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Heiner Geißler zerlegt Sarrazins Thesen

Heiner Geißler zerlegt Sarrazins Thesen

02.09.2010, 12:08 Uhr | t-online.de

Heiner Geißler zerlegt Sarrazins Thesen. Heiner Geißler (links) liest Thilo Sarrazin die Leviten (Fotos: dpa)

Heiner Geißler (links) liest Thilo Sarrazin die Leviten (Fotos: dpa)

Heiner Geißler, in den 80er Jahren CDU-Generalsekretär und Familienminister, galt seit jeher als "polarisierend". Provokationen wie die Behauptung, der Pazifismus der 30er Jahre habe Auschwitz mit ermöglicht, brachten ihm 1983 Reaktionen ein, die sich mit denen auf Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin durchaus messen können. Seit drei Jahren ist er Mitglied der globalisierungskritischen Organisation "attac". Im Interview mit t-online.de erteilt er Sarrazins Thesen eine klare Absage.

Herr Geißler, wie fühlt sich ein Provokateur wie Thilo Sarrazin, wenn sich halb Deutschland um seine Thesen streitet?
Über seine Befindlichkeit kann ich relativ wenig sagen. Er ist allerdings jemand, der Argumenten nicht so leicht zugänglich ist. Er bleibt auch bei nachgewiesenermaßen falschen Thesen und ist nicht bereit, sich zu korrigieren. Das habe ich schon bei Auseinandersetzungen mit ihm erlebt.

Sie haben ja früher auch manchmal gerne kräftig provoziert.
Ich habe nicht provoziert um des Provozierens willen. Manchmal muss man in der Politik zuspitzen, weil man sonst in unserer Mediendemokratie nicht gehört wird.

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Bis wohin darf man denn zuspitzen?
Die Grenze ist dann überschritten, wenn Menschen als Person oder Gruppe diskriminiert und diffamiert werden. In der Auseinandersetzung zur Sache ist dagegen eine akzentuierte Meinung auch dann zu akzeptieren, beziehungsweise zu tolerieren, wenn sie falsch ist. Man muss sie in einer Demokratie als Teil der freien Meinungsäußerung sogar schützen.

Warum wird Sarrazin dann so stark kritisiert?
Ich kritisiere ihn, weil er einen verengten Begriff von Intelligenz hat, die Muslime genetisch negativ bewertet und dadurch diese Menschen beleidigt und verletzt. Er betrachtet die Welt aus seinem deutschen Krähwinkel.

Seinen Thesen zufolge sind muslimische Einwanderer nicht nur unwillig, sondern mehr oder weniger unfähig, sich zu entwickeln.
Sie sind also minderwertig, die Nazis sagten abartig. Das ist Rassismus. Diese Theorien stehen im Gegensatz zu dem, was sich heute auf der Welt entwickelt. Die Welt wird mehr und mehr ein großes Dorf, in dem das Nationale immer unwichtiger und das Miteinander unverzichtbar wird. Außerdem gibt es nicht nur kognitive Intelligenz, die Europäer und Amerikaner besonders fördern, sondern auch intuitive, soziale, ethische, emotionale Intelligenz, wo die anderen vielleicht besser sind. Durch das Zusammentreffen entstehen die Kulturen.

Ist seine Argumentation wissenschaftlich?
Er beruft sich konsequent auf angeblich wissenschaftliche Studien. Die gibt es aber wie Sand am Meer und darauf fußende Schlussfolgerungen müssen ja nicht unbedingt richtig sein.

Glaubt man den Blogs und Leserkommentaren im Internet, dann hat er dem Volk aus der Seele gesprochen. Woher kommt diese heftige Reaktion?
Sarrazin rührt natürlich an bestimmte Ängste, die im Volk vorhanden sind, und dreht diese Ängste gegen die betroffenen Menschen. Er sagt, es kämen die falschen Migranten, nämlich bildungsferne Menschen, die zu viele Kinder bekämen, aber diesen nicht den Intelligenzquotienten vererben, der notwendig wäre, um Deutschlands Zukunft zu sichern. Er geht eben von einem falschen Intelligenzbegriff aus und unterstellt eine genetische Identität der Völker, wie er das explizit von den Juden sagt. Da sagt er das gleiche wie die Nationalsozialisten. Auch sie verwarfen den kategorischen Imperativ und behaupteten den territorialen, der auch durch die Gene begründet würde: Dass Menschen und Tiere im Bemühen ums Überleben Territorien verteidigen und neue besetzen. Sarrazin ersetzt den territorialen Imperativ durch den genetischen Imperativ. Die Wirkung ist dieselbe. 

Ist das die Lust an der Provokation oder steckt dahinter tatsächlich ein rassistisches Menschenbild?
Er hat dieses Menschenbild. Aber er beruft sich zu Unrecht auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Natürlich ist das Verhalten des Menschen auch abhängig von seinen Genen. Aber es ist weder ausschließlich erlernt, noch ist es völlig angeboren. Auch was im Genom verankert ist, ist durch Lernprozesse veränderbar. Und zwar durch die Fähigkeit des Menschen, durch freie Assoziationen von Informationen weiterzukommen – ein wesentlicher Vorgang bei allen Intelligenzleistungen. Die Fähigkeit, Gedächtnisinhalte zu kombinieren ist nicht davon abhängig, welche Gene ein Mensch trägt, sondern welche Bildung und Erziehung er genossen hat. Dass viele muslimische Kinder in den Koranschulen und vielen muslimischen Schulen und von den Eltern die Kombination von religiöser, sozialer und kognitiver Intelligenz nicht lernen, begründet ja gerade ihren schlechten Bildungsstand, den Sarrazin beklagt.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

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