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Plagiat-Affäre um Guttenberg: Ist der Minister seinen Doktortitel bald los?

Ist Guttenberg seinen Doktortitel bald los?

16.02.2011, 21:52 Uhr | AFP, dapd, dpa

Plagiat-Affäre um Guttenberg: Ist der Minister seinen Doktortitel bald los?. Fürchtet Guttenberg um seinen Doktortitel? (Foto: Reuters)

Fürchtet Guttenberg um seinen Doktortitel? (Foto: Reuters)

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) könnte bald seinen Doktortitel los sein, weil er Teile seiner Dissertation offenbar abgeschrieben hat. "Wir prüfen jetzt, ob dieser Vorwurf berechtigt ist", betonte der Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth, Markus Möstl. Während die Diskussion um die Aberkennung seines Titels in vollem Gange ist, ist Guttenberg am Mittwochabend zu einem Überraschungsbesuch in Afghanistan eingetroffen.

Es ist seine neunte Afghanistan-Reise seit seinem Amtsantritt im Herbst 2009. Zuletzt war der CSU-Politiker Mitte Dezember innerhalb weniger Tage zuerst mit seiner Frau Stephanie und dann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Hindukusch.

Guttenberg hat sich vorgenommen, die deutschen Soldaten in Afghanistan alle zwei Monate zu besuchen. Diesmal wurde er nicht von Journalisten begleitet. Das genaue Besuchsprogramm wurde zunächst nicht bekannt gegeben.

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Universität entscheidet über Aberkennung des Titels

Uni-Präsident Rüdiger Bormann sagte, Guttenberg werde zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Danach wird die Universität entscheiden, ob sie eine Rüge ausspricht, die Note herabstuft oder die Anerkennung der Dissertation entziehen wird. Beispiele dafür gibt es offenbar.

So wurde laut der Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, Debora Weber-Wulff, einem Doktoranden der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen im Nachhinein der Titel entzogen. Einen weiteren Fall habe es an der Universität in Saarbrücken gegeben.

Ein Sprecher Guttenbergs sagte: "Dem Ergebnis der Prüfung wird mit großer Gelassenheit entgegengesehen. Die Arbeit wurde nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt."

Guttenberg nennt Vorwürfe abstrus

Der Verteidigungsminister hatte sich zuvor gegen die Angriffe gewehrt: "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", teilte er mit. "Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen." An der Dissertation hätten keine seiner Mitarbeiter mitgewirkt. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung."

Dem widerspricht das ARD-Hauptstadtstudio: Guttenberg habe den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages für seine Dissertation genutzt. Als CSU-Abgeordneter soll er die Abteilung des Parlamentes wie üblich für seine allgemeinpolitische Tätigkeit als Abgeordneter mit Fachfragen beauftragt haben. Die Expertisen seien aber später teilweise in seine Dissertation eingeflossen.

Im Mittelpunkt stehen aber die Plagiatsvorwürfe. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung", der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Saarbrücker Zeitung" soll es in Guttenbergs Doktorarbeit einige Passagen geben, die wörtlich mit Formulierungen anderer Autoren übereinstimmen, ohne dass er dies gekennzeichnet hat. Die Dissertation sei an mehreren Stellen "ein dreistes Plagiat" und "eine Täuschung", zitiert die "Süddeutsche" den Bremer Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano, der die Parallelen dem Bericht zufolge bei einer Routineprüfung entdeckt hatte. Fischer-Lescano lehrt an der Universität Bremen Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht. Er ist auch Vertrauensdozent der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und hat offenbar schon für die Linkspartei gearbeitet.

Texte aus NZZ und FAZ kopiert

Die "Süddeutsche Zeitung" hat in ihrer Onlineausgabe die textgleichen Stellen dokumentiert: Dabei handelt es sich um eine Textpassage aus einem Bericht der "NZZ (Neue Zürcher Zeitung) am Sonntag" vom 22. Juni 2003, eine Passage aus einem Aufsatz des Politikwissenschaftlers Hartmut Wasser sowie aus der schriftlichen Fassung eines Vortrags des Politologen Wilfried Marxer am Liechtenstein-Institut von 2004.

Die Stellen, an denen sich ohne Nachweis wortgleiche Parallelen mit fremden Texten fänden, umfassten nach den vorliegenden Originalquellen insgesamt mehrere Seiten, heißt es in dem Bericht. "Die Textduplikate ziehen sich durch die gesamte Arbeit und durch alle inhaltlichen Teile", sagte Fischer-Lescano.

Professor: Sechs Passagen kopiert

Die "Saarbrücker Zeitung" berichtet, der CSU-Politiker habe auch Passagen des Tübinger Juristen Martin Nettesheim verwendet und nicht korrekt gekennzeichnet. Der Minister zitiert laut Bericht eines Münsteraner Rechtswissenschaftlers sechs Passagen ganz oder weitestgehend wortgleich, ohne sie in Anführungszeichen zu setzen. Auf die Quelle wird in den Fußnoten nur ungenau oder gar nicht hingewiesen.

Auch die "FAZ" hat einen Abschnitt gefunden, den Guttenberg abgeschrieben haben soll: "Der einleitende Absatz der Arbeit deckt sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in der FAZ erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig über das Vorbild Amerikas für Europa. Das Zitat ist bei zu Guttenberg weder im Text als solches kenntlich gemacht noch ist Zehnpfennig als Quelle angegeben."

