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"Kerner Spezial": Talkshow über Afghanistan erntet Kritik

"Kerner zieht für den Kampf um TV-Quoten in den Krieg"

27.02.2013, 15:31 Uhr | Von Oliver Zimmermann. dapd, dapd

Viel Gefühlsduselei mit wenig Informationsgehalt - so lautet das Fazit des gestern gesendeten "Kerner Spezial". TV-Moderator Johannes B. Kerner hatte Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und dessen Frau Stephanie für die Aufzeichnung der Sat.-1-Sendung nach Afghanistan begleitet und dort eine Ausgabe seiner Talkshow aufgezeichnet. Gezeigt wurden viele rührselige Geschichten, aber wenige Fakten. Das Verteidigungsministerium verteidigte die Sendung als "Maßnahme der Informationsarbeit".

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Herzlich willkommen im Krisengebiet. Das war sie also, die erste deutschsprachige Magazinsendung, die vollständig in Afghanistan aufgezeichnet wurde. Am Donnerstagabend gab es das einstündige "Kerner Spezial" in Sat.1 zu sehen. Bereits Tage vor der Ausstrahlung hatte die Sendung ein breites Medienecho ausgelöst und war von Kritikern als "Kriegsbagatellisierung" bezeichnet worden.

Krieg für Quote

"Kerner zieht für den Kampf um TV-Quoten in den Krieg", lautete der Pressetenor über die gemeinsame Reise von Politik und Entertainment. Als wichtige "Maßnahme der Informationsarbeit" rechtfertigte wiederum das Verteidigungsministerium die Fahrt an den Hindukusch.

Die Sendung präsentierte sich vor diesem Hintergrund als bunte Mischung aus Magazinbeiträgen und lockeren Gesprächen im halboffenen Zelt. "So ist das Leben der Soldaten in Afghanistan wirklich", lautete bei alldem das Motto.

Emotionen sollen für Verständnis werben

Einspielfilme und Interviews rückten dabei die Menschen und weniger politische Inhalte ins Zentrum. "Erklären, erklären, erklären" wollte Guttenberg die Notwendigkeit des Einsatzes. Erklärt wurde aber herzlich wenig. Skizziert wurden dafür die Ängste von Angehörigen um ihre Lieben, die Tränen beim Abschied und die Erleichterung bei der Rückkehr der Soldaten.

"Wäre das Verständnis für den Einsatz größer, wenn die Menschen mehr darüber wüssten?", wollte Kerner im lockeren Plausch mit Guttenberg wissen. Der betont entspannt auftretende Verteidigungsminister bejahte. Und es wurde deutlich, dass die Sendung vor allem darauf abzielte, durch die Vermittlung von Emotionen Verständnis für die Soldaten zu wecken.

Immerhin wird die militärische Mission in Afghanistan laut einer aktuellen Forsa-Umfrage von Sat.1 inzwischen von 71 Prozent der Deutschen abgelehnt.

"So richtig glücklich war ich das letzte Mal vor Afghanistan"

"Die Menschen müssen den Einsatz nicht befürworten, aber sie sollten den Soldaten mehr Respekt entgegen bringen", verdeutlichte Guttenberg. Zu diesem Zweck wurden dramatische Einzelschicksale ins Zentrum gerückt. So schilderte die 25-jährige Rettungsassistentin Melinda Schuster, wie es sich anfühlt, einen Kameraden zu verlieren.

Ein 32 Jahre alter Soldat berichtete wiederum offen von seiner posttraumatischen Belastungsstörung. "So richtig glücklich war ich das letzte Mal vor Afghanistan", muss er bekennen.

Einzelschicksale im Eiltempo abgehakt

Vom Schrecken des Krieges fehlte trotz der emotionalen Schilderungen dennoch fast jede Spur. Der Feind blieb in diesem "Kerner Spezial", das im gefühlten Eiltempo durch die Einzelschicksale hetzte, ausgeblendet. Durch seine ungezwungene und seichte Umsetzung unterschied sich die Sendung kaum vom Standardprogramm.

Erst recht, als gegen Ende darüber gesprochen wurde, wie in Afghanistan Weihnachten gefeiert wird und dass es sogar einen Weihnachtsmarkt im Camp gibt. Mit Glühwein ohne Schuss. Die Talkrunde hätte auch genauso gut in einem deutschen Studio stattfinden können. Warum Johannes B. Kerner unbedingt mit dem Guttenberg-Tross mitreisen musste, erschließt sich nicht.

Seine Anwesenheit dürfte für die Soldaten eine willkommene Abwechslung gewesen sein, mehr aber auch nicht. Fragwürdige Fernsehunterhaltung mit minimalem Informationsgehalt.

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