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Berufung auf das Grundgesetz: Deutsche Leidkultur

Berufung auf das Grundgesetz  

Deutsche Leidkultur

13.12.2010, 11:15 Uhr | von Alan Posener

Berufung auf das Grundgesetz: Deutsche Leidkultur. Vorsicht Leitkultur!

Vorsicht Leitkultur!

Was ist das für ein Ding, die deutsche Leitkultur? Handelt es sich um eine Kultur, die Deutsche quasi von Geburt an haben und die andere leiten soll? Oder handelt es sich um eine zu erlernende Kultur, die auch Deutsche leiten sollte? Wie wäre sie zu definieren? Wer bestimmt, was zu dieser Kultur gehört? Und, wenn wir schon beim Fragen sind: Wie kann Kultur überhaupt "leiten“? Und wohin?

Nun haben die Kanzlerin und ihr Präsident den Begriff mit Inhalt gefüllt, und man muss ihnen dankbar sein, denn ab sofort ist er endgültig nicht mehr zu gebrauchen. Die "Leitkultur“ dieses Landes ist nunmehr ausweislich seiner höchsten Repräsentanten christlich-jüdisch. Man möchte erwidern: Das glaube ich, wenn das Laubhüttenfest ein offizieller Feiertag ist und die Geschäfte am Samstag geschlossen bleiben. Aber Spaß beiseite: Beginnend mit Bassam Tibis Aufforderung an den Islam, die "europäische Leitkultur“ – also die Leitlinien der Aufklärung – zu übernehmen und auf diese Weise zum aufgeklärten, demokratiekompatiblen "Euro-Islam“ zu werden, sind wir nun angelangt bei der Leitkultur als Kampfbegriff gegen den Islam – und gegen die Aufklärung.

Dass unsere europäische Kultur vom Christentum geprägt ist – wer wollte das leugnen? Das stimmt im Guten wie im Bösen, etwa im Erbe des Antisemitismus. Vom Judentum ist unsere Kultur hingegen, auch wegen jenes christlichen Antisemitismus, aber auch wegen der jüdischen Vorliebe für ihre eigene Parallelgesellschaft, überhaupt nicht geprägt, und wer von einer christlich-jüdischen Leitkultur schwafelt, beschämt sich und beleidigt andere. Als die Kölner etwa nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Stadt neu aufbauten: Dachten sie etwa daran, dort, wo die vom antisemitischen Mob abgefackelte Altstadtsynagoge stand, eine neue aufzubauen – oder wenigstens den Platz leer zu lassen und nach ihr zu benennen? Ach wo. Sie bauten dort, wo schon die Nazis "Kultgebäude“ errichten wollten, ihre neue Oper und hörten dort ihren Wagner. "Christliche Leitkultur“, das könnte man noch akzeptieren als Beschreibung für den Zustand Westdeutschlands unter Konrad Adenauer, und wie das konkret aussah, hat Heinrich Böll gut beschrieben. Aber "christlich-jüdisch“? Schmarren.

Die antireligiöse Moderne

Genauso stark wie vom Christentum ist unsere Kultur – vielleicht nicht auf dem Dorf bei Mainz, wo Sie herkommen, Herr Görlach, aber in der ehemaligen Revolutionsstadt Mainz gewiss, ebenso wie in Frankfurt am Main und an der Oder – vom Kampf gegen die Religion geprägt. Von Luthers Kampf gegen Rom wollen wir hier noch gar nicht reden, obwohl mit seinem "Hier stehe ich …“ alles anfängt, wohl aber von der Renaissance und der Aufklärung, von den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, vom Liberalismus und von der Arbeiterbewegung. Und im 20. Jahrhundert von der, jetzt in der Tat stark jüdisch geprägten, Explosion der areligiösen, oft antireligiösen Moderne.

Die Union mag ihre Leitkultur (was das auch immer sein mag) als "christlich-jüdisch“ bezeichnen. Das ist dann bloß verlogen und bedeutet, dass ein Ehebrecher wie Seehofer ggf. die "Kultur der christlichen Barmherzigkeit“ heranzieht, um nicht zurücktreten zu müssen. Aber weder die Kanzlerin noch ihr Präsident haben das Recht, dem Land eine andere Leitkultur als das Grundgesetz zu verpassen. Darauf hat Christian Lindner verwiesen, und dafür muss man ihm dankbar sein. Auch Sie müssten ihm dankbar sein, Herr Görlach, denn das Reich Christi ist, wie Sie wissen, "nicht von dieser Welt“, und nicht einmal Ihre Kirche kann ohne Weiteres von sich behaupten, eine "christliche Leitkultur“ zu besitzen.

Alan Posener: Er schrieb Bücher über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare, Franklin D. Roosevelt und die Jungfrau Maria. Was haben all diese Figuren gemein? Nicht viel. Doch sie zeigen das breite Interesse von Alan Posener, geboren 1949 in London. Er studierte an der FU Berlin Anglistik und Germanistik und war in dieser Zeit im Kommunistischen Studentenverband aktiv. Seit 1999 arbeitet er für die Welt und Welt am Sonntag. 2007 geriet er mit Bild-Chef Kai Diekmann aneinander, nachdem er ihn auf Welt Online "scheinheilig" genannt hatte.

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