User von T-Online sind gespalten

Im Artikel Zehnpfennigs heißt es demnach: "'E pluribus unum', 'Aus vielem eines' - so lautete das Motto, unter dem vor rund 200 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden, und dieses Motto ist programmatisch zu verstehen." Guttenbergs Einleitung beginnt mit den Worten: "'E pluribus unum', 'Aus vielem eines' - so lautete das Motto, unter dem vor über 215 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden. Ein Motto, das programmatisch zu verstehen ist."

Die User von T-Online sind in der Frage gespalten, ob eine Fälschung von Guttenbergs Doktorarbeit gravierend wäre. Im Voting stimmen zwei Fünftel der Leser der Aussage zu, einem Minister, der seine Doktorarbeit gefälscht hat, nicht mehr vertrauen zu können. Ebenfalls zwei Fünftel sind der Meinung, dass jeder mal schummelt - und sie Guttenbergs Fälschung deshalb nicht schlimm fänden. Zirka 15 Prozent glauben, den Fall nicht beurteilen zu können.

Professor: Guttenberg war einer meiner besten Doktoranden

Die Schweizer Journalistin Klara Obermüller, bei der Guttenberg ebenfalls abgeschrieben haben soll, findet das Verhalten "nicht sehr ehrenhaft und eigentlich auch nicht sehr klug". So etwas komme immer heraus, sagte die Autorin. "Es kostet ja keine Mühe, Anführungszeichen zu machen - vorne eins, hinten eins, die Quelle angeben, und schon ist man schön raus und hat den Gedanken trotzdem drin."

Der Doktorvater von Guttenberg, Professor Peter Häberle, nahm den CSU-Politiker in Schutz: "Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat", sagte Häberle der "Bild"-Zeitung. "Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert." Gleichzeitig betonte der inzwischen emeritierte Wissenschaftler: "Herr zu Guttenberg war einer meiner besten Seminaristen und Doktoranden."

Roth: "Man sollte sich wenigstens nicht erwischen lassen"

Grünen-Chefin Claudia Roth sagte der "Leipziger Volkszeitung", für Guttenberg gelte bis zu einem Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung. Sie sagte aber auch: "Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen." Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte: "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann."

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis nahm Guttenberg in Schutz. "Er wird von allen Seiten angegriffen, weil er ein so hohes Ansehen in der Bevölkerung hat", sagte Geis der "Mitteldeutschen Zeitung" aus Halle. Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt hat die Plagiatsvorwürfe als "ungehörig" zurückgewiesen. "Da steckt eine Kampagne dahinter". Der CSU-Politiker verwies darauf, dass Andreas Fischer-Lescano dem linken Spektrum zuzuordnen sei. Der Bremer Jurist sitzt im Kuratorium des "Instituts solidarische Moderne", dem unter anderen die stellvertretende Linke-Chefin Katja Kipping und die hessische SPD-Landtagsabgeordnete Andrea Ypsilanti angehören. Schmidt sprach von der "kommunistischen Ypsilanti-Initiative".

CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich betonte, dem Staatsverständnis des italienischen Kommunistenführers Antonio Gramsci habe Fischer-Lescano ein ganzes Buch gewidmet und für die Linke im Bundestag ein Rechtsgutachten geschrieben, wie eine militärische Nutzung von Flughäfen gerichtlich unterbunden werden könne. "Solchen Umtrieben steht ein beliebter bürgerlicher Politiker im Weg." Friedrich betonte: "Dieser Angriff aus der linken Szene ist nichts weiter als eine politische Sauerei."

Angela Merkel warnte vor einer Vorverurteilung. "Die Bundeskanzlerin hat davon wie der Rest der Republik auch gerade erst erfahren, interessiert sich dafür und glaubt, dass es beim Ombudsmann der Universität Bayeruth in genau den richtigen Händen ist", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Es sei jetzt sinnvoll, "das Verfahren abzuwarten".

"Professorale Geduld" und "familiärer Druck"

Guttenberg hatte seine Arbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" 2006 an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät eingereicht. 2007 wurde er dann mit der Bestnote summa cum laude zum Dr. jur. promoviert. Ob Guttenberg womöglich der Doktortitel aberkannt wird, kann nur die Universität Bayreuth entscheiden.

2009 veröffentlichte der Fachverlag Duncker & Humblot die fast 500 Seiten umfassende Doktorarbeit in der Reihe "Schriften zum internationalen Recht". Die Arbeit an dieser "familienunfreundlichen Lektüre" fiel Guttenberg nicht leicht, wie er in seinem Vorwort einräumt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung begann es mit der Karriere des heute 39-Jährigen rasant aufwärtszugehen - er trat die Nachfolge des amtsmüden Wirtschaftsministers Michael Glos (CSU) an. Günstige Zeitpunkte zur Fertigstellung der Arbeit habe er durch freiberufliche wie später parlamentarische "Ablenkung" versäumt, bedauert der CSU-Politiker, der seit 2002 dem Bundestag angehört. Geschafft habe er es schließlich dank einer "bemerkenswerten Mischung aus eherner professoraler Geduld" sowie einem "sanften, aber unerbittlichen familiären Druck".

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