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Drill auf der "Gorch Fock": Rekruten packen aus

"Du schaltest auf stumpf, sonst überlebst du nicht"

24.01.2011, 10:02 Uhr | t-online.de, dapd, dpa

Drill auf der "Gorch Fock": Rekruten packen aus. Die "Gorch Fock" vor Feuerland: Rekruten berichten über den Drill an Bord

Die "Gorch Fock" vor Feuerland: Rekruten berichten über den Drill an Bord (Quelle: AP/dpa)

Nach dem Tod einer Offiziersanwärterin auf der "Gorch Fock" packen jetzt Rekruten über den Drill an Bord aus. Eine Offiziersanwärterin beklagt psychischen Druck und Männlichkeitsgehabe. Ein weiterer Kadett berichtete in der "Bild-Zeitung" von skandalösen Sex-Wetten.

Die Rekrutin Maria S. (Name von der Redaktion geändert) fuhr als eine von wenigen weiblichen Offiziersanwärtern auf dem Segelschulschiff, als die Kadettin Sarah Lena Seele am 7. November aus der Takelage auf das Deck stürzte und dabei ums Leben kam. Sie spricht gegenüber der Nachrichtenagentur dapd von vorsintflutlichen Zuständen an Bord der "Gorch Fock". Geschlafen werde in Hängematten, Privatsphäre gebe es nicht, erzählt Maria S. Besonders als Frau habe man das Gefühl, sich aufgeben zu müssen. "Du schaltest auf stumpf; ansonsten überlebst du das hier nicht", berichtet sie.

Systematisches Schleifen

Maria S. beklagt systematisches Schleifen wie in einem schlechten Film: So müsse fürs Putzen auch mal eine Zahnbürste genutzt werden. "Wer nicht spurt, der fliegt - zuerst nach Hause, dann aus der Offiziersausbildung." Wenn Aufentern befohlen werde, müsse man in die Takelage. Alles andere sei Gehorsamsverweigerung.

Das größte Problem für die Kadetten sei der Schlafmangel. Wegen der ständigen Übermüdung würden die Offiziersanwärter Koffeintabletten schlucken. Es gebe Gerüchte, dass eine Offiziersanwärterin, die vor einem Jahr über Bord gegangen war, schlicht während der Wache eingeschlafen sei und deshalb über Bord fiel, erzählt die Rekrutin.

"Größter schwimmender Puff Deutschlands"

Zur Situation der Frauen an Bord sagt Maria S.: Es sei ein offenes Geheimnis, dass es auf der "Gorch Fock" sehr offenherzig zugehe. Besonders die Stammbesatzung rechne sich bei den weiblichen Kadetten, die ja meist jung und ledig sind, gute Chancen aus. Direkte sexuelle Übergriffe habe es nicht gegeben, aber manche Frauen hätten sich durch die zahlreichen eindeutigen Angebote bedrängt gefühlt. In Offiziersanwärterkreisen sei die "Gorch Fock" als "größter schwimmender Puff Deutschlands" verschrien.

Ein Rekrut, der anonym bleiben wollte, berichtete am Samstag in der "Bild"-Zeitung über den Unglückstag: "Sarah hatte einem Offizier gesagt, dass sie nicht mehr kann. Er antwortete, sie solle sich nicht so anstellen. Oben in der Takelage hat Sarah eine kurze Pause gemacht. Einer der Ausbilder fragte sie, ob sie aufgeben wolle. Sie sagte nein, es ginge schon. Dann ist sie abgestürzt."

Die Stimmung an Bord sei nach dem Unfall "extrem gereizt" gewesen. "Mit Meuterei hatte das nichts zu tun." Der "Bild"-Informant nimmt die beschuldigten Offiziersanwärter in Schutz und bezeichnet sie als "Sündenböcke". Ein Ausbilder soll gesagt haben: "Hier wird seit über fünfzig Jahren ausgebildet und solche Unfälle hat es früher nicht gegeben. Das liegt daran, dass heute viel mehr minderwertiges Menschenmaterial an Bord ist."

Mutter erstattet Strafanzeige

Kurz nach dem Tod soll die Stammbesatzung eine Karnevalsparty sowie eine weitere Party gefeiert haben. Dabei sollen Teile der Stammbesatzung um Geld gewettet haben. "Wer die hässlichste Offiziersanwärterin knallt, der bekommt das Geld", so der Kadett.

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Die Mutter der verunglückten Offiziersanwärterin erstattete Strafanzeige gegen die Bundesrepublik wegen fahrlässiger Tötung und erhebt Vorwürfe gegen die Ausbilder: "Wie konnten die Vorgesetzten Sarah so hoch in die Wanten schicken, obwohl sie noch gar nicht richtig angekommen war?", fragt sie im "Spiegel". Am 5. November sei ihre Tochter nach rund 20-stündiger Reise in Brasilien eingetroffen, erst früh am nächsten Morgen habe sie schlafen können. Schon am Morgen des 7. November habe der Drill begonnen. Nach dem Unfall habe es sieben Stunden gedauert, bis die Familie informiert worden sei. Auch der Bundeswehrführung macht sie Vorwürfe: "Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb", sagte sie dem "Focus". Sie vermute Vertuschung.

Guttenberg feuert Kommandanten

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zog am Samstag erste Konsequenzen und setzte Kapitän Norbert Schatz als Kommandant des Segelschulschiffs ab. Guttenberg ordnete außerdem die sofortige Rückkehr der "Gorch Fock" nach Kiel an, die Zukunft des legendären Schiffs steht infrage.

Der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Omid Nouripour, kritisierte Guttenbergs Krisenmanagement: "Morgens erklärt uns zu Guttenberg, er verbitte sich jede Vorverurteilung auf Grundlage von Medienberichten und abends entlässt er den Kommandanten des Schiffes wegen dieser Medienberichte. Das ist nur noch beliebig und kein Führungsstil."

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