: Dieses Land ist mental komplett demilitarisiert. Und materiell in großen Teilen auch.

Und weg war mit einem Mal die Panzerarmee

Als ich seinerzeit die 15 Monate zum Bund ging, machte mein bester Freund Zivildienst. Vorher war er noch zur Ferienarbeit bei einer großen mittelständischen Firma. Er wusch dort die Autos der Vorstände, einer davon fand ihn sehr sympathisch und fragte ihn, wann er denn seinen Wehrdienst ableisten werde. Mein Schulfreund beschied dem Herrn im gesetzteren Alter, dass er verweigert habe und Ersatzdienst leisten werde. "Was für eine Schande!", presste der Vorstand zwischen seinen Lippen hervor, nahm den Schlüssel und fuhr vom Hof.

Dieses Schandgefühl hatte dann umgekehrt ich im weiteren Verlauf der Jahre, wenn ich auf Partys, an der Uni oder sonstwo unter jungen Menschen einräumen musste, beim Bund gewesen zu sein. Das war so uncool und aus der Zeit gefallen. Denn mit dem Fall der Mauer und dem Ende der Blockkonfrontation schien der "Ewige Frieden" Immanuel Kants ausgebrochen zu sein. Krieg auf deutschem oder europäischem Boden war mit einem Mal undenkbar. Das ganze Land hatte eine Art Anti-Aggressions-Training hinter sich wie die Hauptfigur Alex in Stanleys Kubricks Klassiker "Clockwork Orange".

Die territoriale Panzerarmee der vergangenen 30 Jahre seit der Wiederbewaffnung erschien wie ein riesengroßer Haufen waffenstarrender Schrott. Von den 2.125 (west-)deutschen Leopard-2-Panzern des Jahres 1990 blieben 30 Jahre später nur mehr 328 übrig. Landesverteidigung hatte sich vermeintlich erübrigt. Auch die Wehrpflicht gehörte alsbald der Vergangenheit an. Aus Kostengründen. Rotland war plötzlich der neue Freund im Osten.

Heute wissen wir: ein fataler Irrtum. Ein Jahrhundert-Irrtum. Der auf dem Glauben fußte, das, was John Lennon in "Imagine" besungen hatte, könne Realität werden.

Doch nicht nur in Russland mit dem vormals umgarnten Wladimir Putin hatten sich alle getäuscht. Schon die Balkankriege hätten ein Weckruf sein können oder müssen, dass das pazifistische Zeitalter mitnichten angebrochen ist. Dass ewiger Friede eine Illusion ist, dass das Kriegerische der Menschheit leider innewohnt und man froh sein kann, einen Zustand der permanenten Abwesenheit von Krieg zu erreichen, aber leider nie John Lennons pazifistisches Paradies.

Deutschland ist null abwehrbereit

Die bittere Wahrheit lautet: Deutschland ist nicht "bedingt abwehrbereit", wie der "Spiegel" einst schrieb. Sondern null abwehrbereit. Ein hochgefährlicher Zustand. Das will uns Boris Pistorius sagen: Dass das Deutschland von heute weder materiell noch mental einem Angriff standhalten könnte. Er ist dabei verbal aber weit übers Ziel hinausgeschossen.

Verwendete Quellen
  • Berlin Direkt, eigene Erfahrungen
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