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Bundeswehr: Mehr als 200 deutsche Soldaten mit Uran verseucht?

Auslandseinsätze auf dem Balkan  

Über 200 deutsche Soldaten könnten von Uran-Munition verseucht worden sein

Von Jonas Mueller-Töwe

12.08.2019, 16:23 Uhr
Bundeswehr: Mehr als 200 deutsche Soldaten mit Uran verseucht?. Deutsche Soldaten in Prizren im Kosovo: Wurden Einsatzkräfte der Bundeswehr durch Uranmunition krank? (Quelle: imago images/U. Grabowsky)

Deutsche Soldaten in Prizren im Kosovo: Wurden Einsatzkräfte der Bundeswehr durch Uranmunition krank? (Quelle: U. Grabowsky/imago images)

Soldaten der Bundeswehr fordern Entschädigung aufgrund möglicher Kontamination mit Uran aus US-Munition. Keinem der Anträge wurde bislang stattgegeben – anders als in anderen Staaten.

Über 200 Bundeswehrsoldaten haben aufgrund möglicher Kontamination mit abgereichertem Uran aus US-Munition Anträge auf Wehrdienstbeschädigung gestellt – doch keinem der Anträge wurde im Gegensatz zu anderen Staaten stattgegeben. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion im Bundestag hervor, die t-online.de vorliegt.

Demnach wurden von 1999 bis 2008 mindestens 229 Anträge gestellt – "überwiegend im Zusammenhang mit besonderen Auslandseinsätzen in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo", wie es in der Antwort heißt. Danach sei die Antragszahl deutlich zurückgegangen und deswegen nicht mehr gesondert statistisch erfasst worden. Krankheitsfälle seien nicht bekannt geworden.

Langzeitschäden hart umstritten

Die US-Armee hatte unter anderem bei den Nato-Einsätzen 1994/1995 und 1999 Munition mit panzerbrechender Wirkung eingesetzt, die sogenanntes abgereichertes Uran enthält – ein Abfallprodukt bei der Anreicherung von Uran. Ob Rückstände der Munition gesundheitliche Langzeitschäden nach sich ziehen können, ist hoch umstritten. Studien der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Atomenergieorganisation gehen von keiner besonderen Gefährdung aus.

Kritiker wie die "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" hingegen bemängeln mutmaßliche methodische Fehler der Studien und befürchten Krebserkrankungen und andere Krankheitsbilder als Folge des Munitionseinsatzes. Die Kinderkrebsrate in den betroffenen Regionen sei stark angestiegen. Zumindest müsse der Einsatz der Geschosse untersagt sein, bis es endgültige Klarheit über mögliche Langzeitschäden gebe. 

Sarajevo, 2001: Nach dem Bombardement einer Fabrik im Jahr 1995 untersuchen Nato-Kräfte das Gelände und nehmen Proben. (Quelle: Reuters)Sarajevo, 2001: Nach dem Bombardement einer Fabrik im Jahr 1995 untersuchen Nato-Kräfte das Gelände und nehmen Proben. (Quelle: Reuters)

Das Verteidigungsministerium geht laut der aktuellen Antwort ebenfalls bis heute davon aus, dass "toxikologische Risiken nur unter außergewöhnlichen Bedingungen, bis heute zu keinem Zeitpunkt eingetretenen Umständen, bestanden hätten". Der Bundesregierung seien keine deutschen Soldaten bekannt, die in Folge einer Uranexposition während eines Auslandseinsatzes erkrankt wären. 

Bei keinem Antragsteller sei demnach eine Wehrdienstbeschädigung aufgrund der Kontamination mit Uran anerkannt worden – vielmehr seien die Anträge "mit dem Ziel einer vorsorglichen Erfassung ... ohne das Vorliegen einer Erkrankung gestellt" worden. Das "radiologische Gefahrenpotenzial" für den Kosovo, wo weiterhin deutsche Soldaten eingesetzt sind, werde weiterhin als niedrig bewertet. 

Keine Langzeituntersuchung der Veteranen

Bereits 2008 hatte die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion angegeben, 7 der 229 Anträge seien abgelehnt worden. Einem sei zwar stattgegeben worden – allerdings nicht explizit aufgrund der "geltend gemachten Einwirkung durch Munition mit abgereichertem Uran". Eine Langzeituntersuchung der Veteranen sei "mangels gesundheitlicher Gefährdung ... nicht notwendig". Mit der aktuellen Anfrage des AfD-Abgeordneten Berengar Elsener von Gronow wird nun klar: Auch weiterhin wurde offenbar keinem der Anträge stattgegeben.

Der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping in Prizren: Das Strahlenrisiko sei "vernachlässigbar" sagte der Politiker 2001 – dann stellten immer mehr Soldaten Anträge auf Wehrdienstbeschädigung. (Quelle: imago images/Thomas Imo)Der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping in Prizren: Das Strahlenrisiko sei "vernachlässigbar" sagte der Politiker 2001 – dann stellten immer mehr Soldaten Anträge auf Wehrdienstbeschädigung. (Quelle: Thomas Imo/imago images)

Zuletzt hatte das Nachrichtenportal "BuzzFeed News" allerdings über ungewöhnliche Schwermetallkonzentrationen in Körpern von Kosovo-Veteranen der Bundeswehr berichtet. Mehrere besorgte Soldaten hatten demnach einem unabhängigen Forscher Proben zur Verfügung gestellt. Unter anderem vermutete ein Veteran wohl, dass die Missbildung seines Kindes auf die Uranmunition zurückzuführen sein könnte. Ein Zusammenhang der Schwermetallkonzentrationen mit der Munition konnte aber letztlich nicht belegt werden. 


Der Nato-Partner Italien hat Veteranen schon vor Jahren mit hohen Summen entschädigt. Auch dort wurden dem Bericht zufolge lediglich Schwermetalle im Gewebe eines Soldaten gefunden; trotzdem sei er demnach als Opfer von Uranmunition anerkannt worden. Auch einem britischen Soldaten wurde laut "BuzzFeed News" eine Pension zuerkannt – da die Missbildungen seiner Kinder auf den Einsatz der Uranmunition zurückzuführen seien.

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