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Ausbildung auf der "Gorch Fock" ausgesetzt: Törn ins Ungewisse

Ausbildung auf "Gorch Fock": Törn ins Ungewisse

19.11.2010, 17:54 Uhr | Von Hasnain Kazim, Spiegel Online, Spiegel Online

Ausbildung auf der "Gorch Fock" ausgesetzt: Törn ins Ungewisse. Bundeswehr in schweren Gewässern: Nach einem tödlichen Unfall wird die Offiziersausbildung auf der "Gorch Fock" ausgesetzt - vorübergehend (Foto: dpa)

In schweren Gewässern: Nach einem tödlichen Unfall wird die Offiziersausbildung auf der "Gorch Fock" ausgesetzt - vorübergehend (Foto: dpa)

Eine Kadettin ist aus der Takelage der "Gorch Fock" zu Tode gestürzt - jetzt setzt das Flottenkommando die Ausbildung auf dem berühmten Schulschiff aus. Ein einmaliger Vorgang. Dennoch kann und will die Marine auf ihren stolzen Segler nicht verzichten.

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Die Entscheidung rief in Marinekreisen Verwunderung hervor. Die Ausbildung der Offiziersanwärter auf der "Gorch Fock", derzeit im Hafen von Salvador de Bahia in Brasilien, wird bis auf weiteres ausgesetzt. Der Grund: Anfang November war eine 25-jährige Kadettin beim Herunterklettern von ihrer Arbeitsposition im Großbramsegel, dem zweitobersten am mittleren Mast, auf das Deck gestürzt.

Ein tragischer Zwischenfall sei das, gewiss, ein Unglück, das die Besatzung belaste. Aber müsse man deshalb gleich die gesamte Ausbildung abbrechen, fragen sich manche Marineoffiziere, die selbst ihre Ausbildung auf der Dreimastbark absolviert haben. Sei das nicht sehr "unmilitärisch"? Es habe ja schon sechs tödliche Unfälle auf der "Gorch Fock" gegeben, noch nie sei deshalb die Ausbildung vorzeitig beendet worden. Gab es etwa eine Meuterei auf dem Schiff, weigerten sich womöglich die Kadetten, wieder an die Arbeit zu gehen?

Rücksicht auf die Seele

Auf keinen Fall, weist das Flottenkommando im schleswig-holsteinischen Glücksburg solche Spekulationen zurück. Man habe die Entscheidung mit der Schiffsführung besprochen und sei zu dem Schluss gekommen, dass die rund 70 Kadetten an Bord, allesamt angehende Offiziere, per Flugzeug nach Deutschland geflogen werden sollten.

Damit nehme die Marine Rücksicht auf die seelische Verfassung einiger Soldaten. "Das ist die ganz normale Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers gegenüber seinen Arbeitnehmern", sagt Fregattenkapitän Uwe Rossmeisl. Außerdem gebe man damit der Stammbesatzung, die weiter an Bord bleibt, und den Ermittlern die nötige Ruhe, den Vorfall zu untersuchen.

Nach bisherigen Erkenntnissen stellt sich der Vorfall als tragischer Unfall dar: Die junge Frau war nach Beendigung einer Übung in den Segeln beim Herunterklettern, in der Marine Abentern genannt, aus den sogenannten Wanten, den fest stehenden Seilen an den Seiten des Mastes, aus etwa 27 Metern Höhe auf das Deck gefallen. Vermutlich hatte sie den Halt verloren. Zwar war der zur Besatzung gehörende Bordarzt sofort zur Stelle, doch die Soldatin erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Ausbildung "mehr als antiquiert"?

Die Kadettin war seit mehr als dreieinhalb Jahren bei der Marine, zunächst als Unteroffizier. Ihr gefiel die Arbeit, sie entschloss sich, die Offizierslaufbahn einzuschlagen, bewarb sich und gehörte der "Crew VII/2010" an. Gut 200 junge Leute bekam die Marine in diesem Juli als angehende Führungskräfte dazu.

Eine zweimonatige Zeit auf der "Gorch Fock", "seemännische Grundausbildung" genannt, gehört zur Offiziersausbildung dazu. Hier sollen die Kadetten die Grundlagen der Seefahrt in der Praxis kennenlernen, Navigation, Wetter- und Knotenkunde, den Umgang mit dem Sextanten, die Auswirkungen von Wind und Wellengang. "Man kann die Naturgewalten nirgendwo besser erleben als auf solch einem Schiff", sagt Rossmeisl. "Nicht umsonst haben viele Marinen der Welt, zum Beispiel in den USA, in Italien, Frankreich und Chile, ein Segelschulschiff."

Manche Marineleute sehen das anders. Die Ausbildung auf der "Gorch Fock" sei "mehr als antiquiert", sagt ein Ex-Offizier. Die Erfahrung an Bord sei "nett, aber es bringt nicht wirklich was. Die Arbeit in der Takelage ist und bleibt gefährlich, daran lässt sich nichts ändern".

Gut für die Teambildung

Bei der Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt in Bremen, die für die Ausbildung von zivilen Seeleuten zuständig ist, sieht man die Segelausbildung ebenfalls kritisch: Die erforderlichen nautischen Fähigkeiten erlerne man auch auf jedem anderen Schiff, das technisch auf dem neuesten Stand sei.

"Allerdings hat so eine Segelausbildung natürlich auch zum Ziel, eine Crew zu formen", räumt der Geschäftsführer der Berufsbildungsstelle Holger Jäde ein. "Für die Teambildung ist so eine Sache natürlich toll, und da kann ich nachvollziehen, dass die Marine daran festhält."

