Sie sind hier: Home > Politik > Deutschland > Militär & Verteidigung >

"Gorch Fock"-Meuterei: Bei der Bundeswehr geht es drunter und drüber

Bei der Bundeswehr geht es drunter und drüber

20.01.2011, 18:25 Uhr | dapd, dpa, AFP

Eigentlich wollte sich Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg um die Bundeswehrreform und die Afghanistan-Strategie kümmern. Derzeit sind es jedoch diverse unerfreuliche Vorkommnisse bei der Bundeswehr, die den Strahlemann des Kabinetts unter Druck setzen: Eine angebliche Meuterei nach dem tödlichen Unfall einer Offiziersanwärterin auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock", Vertuschungsvorwürfe nach dem Tod eines Soldaten in Afghanistan, schließlich das Rätsel um geöffnete Feldpost-Briefe.

Auf den ersten Blick scheinen all diese Vorfälle wenig miteinander zu tun zu haben. Aus der Opposition, aber auch von Seiten des Koalitionspartners FDP wird jedoch der Vorwurf des "Führungsversagens" erhoben - in erster Linie gegen verantwortliche Kommandeure und Soldaten der Bundeswehr, indirekt aber auch gegen den Minister als deren obersten Dienstherrn.

Anzeige

Weitere Nachrichten und Links

"Im Gegensatz zur sonstigen Eloquenz ist der Minister bei den aktuellen Vorfällen in der Bundeswehr in eine erstaunliche Sprachlosigkeit verfallen", sagte Thomas Oppermann, der Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, gegenüber der "Leipziger Volkszeitung".

Guttenberg selbst versprach eine vollständige Aufklärung des tödlichen Sturzes einer Offiziersanwärterin auf der "Gorch Fock" im vergangenen November. Zudem verwahrte er sich gegen Pauschalurteile über Soldaten. "Es ist die ganz überwältigende Mehrzahl, die einen erstklassigen Dienst leistet."

Vertuschungsversuch vor Merkels Besuch?

Im Fall des tödlichen Unfalls auf der "Gorch Fock" ist in einem Schreiben des Bundestags-Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) von Meuterei-Vorwürfen die Rede - erhoben gegen andere Offiziersanwärter, die nach dem Tod ihrer Kameradin die Crew angeblich gegen Schiffsoffiziere aufhetzten. Nach eigener Darstellung bemühten sie sich jedoch nur um die Aufarbeitung des Geschehens.

Nachdem die Marine als Folge des Unfalls entschieden hatte, die Ausbildung auf der "Gorch Fock" vorerst auszusetzen, wurden diese Soldaten offenbar aufgefordert, Unterlagen in dieser Sache zu vernichten. Zudem beklagten sich andere Soldaten bei dem Wehrbeauftragten, auf sie sei massiver Druck ausgeübt worden, in die Takelage des Schiffs zu klettern - obwohl dies eigentlich freiwillig ist. Das Schiff, das vor Argentinien unterwegs ist, wurde inzwischen zu Ermittlungen in den nächsten Hafen beordert.

Vertuscht werden sollte vielleicht auch der Fall des Soldaten, der im Dezember kurz vor dem Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in Afghanistan ums Leben kam. Er sei wohl beim Reinigen seiner Waffe ums Leben gekommen, hieß es damals. Jedoch starb der Mann möglicherweise durch einen Kopfschuss aus dem Gewehr eines Kameraden, der sich beim leichtsinnigen Spiel mit Waffen löste. Die Staatsanwaltschaft Gera prüft derzeit entsprechende Vorwürfe.

Kritik von der Opposition

Unklar bleibt unterdessen, warum Briefe von Soldaten aus dem afghanischen Bundeswehr-Feldlager Masar-i-Scharif sichtbar geöffnet wurden und teils unvollständig bei ihren Empfängern in Deutschland eintrafen. Auch hier ist die Bundeswehr dabei, der Sache auf den Grund zu gehen.

Zusammengenommen kann so der Eindruck entstehen, bei der Bundeswehr gehe es drunter und drüber. Königshaus selbst reagiert gelassen: "Wenn etwas schief geht, kommt noch etwas anderes meisten dazu." Er sieht auch keinen Grund, die Ausbildung auf der "Gorch Fock" grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Seine Fraktionskollegin Elke Hoff wird deutlicher. In der "Welt" bezeichnete sie die "Krisenreaktion der Bundeswehr in eigenen Angelegenheiten" als "erheblich verbesserungsbedürftig" und sprach offen von "Führungsversagen". Aus "Angst um die eigene Karriere" trauten sich offenbar Soldaten nicht, Missstände öffentlich zu machen.

Es könne nicht angehen, dass Soldaten, die im Auftrag von Kameraden nach dem Unfall auf der "Gorch Fock" bei Offizieren vorstellig wurden, der Meuterei bezichtigt würden, schimpft Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Ebenso wenig sei hinzunehmen, dass im Fall des in Afghanistan erschossenen Soldaten offensichtlich die Bundeswehr dem Bundestag Falschinformationen präsentiert habe.

Trittin äußert auch den Verdacht, die geöffneten Postsendungen könnten mit der Vertuschung dieses Vorfalls zu tun haben. Guttenberg soll nun zu all diesen Fragen Rede und Antwort stehen. SPD und Grüne wollen den CSU-Politiker deswegen vor den Verteidigungsausschuss des Bundestages zitieren. Die SPD sieht den Verteidigungsminister in der Pflicht. "Guttenberg muss die drei Vorgänge zur Chefsache machen", sagte SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
MagentaTV jetzt 1 Jahr inklusive erleben!*
hier Angebot sichern
Anzeige
30% auf alle bereits reduzierten Artikel!
bei TOM TAILOR
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal