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Fischer, Steinbrück & Co.: Comeback in Silbergrau

Comeback in Silbergrau

21.04.2011, 09:39 Uhr | Sebastian Fischer & Veit Medick, Spiegel Online, Spiegel Online

Fischer, Steinbrück & Co.: Comeback in Silbergrau. Joschka Fischer: Der Ex-Außenminister ziert sich, fühlt sich aber geschmeichelt, dass manche ihn als Kanzlerkandidat der Grünen sehen möchten (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Joschka Fischer: Der Ex-Außenminister ziert sich, fühlt sich aber geschmeichelt, dass manche ihn als Kanzlerkandidat der Grünen sehen möchten (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Plötzlich mischen sie wieder mit, sie debattieren, dirigieren und regieren: In der Politik ist die Generation Silbergrau zurück. Fischer, Steinbrück, Geißler und Co. stehen bei den Bürgern hoch im Kurs. Versagt die junge Garde?

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Joschka Fischer, 63, wird als Kanzlerkandidat gehandelt. Peer Steinbrück, 64, stürmt die Beliebtheitsskalen. Winfried Kretschmann, 62, zieht in die Stuttgarter Staatskanzlei ein. Heiner Geißler, 81, erklärt den Deutschen ein paar Grundregeln des demokratischen Miteinanders. Und der 67-jährige Oskar Lafontaine kokettiert mit einem Comeback in der Bundespolitik.

Nanu? Was ist denn da los?

Das Land erlebt dieser Tage einen merkwürdigen Aufbruch. Es ist die Rückkehr der Polit-Oldies. Jene, die schon weg waren, sind plötzlich wieder schwer im Kommen. Jene, die zu den Auslaufmodellen in der Politik zählen müssten, erleben ihren zweiten Frühling. Sie mischen sich ein und sticheln gegen die Jugend, sie übernehmen die Macht oder erleben zufrieden, dass man sie ihnen wieder antragen will. Die Generation Silbergrau steht bei den Bürgern hoch im Kurs. Wahrscheinlich so hoch wie nie zuvor.

Die Grünen-Führung kann ein Lied davon singen. Sie muss sich nicht nur mit einer Kanzlerkandidaten-Debatte abplagen, sondern auch mit einem vermeintlichen Gespenst. Joschka Fischer ist wieder da. Kein aktiver Grüner hätte laut Umfragen mehr Chancen gegen Angela Merkel als der ehemalige Außenminister. Fischer sagt: "Ich fühle mich geehrt, dass man mir das zutraut. Aber das ist es dann auch." Doch man darf durchaus annehmen, dass der Ex-Sponti den Rummel genießt.

Kantige Haudegen statt unscheinbarer Politfunktionäre

Die Sehnsucht nach den alten Haudegen kommt nicht von ungefähr. Seit dem Rücktritt des juvenilen CSU-Stars Karl-Theodor zu Guttenberg herrscht Bedarf an Politikern, die eine Geschichte zu erzählen haben. Die ein Leben mitbringen - und nicht nur eine Karriere, wie SPD-Chef Sigmar Gabriel zu sagen pflegt. Alte Haudegen, die Führung versprechen, Kante zeigen, schillern.

Daran mangelt es in Deutschland, Version 2011. Denn regiert wird das Land von schnörkellosen Polit-Funktionären, Typ Fachpolitiker. Solide sind sie, unauffällig. Keine Bauchmenschen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bringt es auf den Punkt: "Angela Merkel ist überall." Das macht die Polit-Oldies zum politischen Gegenentwurf. Mancher wirkt da schon fast wie ein Hoffnungsträger.

Hinzu kommt: Es ist eine Rolle, die die Alten allzu gerne spielen. Wer wäre da nicht geschmeichelt? "Graue, weiße Männer", sagte CSU-Chef Horst Seehofer kürzlich, seien wie Hütten, auf denen Schnee liege. Was aber nicht heißen solle, dass im Herd kein Feuer mehr brenne. Das war durchaus als Warnung zu verstehen.

Vorsicht, Vorsicht. Schreibt uns nicht ab.

Tatsächlich ist der Dino-Trend nicht ohne politische Brisanz. Im Land ist ein Generationenkampf entbrannt, Alt gegen Jung, Veteran gegen Lehrling. "Fleißig sind sie. Aber ihre Kenntnisse der Geschichte sind nicht ganz ausreichend", zieht Altkanzler Helmut Schmidt süffisant seine Erben auf. Heiner Geißler lästert ausgerechnet im "Playboy" über den politischen Nachwuchs. "Wir haben heute zu viele betriebswirtschaftlich desorientierte Yuppies in den Jugendorganisationen", kritisiert er. Früher habe es in der Politik "mehr gebündelte Intelligenz" gegeben.

Die junge Generation ist in einer ernsten Krise

Eigentlich müssten solche Sätze der jungen Politikergeneration zu denken geben. Die Alten sticheln. Sie drängen wieder nach vorne. Oder sie werden nach vorne geschoben. Mancher klebt auch wie mit Pattex an seinem Sessel. Egal. Es sind Ohrfeigen für die Nachfolger. Die sind in einer ernsten Krise und müssen aufpassen, dass sie nicht unter die Räder geraten.

Genau das ist kürzlich geschehen: beim Streit um die Hartz-IV-Reform. Als nichts mehr ging, nahmen die Ministerpräsidenten Horst Seehofer, Kurt Beck und Wolfgang Böhmer die Sache in die Hand. Die drei bringen es zusammen auf stolze 198 Lebensjahre. Und plötzlich lief es, im Bundesrat stand der Kompromiss. "Eine Sache, an der eine Bundesregierung und vier Fraktionen gescheitert sind, wird durch drei Männer, die auch schon ein paar graue Haare haben, wieder in Gang gebracht", sagte Beck nachher, den Triumph in der Stimme.

Es war der Durchbruch der Silbergrauen.

"Je älter ich werde, desto weniger halte ich von Altersgrenzen", rief Seehofer denn auch beim Politischen Aschermittwoch in Passau in die Halle. Ein paar Wochen später stand der 61-Jährige neben seinen Landesministern Markus Söder und Christine Haderthauer: "Schaut her", sagte er, "meine Nachfolger im Jahr 2011. Im vergangenen Jahr waren es andere, 2012 werden es wieder andere sein. Das geht jetzt noch zehn Jahre so."

Auch für Seehofer selbst soll noch lange nicht Schluss sein. Vorsitzender des Übergangs? Ministerpräsident auf Abruf? Seit Guttenbergs Abgang ist das passé. Seehofer will 2013 bei der Bayern-Wahl noch mal ran: "Ich höre, es gibt wenige, die das ernsthaft bezweifeln."

Junge Liberale begnügen sich mit Kuschel-Putsch

Trübe Aussichten für die Jungen. Wie wenig sie den Veteranen derzeit entgegenzusetzen haben, zeigt sich auch in der FDP. Statt der existentiellen Krise mit einem radikalen Schnitt zu begegnen und die Verantwortlichen in den Ruhestand zu schicken, begnügten sich die Jungen um den designierten Parteichef Philipp Rösler mit einem Kuschel-Putsch.

Als der gewiefte Taktiker Rainer Brüderle ankündigte, ihn müsse man schon "blutig" entsorgen, zuckten Rösler und Co. zurück. So ist der 65-Jährige noch immer Wirtschaftsminister, obwohl sein FDP-Landesverband, den er seit fast 30 Jahren führt, bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz abgeschmiert und aus dem Parlament geflogen ist. Von Rösler droht ihm wohl keine Gefahr mehr. Nun scheint Brüderle sogar noch einmal als Vizechef der Bundespartei kandidieren zu wollen.

Ganz oft geht das Spiel so: Weil sich die Jungen nicht einig sind, machen eben die Alten einfach immer weiter. Oder starten erst so richtig durch. Beispiel Gerda Hasselfeldt. Die CSU-Landesgruppe in Berlin konnte sich nicht auf einen neuen Vorsitzenden einigen - im Rennen waren unter anderem der 40-jährige Generalsekretär Alexander Dobrindt und der 35-jährige JU-Vorsitzende Stefan Müller - da entschied sich Seehofer für die 60-Jährige. Seit beinahe einem Vierteljahrhundert sitzt die allseits geachtete Hasselfeldt im Bundestag, war schon Bau- und Gesundheitsministerin unter Helmut Kohl. Sie sagt: "Es gehörte nicht zu meiner Lebensplanung, die Landesgruppe zu führen." Doch nun legt sie los.

Die Generation Silbergrau - sie läuft und läuft und läuft. Hasselfeldts Nachfolge als Bundestagsvizepräsident hat Eduard Oswald angetreten. Natürlich auch ein Oldie und Ex-Ressortchef: Der 63-Jährige war Kohls letzter Bauminister.

Und auch die SPD zerrt plötzlich wieder Politiker ans Tageslicht, die zuletzt ein wenig in Vergessenheit geraten waren. Als Frank-Walter Steinmeier kürzlich seine Bundestagsfraktion umkrempelte und die vergleichsweise junge Abgeordnete Sabine Bätzing mit dem wichtigen Thema "Generationen" betraute, stellte er ihr einen altbekannten Genossen an die Seite: Franz Müntefering.

Der Mann ist stolze 71.

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