Todesfälle trotz "strenger Sicherheitsbestimmungen"

Die deutsche Marineführung stellt die "Gorch Fock" jedenfalls nicht in Frage. In der 52-jährigen Dienstzeit der "Gorch Fock" sind bislang sechs Menschen im Dienst gestorben, davon alleine vier in den vergangenen zwölf Jahren:

  • Im September 1998 stürzt ein 19-jähriger Matrose aus dem Großmast aus etwa zwölf Metern Höhe auf das Holzdeck; die "Gorch Fock" ist auf See, nordwestlich von Skagen, der Verletzte wird per Hubschrauber in ein Krankenhaus im schwedischen Göteborg gebracht. Dort erliegt er seinen Kopfverletzungen.
  • Im Mai 2002 fällt erneut ein 19-Jähriger auf das Deck, 60 Seemeilen südöstlich von Island. Der Rettungshubschrauber trifft zu spät ein, der Wehrdienstleistende stirbt noch an Bord.
  • Eine 18-jährige Kadettin geht im September 2008 unter bis heute ungeklärten Ursachen während ihrer Wache bei unruhiger See nahe der Insel Norderney über Bord. Ihr Verschwinden wird rasch bemerkt, das Schiff beginnt eine Suchaktion - vergeblich. Zwei Wochen später finden Fischer die Leiche der Frau.
  • Der Absturz der 25-Jährigen ist der vierte Unfall mit tödlichem Ausgang seit 1998.

Warum kam es in den vergangenen zwölf Jahren zu vier tödlichen Unfällen auf der "Gorch Fock", in den vier Jahrzehnten davor aber nur zu zweien?

Nur Zufall?

In der Marineführung ist man überzeugt: Das ist Zufall. An den Arbeitsbedingungen habe sich "nichts Wesentliches" geändert in den gut fünf Jahrzehnten, seit die "Gorch Fock" 1958 in der Hamburger Werft Blohm & Voss vom Stapel gelaufen war. "Außerdem waren die vier vergangenen Unfälle ja alle sehr unterschiedlich", sagt Flottenkommando-Sprecher Rossmeisl. "Man kann da also keine Schlussfolgerungen über irgendwelche Mängel ziehen." Grundsätzlich sei aber sei klar, dass Seefahrt gefährlich sei. "Die Marine hat deshalb nicht umsonst so strenge Sicherheitsbestimmungen."

An den Regelungen für die Arbeit in den Segeln der "Gorch Fock" jedenfalls wird man wohl kaum noch etwas verbessern können. Die Soldaten klettern zunächst ohne Sicherung in die Takelage hinauf, später ebenso wieder hinab. Erst wenn sie an ihrer jeweiligen Arbeitsstation ankommen, sichern sie sich an den Rahen genannten Querbalken mit einem Karabinerhaken, der an einem Sicherheitsgurt befestigt ist. "Sich einpicken" nennt man das. "Nach jetziger Lage ist eine andere Lösung nicht in Sicht, wie sollte das gehen?", sagt Rossmeisl. "Das ist auf anderen Segelschiffen genauso."

Eine Hand fürs Schiff, eine für sich

Beim professionellen Segeln kommt es auch auf Schnelligkeit an, die Segel müssen rasch gesetzt oder eingeholt werden, die Segelstellung muss zügig verändert werden können, um auf Wind- und Wetteränderungen zu reagieren und das Schiff und die Besatzung nicht in Gefahr zu bringen.

Die Kadetten müssen daher möglichst zackig "auf- und abentern". Dabei lernen sie die Regel: "Eine Hand fürs Schiff, eine Hand für sich selbst." Sie sollen also immer ihre eigene Sicherheit im Kopf haben. Damit sie das lernen, üben sie die Arbeit in der Takelage zwei Wochen lang im Hafen, bei der sogenannten Segelvorausbildung. Erst dann sticht die "Gorch Fock" in See.

Doch auch diese Übungen sind gefährlich: Die 25-Jährige Kadettin, die jetzt ums Leben kam, war gemeinsam mit einem Teil ihrer Crew nach Brasilien geflogen worden und hatte erst Anfang November mit der Segelvorausbildung begonnen. Es war also kein Manöver in See, bei dem sie abstürzte.

Weiter ohne Kadetten

Die "Gorch Fock" wird ihre Südamerika-Reise nun mit der etwa 80 Soldaten starken Stammbesatzung fortsetzen. Dazu gehören die Offiziere, aber auch Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade.

Ohne Kadetten soll der Segler dann seine zweite wichtige Aufgabe neben der seemännischen Ausbildung erfüllen: die Repräsentation Deutschlands im Ausland.

Familienfeindlicher Dienstposten

Am 10. Dezember soll das Schiff in Buenos Aires (Argentinien), weiter über Montevideo (Uruguay), Valparaiso (Chile) nach Acapulco (Mexiko) segeln, bevor es über den Atlantik zurück in den Heimathafen Kiel geht. Dort wird die "Gorch Fock" nach rund 23.000 Seemeilen (42.500 Kilometer) am 25. Juni 2011 erwartet, rechtzeitig zur Kieler Woche. Sie wird dann mehr als zehn Monate unterwegs gewesen sein.

Die Stammbesatzung, darunter die Ausbilder der Kadetten, ist mit dem Schiff bestens vertraut. Sie verbringt in der Regel mehrere Jahre an Bord. Für die Soldaten gilt der Dienstposten auf der "Gorch Fock" als Traumverwendung in ihrer militärischen Karriere. Andere schreckt die körperliche Plackerei ab, von den extrem vielen Seetagen und der entsprechend langen Abwesenheit zu Hause ganz zu schweigen. "Seefahrt an sich ist ja schon familienfeindlich", sagt ein Offizier, "aber die 'Gorch Fock' ist die absolute Katastrophe."

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